München - Bundestrainer Joachim Löw entscheidet sich für sein vorläufiges WM-Aufgebot für Nils Petersen und gegen Bayern-Stürmer Sandro Wagner. Dies hat vielschichtige Gründe.

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Gegen 13 Uhr ist am Dienstagmittag auf der Leinwand des Deutschen Fußballmuseums in Dortmund das bestätigt worden, was SPORT1 zuvor exklusiv vermeldet hatte: Nils Petersen steht überraschend im vorläufigen WM-Kader der deutschen Nationalmannschaft.

Der Stürmer von Fast-Absteiger Freiburg verdrängt somit Bayern-Stürmer Sandro Wagner aus dem Aufgebot, der als Reaktion am Mittwoch seinen Rücktritt bekanntgab.

Eine Entscheidung, die selbst Petersen verwundert.

"Die Nominierung ist eine sehr große Ehre für mich. Ich habe damit wirklich nicht gerechnet und bin dankbar", sagt der 29-Jährige.

Ausgerechnet auf der Zielgeraden der laufenden Saison überholt Petersen (0 A-Länderspiele) somit Lewandowski-Backup Wagner (8 Länderspiele/5 Tore). SPORT1 erklärt, was zu dieser Entscheidung geführt haben könnte.

Petersen knackt Tor-Rekord

Petersen, der 2016 mit der Olympia-Auswahl in Rio Silber holte, machte in einer schwachen Freiburger Saison den Unterschied aus und schoss die Breisgauer mit 15 Bundesliga-Treffern in 32 Einsätzen fast im Alleingang zum Klassenerhalt - neuer persönlicher Rekord.

Fünf Treffer erzielte er per Strafstoß. Der Freiburger Vize-Kapitän knallte sich mit dieser Ausbeute sogar auf Rang zwei in der Bundesliga-Torjägerliste hinter Bayerns Lewandowski (29 Tore).

Wagner hingegen netzte bei 25 Liga-Einsätzen für Hoffenheim (Hinrunde) und Bayern (Rückrunde) insgesamt zwölf Mal. Allein acht Treffer erzielte er davon in 14 Liga-Einsätzen für die Bayern.

Ebenfalls eine starke Quote, sofern man bedenkt, dass Wagner beim Rekordmeister nur Teilzeitkraft war. Petersen jedoch stand seit dem 11. Spieltag immer in der Startelf.

Löw: "Es entscheiden Kleinigkeiten"

Löw betont aber: "Nils hat bei einer Mannschaft, die nicht in jedem Spiel viele Torchancen herausspielt, 15 Tore erzielt. Er hat in den Spielen, die ich gesehen habe, immer sehr gut gespielt."

Zur Wagner-Ausbootung sagt der Bundestrainer: "Er hat seine Spiele bei uns mit vollem Engagement absolviert. Am Ende entscheiden Kleinigkeiten. Sandro Wagner hat einen sehr guten Charakter, aber wir haben uns für Mario Gomez und Nils Petersen entschieden. Es war eine Entscheidung für die beiden Spieler und nicht gegen Sandro, weil er bei uns schon seine Klasse unter Beweis gestellt hat."

Ein schwacher Trost für Wagner, der nicht nur wegen seiner Tore auf sich aufmerksam machte, sondern auch verbal vor Selbstbewusstsein strotzte.

"Ich habe es verdient da mitzufahren, und ich fahre da auch mit, da bin ich mir sicher", sagte Wagner noch am 15. April. Wiederholt artikulierte der Münchner auch, dass er der beste deutsche Stürmer sei.

Markige Sprüche, die man von Petersen nicht hörte und auch nicht hören wird. Der Freiburger gilt nicht als Lautsprecher, würde sich auch stillschweigend bei der WM in Russland (14. Juni bis 15. Juli) auf die Bank setzen.

Sein Charakter ist auch ein Grund fürs Wagners Rücktritt. "Für mich ist klar, dass ich mit meiner Art, immer offen, ehrlich und direkt Dinge anzusprechen, anscheinend nicht mit dem Trainerteam zusammenpasse. Meinen Jungs wünsche ich nur das Beste in Russland und hoffe, dass sie als Weltmeister zurückkommen", sagte der Stürmer der Bild.

Löw lobt Petersens Joker-Qualitäten

Etwas, was vor allem das fördert, was Löw so wichtig ist: Harmonie und Teamspirit. Dafür sorgte Wagner aber auch bei den Bayern und beim Confed-Cup.

Was Löw an Petersen aber vor allem schätzt: "Er ist ein sehr guter Joker. Mein Gefühl ist, dass er mit der Aufgabe wächst. Von ihm verspreche ich mir einiges."

Nach Joker-Toren lagen beide Stürmer mit je einem Saison-Treffer jedoch gleichauf. Mit 20 Toren nach Einwechslungen insgesamt ist Petersen allerdings der erfolgreichste Einwechselspieler der Bundesliga-Historie.

Zusammen mit Thomas Müller ist Wagner hingegen mit fünf Toren in nur drei WM-Qualifikationsspielen treffsicherster Nationalspieler.

Wagner bei Effizienz und Vorlagen vor Petersen

Auch in Sachen Effizienz unterschieden sich die beiden in dieser Spielzeit kaum: Petersen brauchte im Schnitt 4,1 Torschüsse für einen Treffer, Wagner 4,5. Bei den Torvorlagen lag Wagner (4) im Vergleich zu Petersen sogar vorn (1).

Nahezu deckungsgleich waren ihre Werte im Zweikampfverhalten. Im Durchschnitt gewann Petersen 44,3 Prozent seiner Zweikämpfe, Wagner 44,4 Prozent.

Für Petersen spricht hingegen die Cleverness im Zweikampfverhalten: Der Freiburger beging nur 14 Fouls, Wagner dagegen stolze 44.

Dafür erreichte Wagner mit 32,5 km/h einen höheren Top-Speed als Petersen (31,7). Petersen jedoch lief pro Spiel durchschnittlich 1,1 Kilometer mehr als Wagner.

Ob am Ende Statistiken oder Charaktereigenschaften den Ausschlag für Petersen und gegen Wagner gaben, werden nur Löw und seine Co-Trainer wissen. Am wahrscheinlichsten ist, dass Löw nur einen Stoß-Stürmer im Kader benötigt: Und der heißt Mario Gomez.

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