München - Uli Hoeneß nennt Mesut Özil einen Alibi-Kicker. Ist die vernichtende Kritik des Bayern-Präsidenten berechtigt? SPORT1 analysiert die Werte des zurückgetretenen DFB-Stars.

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Einen Tag nach dem Rücktritt von Mesut Özil hat Bayern-Präsident Uli Hoeneß mit einer wahren Schimpftirade gegen den Arsenal-Profi für den nächsten Paukenschlag gesorgt.

Hoeneß konzentrierte sich in seiner massiven Kritik auf den sportlichen Bereich und unterstellte Özil, er sei ein "Alibi-Kicker."

"Er macht das vordergründig wegen der angeblich schlechten Behandlung durch den DFB, allerdings sollte er sich mal hinterfragen, wann er den letzten Zweikampf gewonnen hat. Das ist Jahre her", polterte der 66-Jährige.

Schon beim WM-Gewinn 2014 sei Özil ein "reiner Mitläufer" gewesen und "kurz davor rauszufliegen". Der Frontalangriff des Bayern-Chefs gipfelte in einem Satz aus der berüchtigten 'Abteilung Attacke': "Er hat seit Jahren einen Dreck gespielt und jetzt sollen Grindel, Löw oder Bierhoff schuld sein."

Ist Özil wirklich nur ein "Alibi-Kicker", der in den letzten Jahren "einen Dreck spielte" und keinen Zweikampf gewann, wie es Hoeneß überspitzt darstellt (worauf Özils Berater Erkut Sögüt am Montagabend harsch antwortete)? SPORT1 macht den großen Özil-Check und analysiert seine Werte in der Nationalmannschaft.

Torvorlagen: Keiner wie Özil

92 Länderspiele hat der gebürtige Gelsenkirchener bestritten, bevor er am Sonntag aus dem DFB-Team zurücktrat.

Oberflächlich betrachtet ist seine Ausbeute durchaus respektabel. 23 Tore und 33 Assists sammelte Özil, seit er am 11. Februar 2009 im Alter von 20 Jahren beim 0:1 gegen Norwegen unter Bundestrainer Joachim Löw debütierte.

Vor allem seine Torvorlagen sprechen eine deutliche Sprache. Kein anderer DFB-Spieler bereitete seit Özils DFB-Debüt auch nur annähernd so viele Treffer vor. Thomas Müller (23) und Lukas Podolski (12) reihen sich mit gebührendem Abstand hinter dem Deutsch-Türken ein.

Blickt man tiefer in die Statistik-Tools, kommt Özils Wert für die Nationalelf selbst bei der desaströsen WM in Russland zum Vorschein. Laut dem Daten-Dienstleister Deltatre war der frühere Real-Star in einer Statistik sogar ganz vorne: Kein anderer WM-Spieler erarbeitete im Schnitt so viele Chancen wie Özil (5,5 pro Spiel).

Starke Zweikampfwerte

Insgesamt lieferte er in den beiden Partien gegen Mexiko (0:1) und Südkorea (0:2) sogar zwölf Torschussvorlagen. Zum Vergleich: Bei der WM in Brasilien standen bei ihm in sieben Partien 22 auf dem Zettel.

Auch bei den Fehlpässen blieb Özil auf konstant niedrigem Niveau. Nur 10,9 Prozent seiner Abspiele kamen in Russland nicht an - damit hatte er bessere Werte als bei der WM 2014 (12,1) oder seiner gesamten DFB-Karriere (11,3).

Seine Rolle als Regisseur füllte er zudem so aus, wie man es erwarten konnte - zumindest sagen das die Daten. Im Schnitt war er bei den beiden Partien 93 Mal am Ball, also wesentlich öfter als noch in Brasilien (61). 

Wie aber schlug sich Özil im Zweikampf - dem Hauptkritikpunkt von Hoeneß? Die WM-Daten können die These des Bayern-Chefs nicht untermauern.

In Russland bestritt der deutsche Spielmacher insgesamt 23 Zweikämpfe und gewann davon 56 Prozent - für einen offensiven Mittelfeldspieler ein ausgesprochen guter Wert. 

Lethargie als größte Schwäche

Damit lag er auch in diesem Bereich besser als bei der gewonnenen Weltmeisterschaft 2014 (40,7) und in seiner gesamten Nationalelf-Karriere (45,8).

Wie kann es aber sein, dass das subjektive Empfinden von Hoeneß sich in keiner Weise mit den tatsächlichen Fakten deckt? 

Eine mögliche Erklärung ist Özils Körpersprache, die von vielen als Lethargie ausgelegt wird. Özil ist nicht der Typ, eine Mannschaft aufzurichten, wenn es in die falsche Richtung läuft.   

Weder gegen Mexiko noch gegen Südkorea ging Özil voran, als das Team nach dem Rückstand einen Leader brauchte. Als Anführer, das war aber schon lange vor dem Turnier klar, ist er nicht geeignet.

Dennoch fiel Özil im deutschen Kollektiv keineswegs ab, sondern versuchte im Rahmen seiner Möglichkeiten die Blamage zu verhindern. Seine Ideen verpufften jedoch - und letztlich ging auch er mit dem Team unter.

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