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Borussia Mönchengladbach muss im letzten Gruppenspiel der Champions League bei Real Madrid antreten. Dem Verein, der dramatisch zum Gladbacher Trauma wurde.

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Zum dritten Mal in der Vereinsgeschichte reist Borussia Mönchengladbach im Europapokal zu Real Madrid, wo der Bundesligist am Mittwoch um den Einzug ins Achtelfinale kämpfen wird. (Champions League: Real Madrid - Borussia Mönchengladbach, Mi. ab 21 Uhr im LIVETICKER)

Die Spieler sind alle viel zu jung, um zu wissen, was bei den ersten Partien passierte - und das ist auch ganz gut so.

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Vielleicht genauso wie die Tatsache, dass die Gladbacher diesmal im kleineren Estadio Alfredo Di Stéfano antreten. Denn das große Bernabéu-Stadion wurde zum Borussen-Trauma. Zweimal schied die Borussia dort aus. Und das war keineswegs nur ihre Schuld. (SERVICE: Der Spielplan der Champions League)

Borussia reist mit Weltmeister-Quintett nach Madrid

Die Premiere fiel in Gladbachs allerbeste Zeit. Im März 1976 war die Borussia Meister und kurz davor, es wieder zu werden. Die Stars der Goldenen Siebziger waren alle noch da, bis auf einen: Günter Netzer, der spielte seit 1973 beim Gegner. 

Aber mit den Weltmeistern Berti Vogts, Rainer Bonhof, Herbert Wimmer, Wolfgang Kleff und Jupp Heynckes sowie den dänischen Weltklassestürmern Henning Jensen und Allan Simonsen beherrschte die Borussia auch im Jahr eins nach Trainer Hennes Weisweiler den deutschen Fußball, nur dass es unter Udo Lattek etwas weniger wild zuging auf dem Rasen.

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Er hatte den Fohlen Zügel angelegt und mehr Wert auf die Defensive und Ballbesitz gelegt statt auf Hurra-Fußball.

Leider war die Borussia noch nicht clever genug, um wie etwa die Bayern Vorsprünge über die Zeit zu schaukeln. So endete das in Düsseldorf ausgetragene Hinspiel im Viertelfinale des Landesmeister-Pokals trotz 2:0-Führung nur 2:2, eine verblüffende Parallele zur Gegenwart. Real hätte im Rückspiel schon ein 0:0 oder 1:1 zum Weiterkommen genügt, Borussias Ausgangslage war nicht besonders gut.

Gladbach schnuppert an Halbfinale

125.000 warteten im Santiago Bernabéu auf den Deutschen Meister, den Bundestrainer Helmut Schön auf die Reise nach Spanien begleitete, denn Deutschland spielte wenig später gegen Spanien um das EM-Ticket und die halbe Nationalmannschaft spielte bei Real.

Die beiden Legionärsplätze bekamen Deutsche, Paul Breitner war Netzer 1974 nach Madrid gefolgt. Der Ex-Münchner tönte auch im neuen Dress: "Die Borussia kann in Enschede oder Innsbruck gewinnen, aber nicht in Madrid vor diesem Publikum." Für ihn war die Partie schon nach 16 Minuten beendet, als er verletzt ausscheiden musste.

Nach 25 Minuten begann Borussia vom Wunder zu träumen, Heynckes glückte per Kopf das 0:1, das sie bis in die Halbzeit rettete. Dann glich Mittelstürmer Carlos Santillana auch köpfend aus (52.), Borussia war wieder unter Zugzwang. Mutig spielte sie vor brodelnder Kulisse auf, ließ sich auch durch einen Flaschenwurf an Wimmers Kopf nicht aus dem Konzept bringen.

Sie war die bessere Mannschaft an diesem März-Mittwoch 1976, nur einer konnte sie stoppen: der Mann in Schwarz. Wolfgang Kleff, heute 74, erinnert sich noch genau an seinen Namen: "Leonardus van der Kroft war damals der meistgesuchte Mann in Mönchengladbach, noch vor Boninsegna, der von der Büchse getroffen wurde."

Schiedsrichter erkennt reguläres Tor ab

Der 2016 verstorbene niederländische Schiedsrichter und seine Assistenten nahmen in der Schlussphase der Partie erheblichen Einfluss auf den Ausgang - oder, um es mit Kleff zu sagen: "Das war großer Beschiss!" Was genau?

Van der Kroft verteilte schon in der ersten Viertelstunde drei Gelbe Karten an die Borussia, es traf Berti Vogts, Dietmar Danner und Ulli Stielike nach "teilweise lächerlichen Situationen", wie der kicker anmerkte.

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In der 62. Minute kam Jensen nach einem Pass eines der beiden Nicht-Nationalspieler der Borussen, Hans Klinkhammer, zum Abschluss und überwand Miguel Ángel.

