Berlin - Der deutsche 7:1-Erfolg im WM-Halbfinale 2014 gegen Brasilien ist fast vier Jahre her. Doch die Südamerikaner sind weit davon entfernt, darüber hinwegzukommen.

von Martin van de Flierdt , Martin Volkmar

Sie ist da und geht nicht mehr weg. Hören oder lesen Brasilianer das Wort "Alemanha", ist "sete a um" die unweigerliche gedankliche Verbindung.

Das 1:7 im WM-Halbfinale 2014 gegen Deutschland mag vier Jahre her sein. Aber das macht es nicht ungeschehen.

"Das wird uns Brasilianer nicht so schnell loslassen", vermutet Cafu, Weltmeister von 1994 und 2002, im Gespräch mit SPORT1. "Immer, wenn wir jetzt gegen Deutschland spielen, wird das 7:1 das Erste in den Köpfen sein."

Rollt also am Dienstag (ab 20.15 Uhr im LIVETICKER) in Berlin der Ball im Testspiel zwischen der DFB-Auswahl und der Selecao, läuft im Hintergrund der Film des 8. Juli 2014 von Belo Horizonte mit.

Schwieriges Spiel für Kopf und Seele

"Die Spieler beider Mannschaften versuchen, diese Partie von damals loszulösen", sagt Gustavo Hofman, einer der populärsten Sportjournalisten Brasiliens, der damals vor Ort war und die jetzige Begegnung für ESPN begleitet, zu SPORT1.

"Aber die Brasilianer stehen unter richtig hohem Druck von Seiten der Fans und der Presse. Es wird ein sehr schwieriges Spiel." Vor allem für Kopf und Seele der Südamerikaner.

Das glaubt auch Bundestrainer Joachim Löw. "Die Motivation der Spieler, dieses 7:1 auszumerzen, wird unermesslich sein. Sie haben Revanchegelüste und denken, sie können einiges gut machen", sagte Löw vor dem Kracher im ausverkauften Olympiastadion.

Rein fußballerisch hat sich die Auswahl von Nationaltrainer Tite in den vergangenen Monaten eindrucksvoll in der Weltspitze zurückgemeldet. 

Scolari 2014 "mental zu alt" für die Selecao

"Die Mannschaft jetzt ist viel besser als die vor vier Jahren, weil wir jetzt einen richtigen Nationaltrainer haben", urteilt Hofman.

"Luiz Felipe Scolari war zwar Weltmeistertrainer von 2002, aber in seiner Arbeit 2014 schlicht nicht mehr zeitgemäß. Er war mental zu alt für den Job."

Tite hingegen sei ein moderner Trainer, unter dem die Mannschaft sehr gut organisiert und taktisch geschickt auftrete.

Brasilien kommt auch ohne Neymar zurecht

"Das Team versteht es auch zu verteidigen und - aktuell sehr wichtig - ohne seinen großen Star Neymar klarzukommen", sagt der 36 Jahre alte Experte. "Das Spiel gegen Russland (3:0 für Brasilien, Anm. d. Red.) am Freitag war ein sehr gutes Beispiel dafür."

Von der Qualität der Einzelspieler her sieht Hofman die brasilianische Auswahl auf einem Level mit dem Weltmeister, wenn nicht schon leicht darüber.

"Aber den Weltmeistertitel gewinnt man nicht mit ein, zwei, drei Super-Spielern, sondern nur über mannschaftliche Geschlossenheit. Wer wüsste das besser als die Deutschen?" 

In diesem Punkt liege die DFB-Elf noch vorne: "Aber Joachim Löw hat Tite ja auch zehn Jahre als Auswahltrainer voraus."

Selbst ein WM-Sieg tilgt das 1:7 nicht

Ein Unentschieden sei daher ein Resultat, mit dem die Mehrheit der Brasilianer Hofmans Ansicht nach am Dienstagabend gut leben könnte.

Die Schmach von vor vier Jahren würde aber auch ein Sieg nicht tilgen, nicht einmal ein Titelgewinn in Russland.

"Die Brasilianer haben schon das 1:2 im entscheidenden WM-Spiel 1950 in Rio de Janeiro gegen Uruguay, das Maracanazo, nicht vergessen", erklärt Cafu, der 2002 als Kapitän seine Farben zum fünften WM-Triumph führte. "An das 1:7 werden sie sich also auch immer erinnern."

"Vielleicht das beste Spiel der WM-Historie"

Dieses Spiel habe damals dem ganzen Land das Herz gebrochen, meint Hofman. Deshalb seien "Gol da Alemanha" ("Tor für Deutschland") oder "sete a um" im alltäglichen Sprachgebrauch zu Synonymen für alles geworden, was gründlich schief läuft.

"Vielleicht haben wir Brasilianer aber auch eine verzerrte Wahrnehmung vom größten Albtraum unserer Fußballgeschichte", räumt der Sportjournalist ein. "Vielleicht war das auch das beste Spiel der WM-Historie."

Eines sei aber sicher: "Bei uns wird von diesem Spiel immer eine Narbe bleiben."