Werders Trainer Florian Kohfeldt (v.) genießt die Rückendeckung der Klub-Chefs
Werders Trainer Florian Kohfeldt (v.) steht vor zwei wegweisenden Spielen ©
Lesedauer: 6 Minuten

Bremen - Werder Bremen ist im Pokal-Hit gegen Borussia Dortmund krasser Außenseiter. Trainer Florian Kohfeldt hebt trotzdem die emotionale Bedeutung des Spiels in den Vordergrund.

Anzeige

Bremer Weserstadion, ein Pokalspiel unter Flutlicht: Es gab mal eine Zeit, da fuhren Gästemannschaften mit schlotternden Knien den Osterdeich hinunter, weil sie wussten: Gleich könnten sie hier ihr grünes Wunder erleben.

In der letzten Saison erging es den Bayern so, die sich mit Geschick und Glück und einem zweifelhaften Schiedsrichterpfiff dann aber doch noch ins Finale rumpelten.

Anzeige

Am Dienstagabend sind nicht die Bayern zu Gast, aber immerhin die Nummer 1B des deutschen Fußballs. Borussia Dortmund war zuletzt ein gern genommener Gegner aus Bremer Sicht, die letzten beiden Aufeinandertreffen - ebenfalls in der Runde der letzten 16 Mannschaften - entschied Werder für sich (DFB-Pokal: Werder Bremen - Borussia Dortmund ab 20.45 Uhr im LIVETICKER).

Das 4:2 nach Elfmeterschießen vor fast auf den Tag genau einem Jahr war das emotionale Highlight einer locker-leichten Bremer Saison, die beinahe im Pokalfinale und beinahe im Europapokal geendet wäre.

Aue und Sandhausen als Werders Drohkulisse

Von Europa und vom Finale, von Glasgow, Neapel oder Berlin, redet mittlerweile in und um Bremen niemand mehr. Stattdessen wabern Sandhausen und Aue als Drohkulisse durch die Stadt. Werders totaler Zusammenbruch der letzten Monate hat die Stimmung vor dem Bonusspiel gegen den BVB auf Eiseskälte frieren lassen, an ein Weiterkommen gegen die Dortmunder Großmacht glauben allenfalls noch kühnste Optimisten - oder jene, die qua ihres Status daran glauben müssen. Florian Kohfeldt etwa.

DFB-Pokal LIVE: Der Kracher Eintracht Frankfurt gegen RB Leipzig, Dienstag ab 17.30 Uhr im TV auf SPORT1

"Wir wissen, wie ernst unsere Lage in der Bundesliga ist, aber dieses Mal spielt das keine Rolle", sagte Werders Trainer auf der Pressekonferenz am Montag. "Wir dürfen uns auch auf dieses Spiel freuen, die Fans auch. Ich weiß, dass wir nicht in guter Form sind. Aber ich will jedes Spiel gewinnen." Kohfeldt war auf der rund halbstündigen Veranstaltung sichtlich darum bemüht, so etwas wie Optimismus und gute Laune zu verbreiten, trotz der misslichen Lage seiner Mannschaft in der Liga.

Es brennt lichterloh

Die Niederlage im Abstiegskracher beim FC Augsburg am Wochenende hat dem Verein nochmals so richtig zugesetzt, danach warf selbst der sonst kühle Frank Baumann den Begriff "dramatisch" in den Raum - was ins Deutsche übersetzt wohl so viel bedeutet wie: Es brennt lichterloh. In den virtuellen und an den echten Stammtischen kippt die Stimmung oder sie ist schon längst gekippt.

So genau mag das niemand mit Verlass behaupten. Aber auch der Kummer und Leid gewohnte Bremer Fan hat irgendwann genug. Jedenfalls ist die Zahl derer, die am Können und Wirken ihres Trainers zweifeln, mittlerweile deutlich gewachsen. Und von einem Sieg über die Angriffsmaschine des BVB geht ohnehin kaum noch jemand aus.

