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Lissabon - Der FC Bayern steht im Finale der Champions League. Vorstandsmitglied Oliver Kahn erläutert, wie die Münchner nun den Titel holen wollen. Der Pressetalk zum Nachlesen.

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Mit 3:0 schlug der FC Bayern Olympique Lyon im Halbfinale der Champions League - der Traum vom zweiten Triple der Vereinsgeschichte lebt. 

Im Endspiel bekommt es der deutsche Rekordmeister am Sonntag in Lissabon mit Paris Saint-Germain und dem deutschen Trainer Thomas Tuchel zu tun.

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Oliver Kahn konnte als Spieler der Bayern nie das Triple gewinnen. Als er 2001 den Henkelpott holte, wurde er mit den Münchner zwar auch deutscher Meister, allerdings nicht Pokalsieger. 

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Mittlerweile ist der ehemalige Torhüter Vorstandsmitglied bei den Bayern und soll die Nachfolge des Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge antreten.

Am Donnerstag äußerte sich Kahn aus Lissabon zu der Frage, wie das Team von Trainer Hansi Flick den großen Traum in die Realität verwandeln will. Auch der Transfer-Poker mit David Alaba war Thema.

Der Pressetalk zum Nachlesen.

+++ Das war´s +++

Oliver Kahn sagt Servus.

+++ Lewandowski "wie Ronaldo" +++

"Es ist ähnlich, wie es bei Cristiano Ronaldo ist. Er ist ja auch ein absolutes Vorbild, wenn es um die Pflege des eigenen Körpers und die Professionalität im Beruf Profifußballer angeht. Sie überlassen nichts dem Zufall und daher können sie sehr lange diese Top-Leistungen bringen. Lewandowski hat da eine ähnliche Einstellung wie Ronaldo oder auch Manuel Neuer."

+++ Offensive der Bayern "außergewöhnlich" +++

"43 Tore in einer Champions-League-Saison zu erzielen, das ist außergewöhnlich. Die Mannschaft wird von dem offensiven Stil niemals abrücken."

+++ Kahn spricht über Mbappé und Neymar +++

"Wir haben es mit zwei absoluten Superstars zu tun. Heute geht es aber ja nicht mehr um Manndeckung, sondern darum, die Zuspiele erst gar nicht zuzulassen. Da liegt es an Hansi Flick, das bestmöglich auszutüfteln, damit diese Spieler den Ball möglichst selten bekommen. Es ist aber nicht nur so, dass PSG Mbappé und Neymar haben, sondern wir haben Lewandowski, Gnabry, Neuer und so viele gute Spieler in unseren Reihen. Wir wissen, was Paris für eine Hausnummer ist, wir wissen aber um unsere Stärken."

+++ "Die Spieler sind so erfahren" +++

"Die Spieler auf dem Platz sind so erfahren. Was die Jungs da alles erlebt haben, da ist es klar, dass sie so schnell nichts aus der Ruhe bringt. Daher spreche ich ja auch davon, dass die Führungsspieler ein wichtiger Faktor sind. Ich glaube, dass die Mannschaft auch damit hätte umgehen können, wenn Lyon das 2:1 geschossen hätte."

+++ Kahn bei Alaba "sehr optimistisch" +++

"Wir sind in häufigen Gesprächen mit David Alaba und seinen Beratern. Ich kann hier natürlich nicht über die Inhalte der Gespräche reden, aber wir nähern uns an. Die Atmosphäre im letzten Gespräch war sehr angenehm. Es ist ja kein Geheimnis, dass wir als Klub alles versuchen, um ihn zu halten. David weiß auch gerade in diesen Zeiten, was er an Bayern München hat. Im Moment sehe ich das sehr optimistisch, dass wir ihn beim FC Bayern halten können."

+++ Final-Turnier als neues Format? +++

"Ich habe, glaube ich, sieben Welt- und Europameisterschaften mitgemacht. Ich kenne mich mit Hotels und Lagerkoller aus. Das Format ist vom Gefühl her wie eine Welt- oder Europameisterschaft. Ein Spiel und du hast eine Entscheidung. Ich weiß aber noch nicht, ob ich das wirklich besser finde. Ein Hin- und Rückspiel hat auch seinen Reiz. Die Quoten werden gut sein, weil es etwas Außergewöhnliches ist. Wir sollten das auf uns wirken lassen und dann sehen, ob das Format eine Zukunft hat."

+++ "Eine gute Mischung" +++

auf SPORT1-Nachfrage: "Ich habe viele Vergleiche. Es ist schon beeindrucken, mit welcher Professionalität diese Spieler auftreten. Das Ziel ist klar, sie wollen die Champions League gewinnen. Dafür tun sie alles, dafür ist es aber auch notwendig, ein klares Gerüst zu haben. Wir haben hinten mit Manuel Neuer einen Kapitän, der Spieler führen kann. Wir haben Thomas Müller, der viel ruft und viel für die Mannschaft tut. David Alaba, der die Mannschaft von hinten führt, Joshua Kimmich der sehr aggressiv spielt und viel tut. Es ist eine gute Mischung aus erfahrenen Spielern, die nicht müde sind, etwas zu gewinnen, und den jungen Spielern, die zu Fuß nach München laufen würden, um den Henkelpott zu gewinnen."

