München - Nach dem WM-Fiasko und der Erdogan-Affäre kündigt DFB-Boss Reinhard Grindel gravierende personelle Veränderungen an. SPORT1 zeigt, wer gehen könnte.

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Die Ansage von Reinhard Grindel war unmissverständlich.

Das historische WM-Fiasko der deutschen Nationalmannschaft in Russland und die nicht endende Debatte um das Treffen von Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Staatsoberhaupt Recep Tayyip Erdogan ließen ihm auch keine andere Wahl.

Es werde in den kommenden Monaten "gravierende Veränderungen, möglicherweise im Team" sowie "beim Team hinter dem Team" geben, kündigte der Präsident des DFB am Montag in einem Interview mit dem kicker an: "Die Signale aus der Mannschaft und von Oliver Bierhoff sagen mir, dass es personelle Entscheidungen geben muss."

SPORT1 zeigt, wer jetzt wackelt.

- Mesut Özil

Sowohl Präsident Grindel als auch Teammanager Bierhoff erhöhten öffentlich den Druck auf den in Ungnade gefallenen Spielmacher. Der Tenor: Özil müsse sein mittlerweile acht Wochen andauerndes Schweigen zur Erdogan-Affäre endlich brechen.

Die Fans würden "zu Recht" eine Antwort erwarten, meinte Grindel. "Deshalb ist für mich völlig klar, dass sich Mesut, wenn er aus dem Urlaub zurückkehrt, auch in seinem eigenen Interesse äußern sollte."

Was im anderen Fall passiere, formulierte Grindel nicht aus. Es liegt aber nahe, dass die DFB-Bosse einen Rauswurf von Özil trotz dessen guter Beziehung zu Bundestrainer Joachim Löw in Erwägung ziehen würden.

Bierhoff war schon vor Grindels Forderung in einem brisanten Interview mit der Welt von dem 29 Jahre alten Mittelfeld-Star des FC Arsenal abgerückt. Man hätte überlegen müssen, "ob man sportlich auf ihn verzichtet", lauteten Bierhoffs umstrittene Worte.

Diese stellte er im Nachhinein zwar als "falsch interpretiert" dar. Trotzdem lesen sich gerade Grindels Aussagen wie ein Ultimatum an Özil. Gut möglich, dass die immer wieder von Unruhe geprägte Ehe zwischen dem Linksfuß und dem DFB nach neun Jahren zu Ende geht. 

Özils Vater Mustafa meinte jedenfalls vielsagend in der Bild am Sonntag: "Er ist geknickt, enttäuscht und gekränkt. Und ja: auch beleidigt. Er möchte sich nicht mehr erklären, möchte sich nicht immer verteidigen müssen. Er hat viel geleistet für dieses Land." 

- Thomas Schneider und Marcus Sorg

Löw hat sich auf Wunsch von Grindel und Bierhoff zum Bleiben entschieden. Das heißt aber nicht, dass sein Trainerteam unantastbar ist. Das blamable WM-Aus als Letzter in einer Gruppe mit Mexiko, Schweden und Südkorea ging auch auf die Kappe von Löws Assistenten Schneider und Sorg.

Der frühere Bundesliga-Trainer Christoph Daum bemängelte im CHECK24 Doppelpass auf SPORT1 am Sonntag, Löw habe ein "Korrektiv" wie Hansi Flick gefehlt.

Dem schloss sich auch der frühere Mediendirektor des DFB, Harald Stenger, an. Flick habe stets "akribisch gearbeitet" und "vieles geerdet". Es müsse künftig wieder "Reibungen" zwischen Chef- und Co-Trainer geben.

Vor allem Schneider werden geringe Chancen auf einen Verbleib zugeschrieben. "Den werden wir vermutlich nicht mehr sehen", meinte Stenger.

Sorg könnte die Tatsache retten, dass er bei den Spielen zumeist als Beobachter mit einem Headset auf der Tribüne Platz nahm, um Erkenntnisse aus der "Vogelperspektive" zu sammeln. Er hatte weniger Einfluss als Schneider, der in Russland immerhin direkt neben Löw auf der Bank Platz nahm.

Grindel ließ im kicker bereits durchklingen, nur einem der beiden Assistenten die Tür zeigen zu wollen: "Was das vertrauliche Miteinander innerhalb der Mannschaft und den Austausch zwischen Mannschaft und Trainer angeht, ist weniger manchmal mehr."

- Urs Siegenthaler 

Die schlechte Einschätzung der Gruppengegner und mangelhafte Analyse ihrer Spielphilosophien waren Hauptgründe für die deutsche WM-Schmach. Vor allem Auftaktkontrahent Mexiko überraschte die Löw-Elf mit schnellen Gegenangriffen.

Insofern gilt es auch die Scoutingabteilung des DFB in Frage zu stellen. Chefscout Urs Siegenthaler soll innerhalb der Mannschaft längst nicht mehr unumstritten sein.

Wie die Bild zuletzt berichtete, habe der mittlerweile 70 Jahre alte Schweizer in seinen Analysen sogar die Namen einiger gegnerischer Spieler verwechselt.

Eine Trennung nach 13 gemeinsamen Jahren ist keineswegs ausgeschlossen.

- Georg Behlau und Uli Voigt

Es war die vielleicht unschönste Szene des Turniers: Nach dem Last-Minute-Sieg im zweiten Gruppenspiel gegen Schweden (2:1) jubelten die beiden DFB-Funktionäre demonstrativ vor den Augen des Gegners.

Der DFB entschuldigte sich schon unmittelbar nach dem Spiel für das respektlose Verhalten an der Seitenlinie und verwarnte Behlau und Voigt. Dass sie in Zukunft noch für den Verband tätig sein werden, ist eher unwahrscheinlich.

Behlau (49) agiert als Leiter des Büros der deutschen Nationalmannschaft. Er organisiert hauptsächlich die Reisen der "Großen" und der U21. Voigt (65) arbeitet im Medienteam. Er koordiniert die Zusammenarbeit mit den Fernsehsendern.

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