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Bremen und München - Mit dem Einzug ins Pokalfinale lebt der Münchner Traum vom Double weiter. Präsident Uli Hoeneß lobt Mannschaft und Trainer - obwohl es weiter Schwierigkeiten gibt.

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Als alles vorbei war und sich die heftigen Emotionen nach dem Abpfiff gelegt hatten, war es an Uli Hoeneß, die Dinge etwas zu sortieren.

"Es war ein fantastisches Fußballspiel von beiden Mannschaften", sagte Hoeneß, dem die gut 95 Minuten im Bremer Weser-Stadion wie den meisten anderen Zuschauern auch sichtlich zugesetzt hatten. 

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Bayerns Patron konstatierte seiner Mannschaft eine starke Leistung - allerdings mit dem großen Makel, das Spiel beim Stand von 2:0 nicht schon eher entschieden zu haben. "Durch individuelle Fehler, die bei uns leider immer mal vorkommen, sind wir unter Druck geraten", sagte Hoeneß. 

Die Bayern bieten zu viel an 

Damit und mit der Einordnung des aufregenden 3:2-Siegs der Bayern über Werder Bremen hatte Hoeneß aber wohl nur zu einem Teil Recht oder er behielt den anderen Teil der Wahrheit für sich.

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Denn zu einem "fantastischen Fußballspiel" gehören Tore und im besten Fall auch Torchancen, was im Umkehrschluss bedeutet, dass es beide Defensivreihen nicht immer so eng genommen haben - zumindest nicht in dem Maße, wie es sich gemeinhin für ein wichtiges Halbfinale im DFB-Pokal gehören sollte.

Selbstverständlich haben die Bayern auch individuelle Fehler gemacht, zum Beispiel in Person von Joshua Kimmich, der beim ersten Bremer Tor zu weit weg vom Torschützen Yuya Osako stand und beim Ausgleichstreffer den Ball im Mittelfeld leichtsinnig herschenkte. 66 Sekunden lagen zwischen diesen beiden Toren, die den Bayern einen sicher geglaubten Vorsprung förmlich aus den Händen rissen. Und die so typisch sind für die Bayern in dieser Saison.

Der Rekordmeister und Rekord-Pokalsieger lässt seine Gegner länger leben als es jedem Präsidenten, Sportvorstand, Trainer, Spieler und Fan recht sein kann. Mal wieder haben die Bayern jede Menge angeboten und diesmal in Werder einen Gegner erwischt, der sich nicht zwei Mal bitten ließ.

Schon in den Runden davor in Berlin (3:2 nach Verlängerung) und beim unglaublichen 5:4 gegen Zweitligist 1. FC Heidenheim kassierten die Bayern deutlich zu viele Gegentore. Nur individuelle Fehler dafür verantwortlich zu machen, wäre aber zu kurz gegriffen. Die kleinen Details werden in den gruppen- und mannschaftstaktischen Segmenten verbummelt.

Kompaktheit und Aggressivität

In Bremen versuchten es die Bayern mit einer Art Kovac-Fußball: Mit dem Vertrauen auf die individuelle Klasse der Spieler, mit Kompaktheit gegen den Ball und einer teilweise erstaunlichen Aggressivität gegen den Mann. Nach wenigen Minuten rauschte Jerome Boateng mit vollem Risiko irgendwo an der Seitenlinie in Milot Rashica, Mitte der ersten Halbzeit sah Mats Hummels für ein sehr hartes Foul an Rashica die Gelbe Karte.

Die Bayern haben unter Kovac auch gelernt auszuteilen, in den letzten Jahren war es dagegen ja eher so gewesen, dass sich die teilweise heillos unterlegenen Gegner sich mit Härte deutlich über dem erlaubten Maß zu wehren versuchten.  

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Es sei zu erwarten gewesen, dass auch die Münchener gerade gegen Werders Sturmspitze Rashica das eine oder andere Mal beherzter hinlangen würden, sagte auch Werder-Trainer Florian Kohfeldt, "aber das ist legitim". 

