München - In seiner letzten SPORT1-Kolumne ordnet Thomas Strunz Kritik von Philipp Lahm an Joachim Löw ein - und ahnt zu wissen, was dieser damit bezwecken will.

von Thomas Strunz

Hallo Fußball-Freunde,

Philipp Lahm hat in dieser Woche öffentliche Kritik an Bundestrainer Joachim Löw geübt und ihn aufgefordert, seinen "kollegialen" Führungsstil zu ändern.

Das ist eine Frontalkritik, die ich nicht zielführend finde: Er stellt Löw so dar, als wäre er einer, der die Dinge immer hat laufen lassen. Ganz so ist es ja nicht: Löws Art und Weise, eine Mannschaft zu führen, hat Deutschland zum Weltmeister gemacht - und gerade auch Lahm hat von diesem Führungsstil profitiert. Davon, dass Löw seine Spieler eingebunden, sie mit in die Verantwortung genommen hat.

Die Idee, als Trainer seinen Führungsstil zu ändern, hat ihre Tücken. Als Trainer musst du in allererster Linie authentisch sein. Wenn du das nicht bist, hast du bei einer Mannschaft innerhalb der ersten fünf Minuten verloren. Da könnte Löw gleich zurücktreten.

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Für mich ist klar, was Lahm mit seiner bemerkenswerten Wortmeldung bezweckt: Das war das ein Bewerbungsschreiben als Oliver-Bierhoff-Nachfolger.

Ob es wirklich so kommt, dass Lahm den Job als DFB-Manager bekommt? Abwarten. Vielleicht kommt es anders, und es wird ja noch ein Posten für ihn geschaffen, zum Beispiel mit Blick auf die DFB-Akademie, was eine Herkules-Aufgabe ist.

Eine Person alleine kann die Nationalmannschaft jedenfalls nicht aus der Krise führen, denn es gibt eine Menge zu tun in Fußball-Deutschland: Es gibt viele gut ausgebildete Spieler, aber wenige, die sich gegen Widerstände durchsetzen können. Spieler müssen lernen, auch mit Kritik umzugehen. Da gibt es in der Ausbildung extreme Defizite.

Es braucht einen Restart im Juniorenbereich. Ich sehe nicht, dass wir da ein Füllhorn an Talenten hätten, aus dem in ein paar Jahren der neue Topstar, ein deutscher Mbappe hervorgehen wird.

Was Lahm persönlich angeht: Viele werfen ihm knallhartes Eigeninteresse vor, ein Egoist zu sein. Ich würde ihm daraus nicht prinzipiell einen Vorwurf stricken, denn machen wir uns nichts vor: Du musst in diesem Geschäft egoistisch sein, um nach vorn zu kommen.

Generell hätte ich mir von Lahm aber noch ein paar konkretere Aussagen gewünscht. Warum gibt er nicht mal ein Interview in der Ich-Form und sagt, was er jetzt verändern würde. Stattdessen fängt er immer an mit "Man sollte", "Man könnte" - da könnte er klarere Ansagen machen.

Euer Thomas Strunz

Ex-Nationalspieler Thomas Strunz war bis zu diesem Wochenende als Experte im CHECK24 Doppelpass tätig. Der Europameister von 1996 wechselte sich bei der sonntäglichen Doppelpass-Kolumne mit Reinhold Beckmann und Marcel Reif ab.