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München - Drei deutsche Trainer stehen im Halbfinale der Champions League - das gab es noch nie. Was ist das Erfolgsrezept der Coaches und was hat Jürgen Klopp damit zu tun?

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Sieben Jahre nachdem der FC Bayern im Finale der Königsklasse auf Borussia Dortmund traf, ist es wieder die "Champions League der Deutschen", wie es das Portal OneFootball ausdrückte.

Das historische Final-Turnier der Champions League in Lissabon hat schon so einige Rekorde geboten. Erfreulich waren diese tatsächlich zumeist aus deutscher Sicht - und vor allem aus Sicht der deutschen Trainer.

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Hansi Flick errichte mit dem FC Bayern in unnachahmlicher Art die Runde der letzten vier. Thomas Tuchel setzte sich im Viertelfinale mit Paris Saint-Germain auf dramatische - durch zwei Last-Minute-Treffer - und Julian Nagelsmann mit RB Leipzig auf kämpferische Weise durch.

Drei Trainer einer Nationalität im Halbfinale der Königsklasse, das hat es vorher noch nie gegeben.

Und dabei fehlt mit Jürgen Klopp der Trainer, der allgemein als bester deutscher Coach angesehen wird. Der Coach des FC Liverpool hatte dafür im letzten Jahr Europa aufgemischt und den Henkelpott in die englische Arbeiterstadt geholt. 

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Der internationale Erfolg so vieler deutscher Trainer wirft die Frage auf, was ihr Erfolgsrezept ist. 

Nagelsmann und Tuchel beendeten früh ihre aktiven Karriere

"Das ist gut für den deutschen Fußball", schwärmte Nagelsmann nach Leipzigs 2:1-Sieg gegen Atlético Madrid. Der 33-Jährige ist der jüngste Trainer, der je in einem Halbfinale der Champions League gestanden hat - noch so ein erfreulicher Rekord. 

Nagelsmann sieht einen Grund der deutschen Trainer-Invasion auf dem Kontinent in der Ausbildung. "Unsere Trainerausbildung ist gut. Ich bin damit zufrieden gewesen, was ich mit auf den Weg bekommen habe." 

Der gebürtige Landsberger entschied sich früh dafür, eine Trainerlaufbahn einzuschlagen. Schon mit 20 Jahren sammelte er erste Erfahrungen in einer Jugendmannschaft des FC Augsburg. Seine Spielerkarriere hatte wegen anhaltender Knieprobleme ein Ende gefunden, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte.

Zuvor hatte Nagelsmann bei der zweiten Mannschaft des FC Augsburg gekickt, trainiert wurde er dort kurzzeitig von Tuchel. 

Auch Tuchel hatte seine Fußballschuhe schon mit 25 Jahren wegen einer chronischen Knieverletzung an den Nagel gehängt und gegen eine Taktik-Tafel eingetauscht. Beim VfB Stuttgart begann seine Reise, die schließlich über Augsburg, Mainz und Dortmund nach Paris führte. 

Nur Flick spielte auf Top-Niveau

Tuchels Weg zeichnete den von Klopp nach. Als Außenverteidiger hatte der es beim FSV Mainz 05 zumindest in die 2. Bundesliga geschafft - und den kleinen Klub später als Trainer übernommen. Dann schloss er sich dem BVB an, um schließlich in Liverpool zu landen. 

Die drei heutigen Erfolgstrainer eint, dass sie alle nicht die ganz großen Fußballer waren und früh eine Karriere an der Seitenlinie im Blick hatten. 

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Flick kam in seiner Karriere hingegen auf über 100 Spiele für die Bayern. Allerdings lief er an der Säbener Straße zumeist unter dem Radar, er arbeitete Fußball, da auch ihm nicht das ganz große Talent in die Wiege gelegt wurde. Trotzdem ist er der einzige der vier Coaches, der auf Top-Niveau spielte.

Flick verbrachte danach fünf Jahre als Cheftrainer in Hoffenheim, um dann fast seine ganze Laufbahn als Co-Trainer - acht Jahre lang von Bundestrainer Joachim Löw - zu verbringen. Es scheint, als hätte er sich in dieser Zeit beim DFB perfekt auf eine große Aufgabe wie der beim FC Bayern vorbereitet. 

Bei Betrachtung der deutschen Aushängeschilder ist auffällig, dass sich alle früh für eine Trainerlaufbahn interessierten und nicht dank ihres sportlichen Glanzes an einen Job als Coach kamen. 

Letzteres bestätigt in Deutschland einen Trend, denn es ist auffällig, dass die Klubs in der ersten und zweiten Bundesliga vermehrt auf junge Coaches setzen, die nicht auf eine große Karriere als Aktive zurückblicken können. Bremens Florian Kohfeldt ist dafür das beste Beispiel. 

Das könnte einer der Gründe der jüngsten Erfolge sein. 

Klopp als "Türöffner"

Dass ein anderer die Ausbildung der Coaches in Deutschland ist, dürfte klar sein. Dass sie einen hervorragenden Ruf genießt, ist nicht nur die Meinung von Nagelsmann. "Die deutsche Trainerausbildung ist einfach gut. Sie ist international auf einem Top-Niveau angesiedelt und wird sehr, sehr hochklassig bewertet", sagte jüngst Daniel Farke - der seit drei Jahren bei Norwich City auf der Trainerbank sitzt, dem SID.

Er glaubt, dass Klopp eine große Rolle dabei spielt, dass die deutschen Trainer auch im Ausland mehr Anerkennung und Interesse hervorrufen: "Der Erfolg von Klopp ist ein Türöffner. Er zeigt, dass ein deutscher Trainer einfach sehr gute Arbeit abliefert." 

Gut möglich also, dass in Zukunft immer mehr deutsche Trainer bei internationalen Top-Klubs unterschreiben. Das Engagement Tuchels bei PSG unterstreicht diese Entwicklung und Nagelsmann soll vor seiner Unterschrift bei RB sogar eine Offerte von Real Madrid abgelehnt haben. 

Klopp ist in Deutschland aber noch der mit Abstand beliebteste Coach, das dürfte auch für das Ausland gelten. 

In dieser Saison holte er mit den Reds die ersehnte englische Meisterschaft, am Samstag wurde seine Wahl zum Trainer des Jahres in England bekannt

Auch ihm dürfte die Entwicklung gefallen, die sich in der Champions League ergibt. Im nächsten Jahr wäre er aber sicherlich wieder gerne im Halbfinale dabei. Vielleicht ja neben drei anderen deutschen Trainern.