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Der deutschen Nationalmannschaft laufen die Zuschauer weg. Gegen San Marino in Nürnberg droht eine historisch niedrige Zahl. SPORT1 beleuchtet die Gründe dafür.

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Wer will schon den Fußball-Weltmeister spielen sehen? Niemand. Das ist natürlich überspitzt, aber immer weniger Stadiongänger interessieren sich für das DFB-Team. Das ist die Realität.

Aber warum schwindet die Begeisterung für die deutsche Nationalmannschaft zunehmend?

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Der Status Quo ist vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen San Marino am Samstag in Nürnberg ernüchternd. "Wir hatten noch nie ein Länderspiel mit weniger als 30.000 Zuschauern", klagte Nürnbergs Stadionchef und Bürgermeister Christian Vogel (SPD) in der Nürnberger Zeitung.

Zum 1. FCN kamen in der vergangenen Zweitliga-Saison 28.833 Fans im Schnitt, laut Analyse des kicker droht die niedrigste Besucherzahl bei einem deutschen Pflichtheimspiel seit über 16 Jahren.

Am 24. März 2001 hatten sich 22.500 Zuschauer zum 2:1 gegen Albanien in Leverkusen eingefunden. Von 2003 bis 2008 waren hingegen 22 Pflichtheimspiele in Serie ausverkauft.

SPORT1 zeigt fünf Gründe für den Zuschauerschwund beim DFB-Team.

- Übersättigung

Ein Fan des FC Bayern hat in dieser Saison bis zu 50 Pflichtspiele gesehen, ein BVB-Anhänger sogar 51. Der Fußball-Konsum hört dort aber nicht auf. Zu den Live-Spielen kommen Zusammenfassungen, Artikel, Transfergerüchte, Manager-Spiele, Tipp-Ligen und vieles mehr.

Spätestens nachdem der Champions-League-Pokal mal wieder von Real Madrid in den Nachthimmel gestreckt wurde, ist die Übersättigung perfekt. Nicht nur Profis brauchen Zeit, sich zu regenerieren, auch die Zuschauer benötigen eine Pause vom Fußball. Ein Spiel der deutschen B-Elf gegen San Marino lockt da wenige aus ihren Fußball-freien Komfortzonen.

- Mangelnde Spannung

Bundestrainer Joachim Löw experimentiert mit seinem Kader. Das kann er auch. Seine Mannschaft ist bereits für die Weltmeisterschaft 2018 in Russland qualifiziert. Die Gruppe C führt das deutsche Team mit 15 Punkten aus fünf Spielen an. 

Wenn der Tabellenletzte San Marino mit null Punkten im Gepäck nach Nürnberg kommt, müssen Fans die Spannung noch mehr suchen als im Meisterschaftskampf der vergangenen fünf Jahre.

Testspiele bieten vor allem dem Bundestrainer viel Interessantes, da er seine nächste Generation unter Wettkampfbedingungen testen kann. Der Zuschauer lässt sich davon nur mäßig locken.

Auch weil die Mannschaft seit der Europameisterschaft in Frankreich einen leichten Image-Verlust hinnehmen musste. Zwar stimmen die Ergebnisse, aber der attraktive Hurra-Fußball blieb häufiger aus. 

- B-Elf

Deutschland verfügt über ein Arsenal an technisch starken Spielern. Daran durfte sich Löw ergötzen und sehen, dass selbst eine B-Elf mit nur einem gemeinsamen Training gegen Dänemark mithalten kann. Die Fans im Stadion wollen aber lieber Spieler wie Toni Kroos, Jerome Boateng, Thomas Müller oder Manuel Neuer sehen. Die Stars eben.

Dass gleich sechs Spieler ihr Debüt gegen Dänemark feierten und die Mannschaft trotzdem ansehnlichen Fußball spielte, ist sicher für Feinschmecker ein Trost. Die breite Masse will dann lieber aber (noch) Mesut Özil zujubeln und nicht Marvin Plattenhardt.

- Preise

Ein oft kritisierter Punkt ist das Preisniveau bei Länderspielen, ob Qualifikation oder Test. In Nürnberg gibt es Tickets von 25 bis 80 Euro. Laut DFB-Manager Oliver Bierhoff gibt es aber "eher Probleme beim Verkauf der günstigeren Tickets".

Da die DFB-Spiele aber noch stärker Familien anziehen, kann es aber auch so teuer werden. Das bemerkte Mats Hummels schon 2011 nach einem Spiel gegen Australien.

"Die Pfiffe der Zuschauer muss man verstehen, denn es ist heute teuer, sich Fußballspiele anzusehen. Wenn man dort mit einer Familie hingeht, da geht es schon in die paar hundert Euro", sagte der Verteidiger damals.

Der DFB generierte laut seines Finanzberichts 2015 aus Tickets nur 13 Prozent des Ertrags der A-Nationalmannschaft. 63 Prozent kamen aus der TV-Vermarktung, 22 Prozent aus der Bandenwerbung. Würde der Verband die Tickets billiger machen, würde sich dies am geringsten auf den Ertrag auswirken.

- Stadionauswahl

Die meisten Länderspiele finden in Stadien statt, in denen häufig Bundesliga- oder sogar Champions-League-Fußball zu sehen ist.

2016 blieben selbst beim Abschied von Weltmeister Bastian Schweinsteiger 15.000 Plätze im Gladbacher Borussia Park frei, in Dortmund waren es bei Lukas Podolskis letztem Auftritt gegen England fast 20.000 leere Plätze.

Eine Lösung für dieses Problem hat DFB-Präsident Reinhard Grindel in Spanien gefunden. Er will Spiele künftig in kleinere Stadien in Regionen legen, die selten bis nie internationalen (Klub-)Fußball zu sehen bekommen. Also nicht mehr Dortmund und Mönchengladbach, sondern Saarbrücken, Rostock oder Regensburg.