Oliver Bierhoff sieht sich nach seinen Aussagen zu Mesut Özil genötigt, sie zu erklären. Der Nationalmannschaftsdirektor räumt dabei auch eine Kommunikationspanne ein. Einen Rücktritt schließt Bierhoff aus.

von Christian Paschwitz

Es wirkt wie eine Rolle rückwärts - gepaart mit dem Eingeständnis einer Kommunikationspanne bei der Autorisierung eines brisanten Interviews:   

Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff hat versucht, sich von seinen eigenen Aussagen über Mesut Özil zu distanzieren. "Leider wird diese Diskussion auch noch nach Wochen sehr emotional geführt. Es tut mir leid, dass ich mich da offenbar falsch ausgedrückt habe und diese Aussagen missinterpretiert werden", sagte Bierhoff der Bild-Zeitung.

Im Nachgang der Erdogan-Affäre, durch die der Spielmacher unmittelbar vor der WM in die Kritik geraten war, hatte Bierhoff zuvor im Interview mit der Welt gesagt: "Wir haben Spieler bei der deutschen Nationalmannschaft bislang noch nie zu etwas gezwungen, sondern immer versucht, sie für eine Sache zu überzeugen. Das ist uns bei Mesut nicht gelungen. Und insofern hätte man überlegen müssen, ob man sportlich auf ihn verzichtet."

Diese Aussagen, so Bierhoff nun am Tag danach, bedeuteten "in keinem Fall, dass es im Nachhinein falsch gewesen sei, Mesut mitzunehmen".

Bierhoff räumt Panne ein - und will bleiben

Auch beim ZDF betonte der 50-Jährige am Freitagabend: "Erst mal tut es mir leid. Ich habe mich falsch ausgedrückt." Bemerkenswert allerdings: Der Europameister von 1996 gab im Interview mit Moderator Oliver Welke zu, dass hinsichtlich der Freigabe des Welt-Interviews nicht alles fehlerfrei abgelaufen sei.    

"Ich habe das Interview gegengelesen, drei weitere Personen auch, keinem ist es aufgefallen", so der DFB-Spitzenfunktionär, der trotz wachsender Kritik an seinem Posten im Deutschen Fußball-Bund (DFB) festhalten will.

"Ich bin lange dabei, man hat häufig Kämpfe auszufechten", sagte der EM-Held von 1996, der sich im TV-Studio auch einen verbalen Schlagabtausch mit TV-Experte Oliver Kahn lieferte. Nach 14 wunderbaren Jahren, könne "man sich nicht vom Acker machen, wenn es einmal schlecht läuft. Wir stehen da in der Verantwortung und müssen die Kritik annehmen." Er sei überzeugt, "dass wir das schaffen können".

Bierhoff betonte nochmals, sich seit der Erdogan-Affäre immer vor Özil und Ilkay Gündogan gestellt zu haben: "Wir werden hier keinen Spieler an den Pranger stellen."

Özils Zukunft im DFB-Team bleibt unklar 

Gegenüber der Bild wählte Bierhoff ähnliche Worte: Was er sage, sei, "dass wir im Vorfeld der WM vor der Frage standen, ob er aus sportlichen Gründen mitfährt. Wir haben uns bewusst für ihn entschieden. Und dazu stehen wir auch." Man werde in der Analyse "natürlich auch mit Mesut über dieses Thema sprechen".

Der Nachfrage, ob Özils Karriere in der Nationalmannschaft beendet sei, wich Bierhoff aus: "Ich kann nur wiederholen, ich habe mich da missverständlich ausgedrückt. Aber klar ist, Mesut wird auch in Zukunft genauso sportlich beurteilt wie jeder andere Spieler auch."

Özil und Teamkollege Gündogan waren kurz vor Turnierstart mit dem umstrittenen türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan aufgetreten und hatten sich gemeinsam mit ihm ablichten lassen.

Bis heute kein Özil-Statement zu Erdogan 

Das Foto hatte für heftige Kritik in Deutschland gesorgt. Es entstand eine Debatte um Verbundenheit und Identifikation. Anders als Gündogan hat sich Özil bis heute nicht öffentlich zu den Fotos geäußert, geschweige denn entschuldigt.

Offenbar auch, weil die DFB-Verantwortlichen mit ihren Versuchen, Özil zur Einsicht und zum Einlenken zu bewegen, nicht zu ihm durchgedrungen sind.

Überheblichkeit? Bierhoff macht sich Gedanken

Zum Thema Überheblichkeit oder Arroganz im deutschen Team meinte Bierhoff nun im ZDF: „Ich muss eingestehen, ich mache mir darüber Gedanken, mit welchen Mitteln man einwirken kann." Man habe es angesprochen, darauf hingewiesen, aber „das eine sagt man, aber was man spürt, ist dann das andere.“

----

Lesen Sie auch:

Kahn legt sich mit Bierhoff an

Bierhoff rückt von Özil ab