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München - Vor 30 Jahren erleben die Bayern, damals mit sechs frisch gebackenen Weltmeistern bestückt, erstmals eine historische Blamage gegen einen Amateurklub.

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Mit völlig leeren Händen reisten sie nicht ab, das wäre gelogen. Nach dem "Spiel des Jahrhunderts", wie es die Lokalpresse schon vorher nannte, überreichte der Klubpräsident des FV Weinheim 08 dem Bayern-Geschäftsführer Karl Hopfner einen Scheck über 60.000 DM als angemessene Beteiligung an den Zuschauereinnahmen und dem frustrierten Gästetrainer Jupp Heynckes einen Bildband, der den Titel "Weinheim einst und heute" trug.

"Damit ihre Spieler sich über unsere Stadt informieren können. Denn einige haben vor der Begegnung nicht gewusst, wo Weinheim liegt.", bemerkte Wolfgang Daflinger nicht ohne Schadenfreude. Sie mögen es auch schnell wieder vergessen haben, denn die großen Bayern kamen nie mehr nach Weinheim an der Bergstraße. Wieso auch?

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Heute vor 30 Jahren, am 4. August 1990, wären sie lieber auch nicht dort gewesen, wo sie ein besonders trauriges Kapitel Vereinsgeschichte schrieben. Eines, das den Rest von Fußball-Deutschland freilich aufs Äußerste erheiterte.

Es war einer jener Tage, an dem die uralte Geschichte von David gegen Goliath wieder bemüht wurde und die kaum jüngere Floskel von den eigenen Gesetzen des Pokals. Es war eine doppelte Premiere, doppelt peinlich dazu. Erstmals überhaupt flogen die  Bayern schon in der ersten Runde aus dem DFB-Pokal und erstmals unterlagen sie einem Amateurklub.

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"Gestern Weltmeister, heute Hausmeister"

Nun hatten auch sie ihr Eppingen – 1974 verlor der HSV beim badischen Provinzklub VfB Eppingen – nun hatten auch sie den Spott, der sprichwörtlich jedem Schaden folgt.

Erst recht, wenn ihn die Bayern erleiden. "Gestern Weltmeister, heute Hausmeister", zitierte die Süddeutsche Zeitung Libero Klaus Augenthaler und bemühte sich auf 100 Zeilen, "Unerklärliches zu erklären."

Unerklärlich war es zwar nicht, unerwartet allerdings. Die Bayern waren schon 1990 das Non-Plus-Ultra des deutschen Fußballs, hatten gerade ihren Meistertitel verteidigt und vier Tage zuvor mit spektakulärem Fußball den "Supercup" gegen Pokalsieger Kaiserslautern gewonnen (4:1). Mit Stefan Effenberg und Brian Laudrup schienen sie noch stärker zu sein als 1989/90.

Außerdem standen seit 8. Juli sechs Weltmeister im Kader. Fünf von ihnen liefen im Sepp-Herberger-Stadion von Weinheim auf: Raimond Aumann, Klaus Augenthaler, Jürgen Kohler, Hansi Pflügler und Stefan Reuter, nur Olaf Thon fehlte. Es musste auch ohne ihn gehen, die Favoritenrolle der Gäste war so eindeutig dass das kleine Weinheimer Stadion nicht mal ausverkauft war – nur 10.000 der 15.000 Plätze waren besetzt.

Was mancher auf die Bullenhitze (37 Grad im Schatten, 46 auf dem Platz) schob, andere auf die drastisch erhöhten Eintrittspreise (bis 45 D-Mark).

Nur für Jupp Heynckes war das Spiel noch nicht gewonnen, er besorgte sich eigens Videoaufzeichnungen vom badischen Oberligisten (3. Liga) und appellierte an die Einstellung seiner Top-Stars. Wie es Trainer zu allen Zeiten taten vor solchen Spielen und dabei doch nur allzu selten die Köpfe der Spieler erreichten. Was sollte schon passieren?

Beim FV stand mit dem Ex-Stuttgarter Hans-Peter Makan nur ein Spieler mit Bundesligaerfahrung auf dem Platz, sein Trainer Lothar Strehlau hatte mal eine halbe Saison den Karlsruher SC betreut und war mit ihm 1983 abgestiegen. Elf Nobodies zogen gegen die wichtigste Mannschaft des Landes in die Schlacht.