Meistgelesene Artikel
  • Fussball / Bundesliga
    1
    Fussball / Bundesliga
    Das sind Flicks Davies-Alternativen
  • Fussball / Bundesliga
    2
    Fussball / Bundesliga
    Wieso lässt Favre die T-Frage offen?
  • Int. Fussball / Premier League
    3
    Int. Fussball / Premier League
    Strammer Gegenwind für Guardiola
  • Fussball / Bundesliga
    4
    Fussball / Bundesliga
    Lewandowski ein "Irrer wie Ronaldo"
  • Motorsport / Formel 1
    5
    Motorsport / Formel 1
    DTM-Legende über Vettels-Saison

"Ich gehe davon aus, dass ganz Deutschland einen souveränen Dortmunder Sieg erwartet", sagt auch Kohfeldt. Kampflos geschlagen gibt er sich deshalb nicht. "Es gibt nur ein Ausscheiden oder Weiterkommen, das macht es für uns etwas leichter. Wir haben im Grunde nichts zu verlieren. Für uns ist es eine Chance, in dieses Spiel zu gehen und zu wissen, dass es keine Auswirkungen auf die Tabelle hat."

Stimmungsaufheller oder Prügel?

Die Erwartungshaltung bezüglich des Spielausgangs ist so gering wie schon lange nicht mehr. Wie sollte Werder dem Dortmunder Powerfußball standhalten können? Eine Mannschaft, die hinten die zweitmeisten Tore aller 18 Bundesligisten kassiert und vorne seit Monaten so gut wie abgemeldet ist?

Dortmunds Zugang Erling Braut Haaland allein hat in seinen drei Einsätzen in Deutschland so viele Tore (sieben) erzielt wie die gesamte Bremer Mannschaft seit Mitte November - und da sind die beiden Eigentore des Düsseldorfer Keeper Florian Kastenmeier und von Augsburgs Tin Jedvaj schon eingepreist.

Es geht nach den Negativerlebnissen der letzten Wochen tatsächlich auch mehr denn je darum, Haltung zu wahren. Natürlich kann die Partie zu einem Stimmungsaufheller werden, kann die Mannschaft mit einer trotzigen, robusten und mutigen Spielweise dem Trend etwas entgegensteuern und vor allen Dingen die Fans wieder mehr auf ihre Seite ziehen.

Alle Video-Highlights des Achtelfinals im DFB-Pokal ab Mittwoch 0.00 Uhr in der SPORT1-Mediathek und in der SPORT1 App

Es könnte gegen den BVB in seiner momentanen Verfassung aber ebenso gut eine ordentliche Tracht Prügel setzen für die schlechteste Heimmannschaft der Bundesliga, die zuletzt von Hoffenheim (0:3) und Mainz (0:5) im eigenen Stadion demoliert wurde.

Das wichtigere Spiel steigt am Wochenende

Deshalb ist diese Partie für die Gemengelage so wichtig für Werder, für Kohfeldt, für Baumann und letztlich auch für Marco Bode. Der hatte nach der Hinserie schon angekündigt, zur Not auch mit beiden, also mit Kohfeldt und Baumann, in die zweite Liga zu gehen. "Wir steigen alle zusammen ab und wir bleiben alle zusammen drin", waren Bodes Worte, die dem Aufsichtsratschef und Baumann und Kohfeldt nun jede Woche aufs Neue unter die Nase gerieben werden.

Heute Abend geht es nicht nur um das reine Ergebnis. Es geht auch um das "Wie". Um eine Reaktion einer Mannschaft, die ihren Markenkern des offensiven Fußballs längst den Umständen anpassen musste und aufgeweicht hat. Um den Zusammenhalt zwischen Mannschaft und Fans.

Um ein Zeichen, dass Werder sich noch wehren mag und kann. Und um ein bisschen Warmspielen für das deutlich wichtigere, weil explosivere Spiel am kommenden Samstag: Gegen Dortmund kann ein bisschen Feel-good-Stimmung erzeugt werden, selbst bei einer Niederlage gegen den BVB wird in Bremen nicht zu viel passieren. Gegen den FC Union geht es in vier Tagen dann aber wieder um Werders Existenz - und damit wohl auch um die Jobs der sportlich Verantwortlichen.