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München - Paul Pogba ist Weltmeister und Anführer. Doch bei Manchester United wollte es nie funktionieren. Beginnt in Leipzig seine Abschiedstournee?

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Mit Hochbegabten ist es so eine Sache.

Genial und vielschichtig, lustvoll und geistreich - das sind sie. Aber auch: launisch und unberechenbar, ambivalent und undurchschaubar. Eine gefährliche Mixtur, die nicht jeder verstehen oder erdulden kann.

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Paul Pogba ist einer dieser Hochbegabten. Sein verwegenes Spiel im Mittelfeld wird häufig mit dem von Zinédine Zidane verglichen; diese Technik, diese Galanz, aber auch diese Robustheit und diese Übersicht - das haben nur wenige im Weltfußball.

Und trotzdem will es für jenen Hochbegabten nie so ganz klappen. In der französischen Nationalmannschaft? Nein, da geht alles gut. Kopf, Anführer, Weltmeister. Die Welt sieht einen Pogba, der Spaß hat.

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Pogba unglücklich

Die Rede ist stattdessen von jenem Klub, bei dem der 27-Jährige seit 2016 unter Vertrag steht; wieder, nachdem er ihn 2012 bereits verlassen hatte. Die Rede ist von Manchester United. Da war Pogba nie das ganz große Genie. Wird es wahrscheinlich niemals werden.

Denn: Pogba will die Red Devils verlassen. So schnell wie möglich. Am liebsten direkt im Winter. Der, der das sagt, heißt Mino Raiola, seines Zeichens Spielerberater, der wohl mächtigste der Welt.

"Ich kann sagen, dass es für Paul Pogba bei Manchester United vorbei ist", sagte der 53-Jährige der italienischen Sportzeitung Tuttosport am Dienstag. Der Grund: "Paul braucht ein neues Team, einen Luftwechsel", er sei unglücklich, könne sich nicht länger ausdrücken.

Ausgerechnet nach Samstag, als Pogba beim 3:1-Auswärtssieg über West Ham United seine famose Leistung mit einem Traumtor krönte.

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Und dennoch: Die Liebe, die nie eine war, ist vergangen. Dabei hatte sich der Franzose so viel vorgenommen, entschied sich ganz bewusst für ManUnited, wollte in die Fußstapfen jener treten, die den Klub einst so groß gemacht hatten: Paul Scholes, Ryan Giggs, Roy Keane ...

Funktioniert hat es nie. Das mag vielfältige Gründe haben. Zu sagen, Pogba sei einfach ein schwieriger Hochbegabter, ist dabei viel zu einfach. Werfen wir einen Blick zurück. Fragen wir uns: Warum wurde es nie die große Liebe?

Von Juve zu Manchester United

Sommer 2016. Pogba wechselt für die unglaubliche Summe von 105 Millionen Euro von Juventus zu Manchester United. Die Welt blickt gebannt auf den Wunderfranzosen, der bei Juve die Massen verzückte.

Sein Berater, auch damals Raiola, sagt: Pogba hätte auch zum FC Barcelona oder Real Madrid gehen können; er wählte aber den anspruchsvollen Weg, zu dem Klub, bei dem er bereits in der U18 und U23 gespielt hatte.

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So weit, so gut. In Manchester trifft Pogba auf José Mourinho, den Startrainer der Startrainer. Am Anfang laufen die Dinge erfolgreich, gemeinsam holen sie in der ersten Saison den League Cup und die Europa League (2016/17).

Das klingt mehr als passabel und trotzdem wird schon damals Kritik laut, dass Pogba zu häufig untertauche. Und Mourinho? Der verteidigt seinen Mann, sagt, dass man einen Spieler nicht an seiner Ablöse messen dürfe.

Krieg mit Mourinho

Die Beziehung, die zu dieser Zeit noch harmonisch ist, verkehrt sich aber bald ins Gegenteil. Besonders in der dritten Saison, in der Mourinho und Pogba - inzwischen Weltmeister - nicht einmal mehr ein Wort wechseln. Es entbrennt eine Feindschaft, ein Machtkampf, den der portugiesische Trainer letztlich verliert.

Warum es so weit kam, ist im Nachhinein nur noch in Fetzen zu erklären. Jeder hat seine Sicht. Mourinho sagt, Pogba habe keine Disziplin und Geradlinigkeit. Pogba meint, Mourinho habe die Fans gegen ihn aufbringen wollen. Ein Wirrwarr, das niemand mehr versteht - und den vermeintlichen Sieger Pogba hervorbringt. (Spielplan und Ergebnisse der Champions League)

Vermeintlich. Denn obwohl der Franzose die Entlassung Mourinhos ausgelassen feiert und der Rest der Saison 2018/19 unter Nachfolger Ole Gunnar Solskjaer mehr als ordentlich verläuft, wird Pogba dennoch nicht ganz glücklich.

Besonders die kommende Spielzeit ist eine Geduldsprobe für den Mittelfeldspieler. Insgesamt 195 Tage fällt er aus, das Sprunggelenk macht Probleme. Als er zurückkehrt, ist er nicht fit genug. Wieder gibt es Kritik, wieder muss sich Pogba wehren.

Das betrifft auch diese Saison, in der der Weltmeister von 2018 - kehren wir zurück in die Gegenwart - wegen einer COVID-19-Erkrankung und einer Knöchelverletzung bereits 19 Tage pausieren musste.

Wechsel im Winter?

Und vielleicht liegt genau da das Problem: Pogba fühlt sich nicht genug unterstützt, nicht genug wertgeschätzt - in einem Team, das seine Stärken nicht so hervorbringt wie die französische Nationalmannschaft, und in einem Land wie England, das für seine harsche und kritische Medienlandschaft bekannt ist.

Nicht zuletzt deshalb werden nun Gerüchte um eine Rückkehr zu Juventus laut.

"Ich denke, dass die beste Lösung für Pogba und United darin besteht, dass er im nächsten Transferfenster geht", sagte Raiola. "Wenn nicht, weiß United, dass sie Gefahr laufen, ihn ablösefrei zu verlieren, da Paul nicht beabsichtigt, seinen Vertrag zu verlängern."

Also Juve? "Warum nicht?", antwortete der Berater vielsagend auf die Frage. "Das Verhältnis von Paul zu Juventus und früheren Teamkollegen ist ausgezeichnet."

Doch auch andere Teams sind im Rennen um die Dienste des Hochbegabten. Dazu gehört freilich auch Real Madrid. Sagte Pogba doch erst im Oktober auf einer Pressekonferenz: "Jeder Spieler träumt davon, für Real Madrid zu spielen!"

Ein deutliches Statement.

Pogba auf Abschiedstournee?

Doch Stand jetzt spielt Pogba noch für die Red Devils. Diese treten am Dienstagabend bei RB Leipzig an. (RB Leipzig - Manchester United am Dienstag ab 21.00 Uhr im LIVETICKER)

Worum es geht? Um nichts weniger als den Einzug ins Champions-League-Achtelfinale. (Service: Tabelle der Champions League)

Spielt Pogba? Ungewiss. Klar scheint angesichts von Raiolas jüngsten Aussagen nur: Für Pogba könnte es Teil eins der Abschiedstournee werden, bevor er den Red Devils ein zweites Mal den Rücken kehrt.

Und vielleicht - ja, vielleicht - ist es für Pogba die nächste Chance zu zeigen, warum alle Welt ihn einst als den Hochbegabten bezeichnete.