Was dann geschah, hat es immer mal wieder gegeben und verblüffte nur Laien wirklich. Aber weil es die großen Bayern traf, gab es landauf landab nur ein Thema, das sogar Dortmunds noch peinlicheres Aus beim Viertligisten SpVgg. Fürth in den Hintergrund drückte.

Bei der drückenden Hitze kam es stärker als sonst darauf an, wer das erste Tor schießen würde. Laudrup versuchte es vergebens (10.), große Chancen boten sich den Bayern danach nicht mehr. Aber sie bestimmten zunächst das Spiel und wogen sich in trügerischer Sicherheit. Dann kam die entscheidende Szene: Weltmeister Kohler bedrängte Weinheims Stephan Baumann im Strafraum, der ging zu Fall wie eins Marco van Basten im EM-Halbfinale 1988.

Schon damals musste man keinen Elfmeter geben und Kohler wähnte sich in einer Zeitschleife als Schiedsrichter Schneider auf den Punkt zeigte. Ein Fall für den Feinblechner Thomas Schwechheimer, für den an diesem Tag die Heldenrolle vorgesehen war.

Er machte es mit links. "Für mich war der Elfmeter gegen Nationaltorhüter Raimond Aumann nichts anderes als ein Strafstoß in einer Oberliga-Partie. Ich war absolut sicher, dass ich treffe", durfte er hinterher sagen, als plötzlich alle hören wollten was er zu sagen hatte. Darunter die Redaktion des ZDF-Sportstudios, in das der Schütze des goldenen Tores am Abend musste.

Sein Trainer musste ihn mit Engelszungen überreden, damit er ins Fernsehen ging. Eigentlich wollte der von Bild als "Kettenraucher" enttarnte Pokalheld lieber "einen trinken mit meinen Kumpels". Außerdem war seine Freude getrübt, denn er war Bayern-Fan und hatte gegen seine große Liebe getroffen. Er ging dann doch und grüßte "meine liebe Frau daheim".

Heynckes: "Nur Menschen"

Die Bayern leckten da schon längst ihre Wunden und durften sich einer ungewöhnlichen Nachsicht ihrer Verantwortlichen erfreuen. Heynckes verwies darauf, dass auch seine Spieler "nur Menschen" seien und gerade für die Weltmeister "die Umstellung wohl etwas krass war. Eben waren sie noch im Olympiastadion von Rom, nun mussten sie in Weinheim ran."

Er fand sogar: "Das Ausscheiden im Pokal ist für die Zukunft positiv. So werden wir uns wenigstens nicht zu sicher." Außerdem war da ja die unerträgliche Hitze.

"Wenn  man 0:1 hinten liegt, müsste man Überdurchschnittliches leisten. Das ist aber bei 46 Grad Celsius kaum möglich", dozierte der ewige Manager Uli Hoeneß und schluckte seinen Groll darüber hinunter, dass das Aus 500.000 DM kostete, die die Bayern im Etat für 1990/91 an Pokaleinnahmen eingeplant hatten.

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Weil aber FV-Keeper Mathias Arnold nach der Pause alles hielt, was Roland Wohlfarth, Ludwig Kögl und Thomas Strunz auf seinen Kasten abfeuerten, blieb die Bayern-Kasse leer. Apropos Strunz. Was erlaubte der sich eigentlich? In Minute 89, als schon fast alles verloren war, flog der kommende Europameister vom Platz, wegen "groben Foulspiels".

Sein Bodycheck gegen den kommenden Freiburger Bundesligaspieler Ralf Kohl ging zwar bei alten Fußballern wie Heynckes, der prompt protestierend auf den Rasen rannte, noch als normale Härte durch. Doch war mit der neuen Saison eine Regeländerung in Kraft getreten, die für das Vereiteln einer klaren Torchance die Rote Karte vorsah und Strunz war ihr erstes Opfer.

Wer soll die Bayern schlagen? Weinheim

Auch auf diese Premiere hätten die Bayern gut verzichten können. Immerhin behielt Strunz seinen Humor. "Nach dem 4:1 im Supercup gegen Kaiserslautern hat ganz Deutschland gefragt: wer soll die Bayern schlagen? Nun wissen wir es – Weinheim."

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In der Euphorie des historischen Sommertags tönte derweil FV-Keeper Arnold: "Jetzt fahren wir nach Berlin, oder?" Die Antwort gab Zweitligist Rot-Weiss Essen, der als nächstes nach Weinheim kam, von eigenen Pokalgesetzen nichts wissen wollte und locker mit 3:1 gewann. Die Fußballwelt war wieder in Ordnung.