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München und Lissabon - Thiago galt als genial, aber unvollendet. Seinen angeblichen Makel streifte er nun spektakulär ab. Sein Abschied wird Bayern treffen - oder bleibt er doch?

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Für ein paar Sekunden herrschte auf der Pressetribüne des Estádio da Luz unter den deutschen Medienvertretern Totenstille.

Die Worte, die aus dem Mund des zugeschalteten Hansi Flick drangen, mussten von den anwesenden Journalisten erst einmal sortiert werden. Was hatte der Bayern-Trainer da gerade gesagt? Dass Thiago, allen anderslautenden Gerüchten zum Trotz, doch beim FC Bayern bleibt und er das seinem Trainer soeben persönlich mitgeteilt habe? Es nun, so unmittelbar nach dem Triple-Gewinn, zu einer spektakulären Wende kommt?

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Bevor die Gedanken vollständig sortiert waren, platzte es allerdings aus Flick heraus und mit einem schallenden Lachen entlarvte er sich als Schwindler, der sich auf Kosten der versammelten Journalisten einen Scherz erlaubt hatte. Der Spruch saß, man konnte über sich selbst lachen.

Aber Flick sagte zu Thiagos Zukunft auch: "Ich weiß es nicht. Er weiß es selbst noch nicht, weil wir uns alle zu 100 Prozent auf dieses Finale konzentriert haben. Wir müssen abwarten, was sich die nächsten Tage ergibt."

Thiago soll mit FC Liverpool einig sein

Nach SPORT1-Informationen plant Thiago weiterhin den Abflug, weil er sich noch mal verändern möchte. Mit dem FC Liverpool soll sich der Spanier einig sein. Allerdings wollen die Bayern mindestens 30 Millionen Euro Ablöse für ihn bekommen. Ob die Reds diesen Preis zahlen werden, zumal er im kommenden Jahr ablösefrei zu haben wäre, bleibt allerdings abzuwarten. 

Ohnehin kann so vieles aus der Finalnacht als Abschiedshandlung interpretiert werden. Um 22.03 Uhr nahm er das 21 Jahre alte Mittelfeld-Talent Michael Cuisance lange in den Arm und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der junge Franzose nickte. Sagte ihm Thiago hier, dass er sein Nachfolger werden könnte?

Um 22.58 Uhr kam der langjährige und beliebte Medien-Mitarbeiter Hans-Peter Renner mit Thiago aus der Kabine und bat Álvaro Odriozola, ein Abschiedsfoto von ihnen zu schießen, während sie auf dem Podest saßen. Schon nach dem DFB-Pokalfinale soll sich Thiago nach Informationen der Abendzeitung von den deutschen Schiedsrichtern ein für allemal verabschiedet und sich für ihre Leistungen bedankt haben.

Seine Leistungen, sie stimmten unter Flick wieder, nachdem er in den Endzügen der Amtszeit von Niko Kovac und in den ersten Spielen unter Flick mangels Form nur Reservist war. Schnell ging die Leistungskurve für ihn aber wieder nach oben, weil er schnörkellos und effektiv spielte. So, wie es sich Flick von ihm gewünscht hatte.

Pavards Pech war Thiagos Glück

Bei aller Freude über das zweite Triple des deutschen Rekordmeisters nach 2013 ist der bevorstehende Abschied des Edeltechnikers eine schlechte Nachricht für die Bayern: Wer Thiago beim 1:0-Sieg gegen Paris Saint-Germain sah, wie er neben seinen spielerischen Fähigkeiten auch noch die kämpferischen Elemente auf den Rasen brachte, der konnte erahnen, wie sehr der 29-Jährige den Bayern fehlen wird.

Zudem ist er im Verein voll integriert, Mitglied des Mannschaftsrats und ein wichtiges Bindeglied zwischen den deutschen und ausländischen Spielern. 

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In Lissabon hatte erst die Verletzung von Benjamin Pavard den Mittelfeldstar in Flicks Stammelf gespült. Joshua Kimmich, der unter Flick im Mittelfeld gesetzt ist, musste die Lücke auf der rechten defensiven Außenbahn füllen, so dass für Thiago ein Platz im Zentrum frei wurde. Denn Leon Goretzka war gesetzt.

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Der frühere Barca-Star zahlte mit starken Leistungen zurück und wurde zu einer wichtigen Figur während des gesamten Champions-League-Finalturniers. Seinem angeblichen Makel zum Trotz, er würde bei wichtigen Spielen untertauchen, stahl sich Thiago nicht aus der Verantwortung, sondern prägte das Bayern-Spiel maßgeblich.

Thiago zaubert und feuert an

Im Finale war es auch Thiagos Aufbauspiel geschuldet, dass der französische Serienmeister vor allem in der zweiten Hälfte so gut wie keine Antwort mehr parat hatte. Aus dem teilweise extremen Pressing von PSG konnte er sich immer wieder befreien und leitete anschließend die Angriffe der Münchner ein. Allerdings hatte er in der Anfangsphase, wie schon gegen Lyon, Fehlpässe in seinem Spiel.

Dennoch: Als Beleg für seinen Gala-Auftritt dient ein Blick in die Statistiken des Finals. Thiago spielte insgesamt die meisten Pässe (75 von 85 erfolgreich), vor allem aber die meisten erfolgreichen Pässe ins Angriffsdrittel (20 von 25). Zudem gewann er seine beiden Dribblings, verbuchte sieben Balleroberungen und gewann jeden seiner drei Zweikämpfe.

Doch auch als er in der 86. Minute für Corentin Tolisso ausgewechselt wurde, war für Thiago noch nicht Schluss: Wild gestikulierend feuerte er seine Mannschaftskollegen an - und nach dem Schlusspfiff umarmte er jeden, der seinen Weg kreuzte. Kaum ein Bayern-Spieler wirkte so glücklich wie der kleine Spanier.

Für Thiago selbst ist der Gewinn des Henkelpotts die Krönung eines bislang Unvollendeten. Dass er seine Kritiker widerlegen konnte, liegt aber auch an Hansi Flick, durch dessen offensiveren Spielstil der Regisseur zu alter Stärke zurückfand. Noch am Tag vor dem Finale hatte Flick Thiago beim Abschlusstraining an der Seitenlinie eindringlich auf das große Spiel eingeschworen. Letztlich war es für beide Seiten ein Gewinn. "Ich habe ihm gedankt", verriet der Bayern-Coach nach dem Triumph noch.  

Hansi Flick bedankt sich bei Thiago
Hansi Flick bedankt sich bei Thiago © Imago

Und so müssen sich die Bayern trotz aller Triple-Euphorie demnächst wohl mit dem Gedanken auseinandersetzen, in Zukunft ohne ihren Spielgestalter aus der Tiefe des Mittelfeld-Zentrums auskommen zu müssen. Es sei denn, Flick verkündet in den kommenden Tagen doch noch Thiagos Verbleib - ohne danach in schallendes Gelächter auszubrechen.