Ebenso wie die Bemühungen der Bayern, nach einem sehr hektischen Beginn gegen aufgedrehte Bremer Ruhe ins Spiel zu bringen. Das dauerte eine ganze Weile, und als die Bayern die Partie dann nach dem 0:2 vermeintlich voll im Griff hatten, verloren sie den Zugriff wie aus heiterem Himmel einmal mehr komplett und schenkten das Ticket fürs Endspiel in Berlin fast fahrlässig noch her.

"Wir hatten sechs, sieben Minuten, in denen wir es mit unserer Passgenauigkeit nicht so ernst genommen haben und viele Ballverluste hatten. Das war sehr ärgerlich und leichtfertig und darf uns so auch nicht passieren", sagte Torhüter Sven Ulreich. Tatsächlich schien Werder Mitte der zweiten Halbzeit wie totgelaufen, die Bayern hatten gegen einen zweifelnden Gegner scheinbar die Kontrolle - nur um die dann komplett aus der Hand zu geben.

Positionsspiel bleibt ein Problem

Vor zwei, drei Jahren hätte die damalige Bayern-Mannschaft Werder in einer vergleichbaren Situation garantiert nicht am Leben und schon gar nicht zurück ins Spiel gelassen. Das Positionsspiel bleibt auch in der Endphase der Saison anfällig: Weder generierten die Bayern damit viele Torchancen - die wenigen bis zur Schlussphase entstanden nach Einzelaktionen oder Kontern - noch konnten sie den Gegner mit langen Ballbesitzpassagen zermürben und sich zurechtlegen.

Kimmichs Ballverlust vor dem Ausgleich ging ein Lauf des Rechtsverteidigers vom Flügel ins Zentrum voraus, dann das Dribbling, dann der Ballverlust. Kimmich fehlte es an Anspielstationen und einem Abnehmer für einen kurzen Pass und die Bayern waren in ihrer aufgerückten Staffelung im Zentrum plötzlich ohne jegliche Absicherung des Konters.

Das alles ist kein Problem, so lange es die Klasse der Einzelspieler irgendwie richtet. Aber die Bayern müssen in dieser Saison noch doppelt gegen RB Leipzig ran, der derzeit wohl formstärksten Mannschaft des Landes. 

Hoeneß hofft auf Note 1 minus 

Im Hinblick auf die beiden Titelchancen sind das keine besonders schönen Aussichten, Hoeneß prophezeite jedenfalls schon mal, dass der erste Patzer des BVB oder seiner Mannschaft einen vorentscheidenden Charakter haben könnte. Vorerst hofft der Bayern-Präsident auf die Signalwirkung des Finaleinzugs.

"So ein Spiel zu gewinnen, könnte schon einen kleinen Push geben im Meisterschaftsrennen. Fällt aber das 3:2 für Bremen, dann hätte das auch einen kleinen Rückschlag bedeuten können."

Push also statt Rückschlag, die Bayern bleiben in der Spur. "Ich finde, dass wir seit Weihnachten fantastisch Fußball spielen, bis auf das Heimspiel gegen den FC Liverpool bin ich mit der Mannschaft total zufrieden", ließ Hoeneß noch wissen.

"Wir haben ja offenbar mit die beste Rückrunde in der Geschichte des FC Bayern gespielt bisher - also wollen wir mal nicht anfangen, uns zu beklagen." Für seinen Trainer könnte diese eigenartige Spielzeit also doch noch in einem großen Triumph enden.

"Wenn ein Trainer in seinem ersten Jahr ins Pokalendspiel kommt und vier Spieltage vor Schluss Tabellenführer in der Liga ist, dann hat er eine gute Arbeit geleistet", sagte Hoeneß.

"Ich verstehe langsam die Welt nicht mehr. Wir sind im Pokal-Endspiel, sind Tabellenführer in der Bundesliga und es wird über unseren Trainer diskutiert. Da muss ich schon sagen, da fehlt mir jegliches Verständnis. Es kann immer noch eine sehr gute Saison für uns werden, die Note 1 minus."