+++ "Dann knallt es meistens" +++

"Wenn wir gegen Paris den Ball verlieren, dann geht die Post ab. Das wissen die Spieler aber, das wird ein ganz anderes Spiel als gegen Lyon. Die individuelle Qualität von Paris ist enorm, wenn die eine Chance haben, dann knallt es meistens. Die Spieler werden sich darauf einstellen, dass sie kaum Fehler machen dürfen."

+++ Kahn erläutert den Spielstil der Bayern +++

"Die Mannschaft steht sehr hoch, das ist ihr Spiel. Die Mannschaft spielt extremes Pressing - wenn es eine Mannschaft schafft, sich daraus zu befreien, dann ist das eine Frage der Restabsicherung. Das Team will immer offensiv spielen, es ist nicht ihr Stil, sich zurückfallen zu lassen. Da kann man natürlich auch mal vergessen, dass der Gegner schnelle Leute hat. Gegen Lyon hatten wir was zu verlieren, so einfach ist das dann nicht. Es gehört dazu, dass auch mal Unsicherheiten da sind, es werden auch mal Fehler gemacht. Das ist die Gemengelage, in der sich Spieler in so einem Spiel befinden. Ich hatte aber nie Angst, dass es schiefgeht."

+++ Wo kann sich das Team verbessern? +++

"Wenn eine Mannschaft acht Mal hintereinander Meister geworden ist und jetzt die Chance hat, das Triple zu gewinnen, ist es nicht einfach, von Verbesserungspotenzial zu sprechen. Wir wären aber nicht der FC Bayern, wenn wir uns nicht überlegen würde, wo wir uns weiter verbessern können. Es geht nur noch um Zentimeter, den die Mannschaft befindet sich auf absolutem Top-Niveau."

+++ Kahn erzählt Anekdote zum Team hinter dem Team +++

"Man hat bei der Weltmeisterschaft 2014 gesehen, wie wichtig die Rahmenbedingungen im Team sind. Ich bin erstaunt, wie in unserem Staff gearbeitet wird - damit die Mannschaft im richtigen Moment abliefern kann. Egal ob es um die Unterkunft, die Ernährung oder das Training geht. Das System funktioniert hier momentan sehr gut. Man muss sich das so vorstellen: Als ich an die Algarve angereist bin, habe ich zur Mannschaft gesprochen und dachte mir, wer denn da noch spricht. Für die Spieler, die dabei sind, Deutsch zu lernen, wird das dann auch übersetzt. Als ich Fußballer war, hat man mit Händen und Füßen geredet. Das Beispiel zeigt, wie sich das alles entwickelt hat."

+++ Ist der Umbruch endgültig abgeschlossen? +++

"Dinge verändern sich derzeit in solch einer rasanten Geschwindigkeit, dass ich mit abgeschlossen ein Problem habe. Die Zusammensetzung eines Kaders ist eigentlich nie abgeschlossen. Wichtig ist, dass die Spieler - die eine Achse bilden - langfristig unter Vertrag stehen. Das ist bei uns gegeben."

+++ Kahn wünscht sich mehr Wettbewerb +++

"Die letzten Meisterschaften waren immer sehr deutlich und es gibt niemanden im Klub, der etwas dagegen hätte, dass der Wettbewerb ähnlich wäre, wie in der Premier League. Darauf haben wir aber keinen Einfluss. Der FC Bayern ist eine globale Marke, der die Verpflichtung hat, vorne mitzuspielen."

+++ Kontinuität als Erfolgsgeheimnis +++

"Es ist eine Entwicklung, bei der man sich das letzte Jahrzehnt ansehen muss. Der FC Bayern ist in der letzten Dekade immer vorne dabei gewesen. Das hat mit wirtschaftlicher Qualität zu tun und mit den Spielern und Trainern, die man in den Klub holt. Es hat auch mit Kontinuität zu tun. Im Kader und bei den Verantwortlichen ist die Fluktuation da sehr gering, was ein großer Erfolg ist. Das neue Jahrzehnt wird aber viele Herausforderungen bringen. Es wird neue Faktoren geben, durch die man erfolgreich sein wird. Man muss in meiner Position immer viel auf dem Radar haben."

+++ Kahn zum Vergleich Spieler-Vorstand +++

"Das kann man nicht vergleichen. Ich bin jetzt viel zu weit weg vom Spieler-sein. Die Erfahrung, die ich in den letzten Jahren gemacht habe, ist, dass eine zu hohe Emotionalität in meinem Job nicht sehr förderlich wäre, da ich den Überblick behalten muss."