Doch der Torjubel erstickte den Spielern und 2000 Schlachtenbummlern sogleich, denn während Linienrichter Ben Hoppenbrouwer keine Einwände hatte und die Fahne unten ließ, entschied van der Kroft in eigener Machtvollkommenheit auf Abseits.

Wie das ZDF entlarvte, standen noch zwei Spanier näher am eigenen Tor. Am Spielfeldrand sah man Lattek toben wie lange nicht, aber es blieb beim 1:1.

Linienrichter meldet Phantom-Handspiel

Acht Minuten vor Schluss wagte sich Libero Hans-Jürgen Wittkamp, der andere Nicht-Nationalspieler, mit nach vorne, und traf aus dem Gewühl ins Real-Tor. Nun erkannte auch van der Kroft auf Tor. "Er lief schon zur Mittellinie", erinnerte sich Wimmer noch 2005 in einem Interview mit dem Spiegel, doch nun hatte Herr Hoppenbrouwer etwas dagegen und meldete ein Handspiel, das es nie gegeben hatte.

Stielike fauchte den Schiedsrichter an, aber ansonsten hielten sich die Proteste noch in Grenzen, "denn man muss ja weiterspielen und es hat noch nie etwas gebracht, gegen Tatsachenentscheidungen zu protestieren", sagt Kleff heute. Sein Verein versuchte es dann doch und legte nach der Partie durch Manager Helmut Grashoff offiziell Protest bei der UEFA ein.

Denn nach dem 1:1 war man ausgeschieden und das roch stark nach Betrug. Kleff: "Wir waren fassungslos, entsetzt und demoralisiert." Er weiß noch, dass "wir vor Wut die Kabinentür fast kaputt getreten haben".

Dann kam Netzer in die Kabine, sagte nichts und strich einigen Kameraden von einst, "wie es so seine Art war, mit der Hand über den Kopf". Anschließend ließ Kapitän Vogts die Spieler einen Kreis bilden und alle schwören, dass sie jetzt alle Kraft auf die Meisterschaft legen wollten, die sie dann auch holten.

Presse wittert Betrug

Selbst von Real-Trainer Miljan Milanic gab es übrigens Aufmunterung. "Borussia hat sensationell gespielt, da kommt selbst die deutsche Nationalmannschaft nicht mit."

Das Presseecho war einhellig, selbst der seriöse kicker titelte: "Der Skandal von Madrid!" Die Westdeutsche Zeitung befand: "Borussia in Madrid verschaukelt!" und bediente deutsch-niederländische Ressentiments: "Späte Rache für die Weltmeisterschaftsniederlage in München?" 

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In die gleiche Kerbe schlug auch Udo Lattek und die Bild-Zeitung wollte gar wissen, der Schiedsrichter habe aus Kriegszeiten einen Hass auf Deutsche. Van der Kroft bekam prompt, nach eigenem Bekunden, "viele Briefe aus Deutschland, einige davon waren unter der Gürtellinie". Ein Schreiberling entblödete sich nicht zu bedauern, "dass ich im Krieg nicht vergast worden bin".

Etwas charmanter kanalisierte der niederländische Showmaster Rudi Carrell die Wut der Deutschen auf seinen Landsmann und ließ dessen Porträt in seiner Fernsehshow "Am laufenden Band" mit Mohrenköpfen bewerfen.

Bayern rächt Gladbach

All das half Borussia nicht. Der Protest wurde von der UEFA am 30. März in Zürich abgelehnt, obwohl Videoaufnahmen bewiesen, dass er auch noch gelogen hatte bei der Schilderung seiner Entscheidungsgründe bei Wittkamps Tor.

DFB-Präsident Hermann Neuberger sagte desillusioniert: "Es erhebt sich die Frage, ob ein solches Ende wie in Zürich wirklich der Weisheit letzter Schluss für den größten Sportverband der Welt ist."

Immerhin wurde van der Kroft noch von der Schiedsrichterliste für Olympia in Montreal gestrichen und er beendete im selben Jahr seine Karriere. Etwas Genugtuung bereitete den Borussen, dass Real in der nächsten Runde an den Bayern scheiterte.

"Die haben uns gerächt", sagt Wolfgang Kleff, der längst seinen Frieden mit der Nacht vom Bernabéu und dem betrügenden Holländer gemacht hat. Dass es Betrug war, will er mehr als nur andeuten. 

"Heute käme so etwas nicht mehr vor, die Schiedsrichter werden jetzt besser bezahlt. Aber für Borussias Popularität war das Spiel gar nicht so schlecht, ebenso wie das Büchsenwurf-Spiel gegen Inter, das annulliert wurde nach unserem 7:1-Sieg. Es ist ganz wichtig, dass das immer noch thematisiert wird. Diese Spiele gehören zur DNA von Borussia, denn sie haben unsere Beliebtheit gestärkt und sogar gesteigert."

