Erstmals äußert sich Mesut Özil öffentlich zur Erdogan-Affäre. Seine Kritik am DFB und Präsident Grindel ist verständlich - und doch hat er eine Chance vertan.

von Matthias Becker

Am Sonntag hat Mesut Özil den Spieß einfach umgedreht.

Eine öffentliche Erklärung wollte DFB-Präsident Reinhard Grindel vom in Ungnade gefallenen DFB-Spielmacher haben? Bitteschön, mein Präsident, Ihre Erklärung! Frei Haus via Social Media geliefert. Mit voller Breitseite.

Özil hat in den letzten Wochen und Monaten viel aushalten müssen. Er beklagt sich über offenen und unterschwelligen Rassismus, über unsägliche Kommentare in sozialen Netzwerken und seine Rolle als Sündenbock für das desaströse Vorrunden-Aus bei der WM.

All das ist passiert und ist nicht zu entschuldigen. Und trotzdem hat Özils Logik Lücken so groß wie die des deutschen Mittelfelds bei den Kontern der Mexikaner. Dass er von einigen Seiten prompt für seine harsche Kritik an DFB-Präsident Reinhard Grindel gefeiert wird, ist verständlich. Es ist Ausdruck dessen, wie schlecht der DFB und in erster Linie sein Präsident in den letzten Wochen die Krise ums Nationalteam und um Özil gemanagt haben.

Özil jetzt für seine dramaturgisch lehrbuchmäßig aufgebaute Abrechnungs-Trilogie über die Maßen zu loben, ist aber auch naiv.

Die Wirkung, die seine Fotos mit Erdogan haben, muss ihm als Instagram-Profi klar gewesen sein. Erst recht nach Erdogans unsäglichen Nazi-Tiraden in Richtung Bundesregierung und Parteien in Deutschland. Sich dann fast zwei Monate nicht dazu zu äußern, zeugt nicht von Klugheit und noch weniger von Verantwortungsbewusstsein für das Team. Teil 1 seiner sonntäglichen Erklärung hätte er wortgleich schon im Trainingslager der Nationalmannschaft in Südtirol abgeben können.

Mit seinem Rücktritt ist Özil womöglich nur seiner Nicht-Nominierung zum nächsten Länderspiel gegen Weltmeister Frankreich zuvor gekommen. Bis dahin soll es ja angeblich zum Neuanfang kommen. Und der war, bis zum finalen Showdown am Sonntag, mit einem trotzig wirkenden und schweigenden Özil einfach nicht mehr denkbar.

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Der Arsenal-Profi zeigt in seiner Erklärung zum Hergang des Erdogan-Fotos keinerlei Verständnis dafür, warum es sich widerspricht, für die Werte des DFB und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung einzustehen und gleichzeitig mit einem Staatsoberhaupt zu posieren, das diese Werte mit Füßen tritt.

Fast schon zynisch wird es, als Özil Grindel und die Gleichgesinnten, die er hinter dem DFB-Boss vermutet, beschuldigt, für ein Land zu stehen, das nicht offen für andere Kulturen sei. Dass Grindel als CDU-Hinterbänkler im Bundestag zwar kein Fan der multikulturellen Gesellschaft war, ist kein Geheimnis. Sich selbst jedoch als Personifizierung für eine Verkörperung einer offenen Gesellschaft zu gerieren, ist schlicht falsch.

Wesen einer offenen Gesellschaft ist es, frei seine Meinung äußern und der politischen Führung widersprechen zu dürfen, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Dinge, die in Erdogans Türkei nicht mehr möglich sind. Und eben diesem hat Özil mit dem gemeinsamen Foto den Rücken gestärkt.

Mit seinem Rücktritt hat Özil nun für einen Paukenschlag gesorgt. Dabei hat er aber zugleich eine riesige Chance vertan. Die Debatte darüber, warum Nationalspieler mit ausländischen Wurzeln in der aktuellen politischen Stimmungslage von wachsenden Bevölkerungsteilen nur als "nützliche Einwanderer" gesehen werden, denen man die Schuld in die Schuhe schieben kann, wenn es mal nicht so läuft, ist richtig und wichtig.

Mit seiner Pauschalkritik an "den Medien" schwächt Özil aber gerade diejenigen, die in dieser Debatte helfen könnten, zu vermitteln. Denn bis auf einige wenige Stimmen forderte kein deutsches Medium Özils Rücktritt. Von vielen Seiten gab es Unterstützung gegen die rassistischen Angriffe. Mit dem Rückzug in die Schmollecke macht sich Özil zum Opfer - und vereinfacht es den rechten Pöblern, ihn weiter abzustempeln.

Beim DFB wird vor allem der dritte Teil von Özils Abrechnung hohe Wellen schlagen. Nach den Interviews von Grindel und Manager Oliver Bierhoff zuletzt konnte man ja den Eindruck gewinnen, dass Özil in den Rücktritt getrieben werden soll, damit das Thema abgeschlossen werden kann. Doch das wird nicht funktionieren, auch wenn Grindel jetzt womöglich Unterstützung gegen Özils Angriffe bekommen sollte.

Der Druck auf den Verband wächst. Erst am Freitag hatte Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge zum Rundumschlag gegen die "Amateure" beim DFB ausgeholt und Philipp Lahm als möglichen neuen Vize-Präsidenten in Stellung gebracht.

Jetzt der Frontalangriff von Özil. Wer mag, kann hier sogar einen roten Faden erkennen.

So kurz vor der Entscheidung über die Vergabe der EM 2024 kann der DFB viel gebrauchen, aber keine Debatte darüber, ob der eigene Präsident rassistische Ressentiments schürt. Zumal die Unterstützung für die deutsche Bewerbung innerhalb der UEFA angeblich jetzt schon bröckelt. Auch hierbei soll die Personalie Grindel einem Bericht der Bild zufolge eine Rolle spielen.

Und so könnte diese ganze Geschichte am Ende zwei große Verlierer haben. Grindel UND Özil.