+++ Kahn adelt Neuer +++

"Manuel ist einfach einmalig. Wie er es nach einer schwierigen Zeit - der Verletzung und der Weltmeisterschaft - wieder professionell rangearbeitet hat, ist stark. Ich bin nah dran und sehe, mit welcher Akribie er auf seine Fitness achtet. Da ist es kein Wunder, dass er diese Leistungen immer wieder bringt. Ein Torwart wird bei Bayern München nie dauerbeschäftigt, dafür ist die Defensive zu gut und zu stabil. Er muss aber dann da sein, wenn er gebraucht wird und das ist alles andere als einfach für einen Torwart. Das hat er gestern in der eins-gegen-eins-Situation wieder gezeigt, das wäre sonst das 2:1 gewesen und dann hätte es nochmal richtig gebrannt. Das macht einen Weltklassetorwart aus, dass er dann da ist. Er hatte die Ruhe und hat den Winkel verkürzt. Er bietet dem Stürmer eine Ecke an, hat aber mit dem langen Bein noch die Chance die lange Ecke zuzumachen. Das ist eine große Qualität. Wenn man vor Manuel Neuer so eine Situation hat, dann ist das etwas anderes für den Stürmer, weil er weiß, dass er es mit vielleicht dem besten Torwart der Welt zu tun hat. Wenn ein Torwart älter wird, wird er keinesfalls schlechter, sondern eher besser. Er ist jetzt 34 und Buffon ist jetzt bald 50 glaube ich - na nicht ganz. Aber Manuel  er kann auf jeden Fall noch einige Jahre auf sehr hohem Niveau spielen."

+++ Gnabry "noch nicht am Maximum" +++

"Sein Tor, das kann man guten Gewissens als Weltklasse bezeichnen. Was mir wichtig ist: Er ist ein Spieler, der sich in den letzten Monaten weiterentwickelt hat. Seine Leistungskurve geht von Jahr zu Jahr nach oben und ist noch lange nicht am Maximum angekommen. Bei Spielern, die sich weiterentwickeln, liegt das auch am Trainer. Das ist eine Stärke von Hansi, dass er mit den Spielern immer die richtigen Worte findet."

+++ Kahn lobt die Einstellung der Mannschaft +++

"Die Jungs können schon feiern, habe ich festgestellt. Es ist aber wichtig zu verstehen, wie anspruchsvoll das nächste Spiel ist. Wenn man so gegen Barcelona gewinnt und dann gegen so eine unangenehme Mannschaft wie Lyon spielt, genau das ist der Punkt. Es war ein schwieriges Spiel, was abzusehen war. Ich habe schon viele Mannschaften gesehen, die nach einem so grandiosen Sieg das nächste Spiel nicht erfolgreich bestreiten konnten. Man darf nicht vergessen, dass wir ohne Zuschauer spielen. Das macht den Fußball eigentlich aus und das steckt die Mannschaft seit Monaten weg. Wer sich auch in leeren Stadien motivieren kann, hat große Vorteile. Das ist momentan ein großer Faktor."

+++ Kahn spricht über das Erfolgsrezept +++

"Ich bin kein Freund von generationenübergreifenden Vergleichen. Bei uns war es damals so, dass wir nach dem verlorenen Finale sehr davon getrieben waren, den Titel zu holen. Bei der Generation von Philipp Lahm war das ähnlich, nach dem verlorenen "Finale Dahoam" waren sie davon getrieben, das in Ordnung zu bringen. Ein Jahr später haben sie die Champions League dann gegen Borussia Dortmund gewonnen. Solch ein negatives Erlebnis hatte diese Mannschaft nicht, sie sind von dem Gedanken angetrieben immer besser werden zu wollen. Das zeichnet große Mannschaften aus. Das zeigt einfach, dass diese Mannschaft nie zufrieden ist und sich immer weiter entwickeln will. Gepaart mit der Spielidee von Hansi Flick macht das diese Mannschaft so erfolgreich."

+++ Kahn blickt auf Entwicklung seit seinem Amtsantritt zurück +++

"Ich glaube, es ist eine Menge passiert, wenn man überlegt, dass die Mannschaft am Ende des letzten Jahres noch auf Rang vier stand und schon der ein oder andere Abgesang angeklungen ist. Hansi Flick hat der Mannschaft wieder Struktur und den Spielern Selbstvertrauen gegeben. Ich habe selten vom Speed einen größeren Unterschied gesehen, wie bei dem Spiel gegen Barcelona. Es kommt dazu, dass viele Spieler sehr hungrig auf den Titel sind. Ich bin seit Januar da und man sagt ja, man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein."

+++ Gleich geht's los +++

Der virtuelle Pressetalk startet in wenigen Momenten.

+++ Gnabry avanciert gegen Lyon zum Matchwinner +++

Serge Gnabry hat die Bayern mit seinem Doppelpack in das Finale geschossen. Die Einzelkritik.