Borussia von Hexenkessel beeindruckt

Nicht ganz so verhält es sich mit dem zweiten Madrid-Gastspiel neun Jahre später. Diesmal war es eine Partie im UEFA-Pokal und sie fiel eher unter die Kategorie "Debakel". Wieder gab es ein Hinspiel in Düsseldorf, nun aber ein fantastisches 5:1 für die Elf von Jupp Heynckes, der die Mannschaft seit 1979 betreute.

In seiner Elf stand mit Verteidiger Winfried Hannes nur noch ein "Überlebender" von 1976, damals wurde der Hüne eingewechselt. Bei Real war die Ära Netzer längst vorbei, aber der beinharte Antonio Camacho und Torjäger Santillana trugen das königliche Dress immer noch.

Das Stadion war etwas leerer an jenem 11. Dezember, die 93.000 dennoch bedrohlich genug für die Borussen, die schon auf der Busfahrt mit Eiern und Tomaten beworfen worden waren. "Ganz ehrlich muss man im Nachhinein sagen, dass einige unserer Spieler mit der Situation völlig überfordert waren", gestand Torwart Uli Sude dieser Tage dem kicker. "Einige sind psychisch wirklich weggebrochen."

Die Real-Spieler brüllten sie schon im Kabinengang an, auf dem Platz flogen Flaschen, Münzen und Feuerzeuge - ganz wie es üblich war in Madrid, wie noch viele Gästeteams davor und danach berichten konnten. Bayerns Gerd Müller etwa war im Halbfinale 1976 von einem Real-Fan sogar auf dem Platz niedergeschlagen worden, 1987 flogen Messer in den Strafraum von Jean-Marie Pfaff.

Gladbach im Rückspiel chancenlos 

In den Strafraum von Uli Sude flogen an jenem Tag im Advent 1985 vor allem viel zu viele Bälle und schon nach 18 Minuten hatte Jorge Valdano zwei davon im Gästekasten versenkt - und den schönen Vorsprung halbiert. Die Maxime von Hannes ("Wichtig ist, dass wir in den ersten 15 Minuten keinen kassieren") war Makulatur, denn nun spielten sie in einem wahren Hexenkessel.

93.000 glaubten an das Wunder, das "nur Real Madrid vollbringen kann", wie Libero Antonio Maceda schon vorher prophezeit hatte.

Sude sah alsbald nur noch Sternchen, da ihm der Argentinier Valdano, ein kommender Weltmeister, den Ellenbogen ins Auge gerammt hatte. Auch der fand im Schotten McGinley einen nachsichtigen Schiedsrichter. Es gab nicht mal Gelb. Sude: "Da war ein Heimspiel noch ein Heimspiel. Im Zweifelsfall hat dich der Schiedsrichter kein bisschen geschützt."

Borussia stand mit dem Rücken zur Wand und als sich die Chance zum Befreiungsschlag bot, wackelten auch dem Abgezocktesten die Knie. Frank Mill eilte in der 40. Minute nach einem abgefangenen Pass allein übers halbe Feld aufs Real-Tor zu und schoss vorbei, es wäre das ersehnte Auswärtstor gewesen.

So blieb es beim 2:0 zur Pause und Real musste nur noch mal eine solche Halbzeit spielen, wobei Sude befand: "Hätte Real fünf Tore gebraucht, dann hätten sie eben fünf geschossen. Bei uns ging überhaupt nichts. Keiner wollte den Ball haben, alle haben sich versteckt", dem jungen Verteidiger Thomas Krisp seien "praktisch die Unterschenkel weggeknickt".

Von den Jung-Nationalspielern Uwe Rahn und Michael Frontzeck gingen keine Impulse aus, auch Routinier Ewald Lienen war machtlos. Entlastung gab es kaum noch, Sude stand unter Dauerbeschuss. Nach einer kurzen Phase der Beruhigung blies Real noch mal zur Attacke und der alte Santillana wurde zum Todesengel der Borussen. Seine Tore in der 76. und 89. Minute warfen den Bundesligisten aus dem Wettbewerb.

Real-Niederlage hat Konsequenzen

79 Sekunden fehlten zum Weiterkommen, das aber nicht verdient gewesen wäre. Manager Grashoff bezeichnete die Vorstellung seiner Elf als "einfach nur peinlich".

"Schwarze Nacht für Borussia!", hieß es im Kicker. "Keiner gewinnt so schön, verliert so grausam wie die Borussia!", schrieb die Rheinische Post nach diesem erneuten Real-Drama, das Folgen haben sollte.

Bei Trainer Heynckes und Stürmer Mill setzte sich nach diesem Spiel die Erkenntnis durch, dass sie mit Borussia wohl nie mehr etwas gewännen. Mill wechselte jedenfalls 1986 nach Dortmund, Heynckes nach Vertragsende 1987 zu den Bayern und scheiterte gleich im ersten Jahr im Landesmeistercup an - Real Madrid.