München - DFB-Präsident Reinhard Grindel weist die Vorwürfe von Mesut Özil, gesteht aber Fehler. Seine Erklärung ist eine strategische Verteidigung in eigener Sache.

von Martin Hoffmann , Sportinformationsdienst

DFB-Präsident Reinhard Grindel hat die Rassismus-Vorwürfe gegen ihn entschieden zurückgewiesen - und ist in seinem ersten Statement nach dem Rücktritt von Mesut Özil zur Vorwärtsverteidigung in eigener Sache übergegangen.

Der 56-Jährige räumte dabei auch Fehler im Umgang mit Özil ein: "Rückblickend hätte ich als Präsident unmissverständlich sagen sollen, was für mich als Person und für uns alle als Verband selbstverständlich ist: Jegliche Form rassistischer Anfeindungen ist unerträglich, nicht hinnehmbar und nicht tolerierbar", schrieb Grindel in einer Stellungnahme am Donnerstag. Dies gelte "im Fall Jerome Boateng, das gilt für Mesut Özil, das gilt auch für alle Spieler an der Basis, die einen Migrationshintergrund haben".

Özil war am vergangenen Sonntag aus der Nationalmannschaft zurückgetreten und hatte in den sozialen Medien zu einem Rundumschlag gegen seine Kritiker, die Medien, ausgewählte Sponsoren und den DFB ausgeholt.

Grindel attackierte er scharf und warf ihm dabei auch persönlich Rassismus vor ("In den Augen von Grindel und seinen Unterstützern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Migrant, wenn wir verlieren").

Grindel von Özil-Kritik getroffen

"Ich gebe offen zu, dass mich die persönliche Kritik getroffen hat", sagte Grindel: "Noch mehr tut es mir für meine Kollegen, die vielen Ehrenamtlichen an der Basis und die Mitarbeiter im DFB leid, im Zusammenhang mit Rassismus genannt zu werden. Für den Verband und auch für mich persönlich weise ich dies entschieden zurück."

Özil selbst hatte den Rassismus-Vorwurf allerdings nur gegen die DFB-Spitze und konkret gegen Grindel erhoben und dabei auch Manager Oliver Bierhoff und Bundestrainer Joachim Löw von seiner Kritik ausgenommen.

---

Lesen Sie auch:

- Das sagen SPORT1-User zur Özil-Debatte

- Rummenigge: Hoeneß mochte Özil nie

---

Grindel führte in seiner Verteidigung aus: "Vielfalt, Solidarität, Antidiskriminierung und Integration, das alles sind Werte und Überzeugungen, die mir sehr am Herzen liegen."

Deshalb habe der DFB das vor der WM in Russland entstandene (Wahlkampf-)Foto von Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan kritisiert. "Ich bedauere es sehr, dass dies für rassistische Parolen missbraucht wurde", sagte Grindel.

Den rassistischen Beschimpfungen gegen Özil und Gündogan - unter anderem beim folgenden Länderspiel - hatte der DFB allerdings zu lange zu wenig Beachtung geschenkt. Grindel selbst hatte Özil zuerst kritisiert, dann verteidigt und nach dem WM-Aus dann doch wieder eine öffentliche Erklärung von ihm verlangt.

Grindel erwähnt Rücktritt nicht

Die deshalb selbst aus der Politik laut gewordene Forderung nach einem Rücktritt erwähnte Grindel gar nicht erst. Im Gegenteil sprach er über die Ziele des Verbands in den kommenden Wochen und Monaten, an denen "gemeinsam" und "mit großem Engagement" gearbeitet werde. Der Debatte "über Rassismus im Allgemeinen und die Integrationsfähigkeit des Fußballs", zu der sich selbst Staatsoberhäupter geäußert haben, werde er sich "nicht entziehen". Das würde er allerdings auch nicht können.

Am Dienstag hatte sich auch Erdogan selbst eingeschaltet und auf die Seite von Özil gestellt, der seit seiner Stellungnahme schweigend mit dem FC Arsenal in Singapur weilt. Aber auch in Deutschland haben sich diverse relevante Politiker - am Donnerstag auch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble - kritisch über den DFB und Grindel geäußert.

Grindel gilt wegen seines Managements des Falls Özil als angezählt, seine Erklärung ist daher auch als Versuch zu sehen, die Deutungshoheit über das Thema zurückzugewinnen.

Die Strategie, die dabei sichtbar wird: Der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete bekennt, nicht alles richtig gemacht zu haben und nimmt seinen Kritikern damit Wind aus den Segeln. Zugleich präsentiert er sich aber als entschlossener Beschützer seines unter Beschuss geratenen Verbands - der die Möglichkeit eines Rückzugs nicht mal zur Sprache bringt.

Dass die Diskussion - auch vor dem Hintergrund der Vergabe der EM 2024 an Deutschland oder die Türkei - noch längst nicht ausgestanden ist, wird allerdings auch Grindel wissen.