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Lissabon - SPORT1-Chefreporter Florian Plettenberg schildert, wie er Bayerns historischen Kantersieg gegen Barcelona auf der Tribüne erlebte.

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Die Champions-League-Hymne verpasse ich diesmal, denn die Schalte zum SPORT1-Fantalk dauert länger als geplant. Moderator Thomas Helmer fragt mich, wer für mich der Favorit im Spiel Barcelona gegen Bayern sei und was ich tippe. Meine Antwort ist dieselbe, wie schon in den Tagen zuvor: Die Bayern sind es und dass sie obendrein 3:1 gewinnen und für mich der Favorit auf den Titel sind.

Anschließend packe ich meine Sachen zusammen und flitze ins Stadion. Die etwa 200 Schaulustigen, die außerhalb des Stadions die Busankunft beider Mannschaften verfolgt haben, sind längst nicht mehr da. Vor dem Stadion herrscht gähnende Leere.

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Pünktlich zum Anpfiff sitze ich auf meinen Reporter-Platz im Estádio da Luz. Wenig Platz, eine kleine Arbeitsplatte aus Holz, aber ein guter Blick auf das Spielfeld. Für die Journalisten gibt es kleine Chipstüten und Wasser. Kann losgehen. Zuerst schaue ich nach Lionel Messi. Erst dann klappe ich mein Macbook auf. Gearbeitet wird mit Maske. Ein Umstand, an den ich mich nach vielen Geisterspielen bereits gewöhnt habe.

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Schnell wird mir klar, dass ich in der Anfangsphase hellwach sein muss, denn auf dem Platz findet kein Abtasten statt. Es ist ein offener Schlagabtausch. Man vernimmt auf der Tribüne deutlich die Kommandos und Rufe der Spieler und Trainer.

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Frösteln beim Messi-Watch

Thomas Müller trifft früh. David Alaba gleicht per Eigentor aus. Es geht rauf und runter, aber das Spiel wirkt unwirklich. Auf dem Platz bleibt mein Blick immer wieder bei Messi hängen. Wie so oft seit dem Re-Start ist es spürbar, wie sehr vor allem in solchen Spielen Fans und Stimmung fehlen.

Im Stadion ist es ruhig. Für Atmosphäre sorgen einige Mitarbeiter des FC Bayern, die verständlicherweise für ihren Arbeitgeber mitfiebern und ein paar Reihen vor mir sitzen. Sie jubeln bei Toren. Sie verstummen beim 1:1. Sie zeigen Emotionen, die man gerne beobachtet. (Pressestimmen: "Was für ein Gemetzel")

Wie schon am Tag zuvor, als ich den Sieg von RB Leipzig live im Stadion verfolgt habe, wird es schnell kalt im Stadion. Kalte Meeresluft lässt Lissabon abends schnell abkühlen. Im T-Shirt friert man, obwohl es Minuten zuvor noch sehr warm war. Auf dem Platz bleibt es hitzig. Ivan Perisic trifft nach 22 Minuten zur Führung. Serge Gnabry und wieder Müller legen nach. Nach 31 Minuten steht es 4:1.

Die Blicke der nationalen und internationalen Reporter-Kollegen um mich herum? Es ist ein Mix aus Staunen und Rätseln. Ich bin mir sicher: In diesem Spiel passiert nichts mehr. Der Aufenthalt in Lissabon verlängert sich. Zu dominant spielen die Bayern an diesem Tag und in den letzten Monaten. Zu schwach und einfallslos spielen die Katalanen.

Luis Suarez verkürzt auf 4:2, aber die Bayern machen kurzen Prozess und legen vier Tore nach. Mein Gefühl sagt mir, dass der Titel, wie prognostiziert, in diesem Jahr nur an die Münchner gehen kann.

Keine großen Jubelarien

Nach dem Abpfiff stehe ich auf, um einen besseren Blick auf das Gewusel an den Trainerbänken zu bekommen. Ich vermisse in diesem Moment den lauten Jubel tausender Fans. Auf lauten Jubel verzichten auch die Bayern-Helden. Zu groß ist der Respekt vor dem Gegner. Die Szenerie erinnert an das Verhalten der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2014 als man gegen Brasilien 7:1 gewann und anschließend die deutschen Helden aus Respekt vor dem Gastgeber auch nicht in Jubelstürme ausbrachen.

Zu präsent ist bei den Bayern auch das Wissen darüber, dass man zwar Geschichte geschrieben hat, aber noch keinen Henkelpott in der Hand hält. Messi beglückwünscht Robert Lewandowski. Dann geht mein Blick zu Hansi Flick, um zu beobachten, wie er welchen Mitspieler wie lange herzt. Wann und ob er auf Messi trifft. Wie sich der Argentinier verhält.

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Keine fünf Minuten nach Abpfiff ist das Spielfeld wie leergefegt. Es ist 21.55 Uhr Ortszeit. Die Spieler sind bereits in der Kabine. Einige geben in den Katakomben Interviews. Über die Stadion-Lautsprecher ist leise Lounge-Musik zu hören. Sie wirkt deplatziert, aber entspannend.

Euphorie? Flick bleibt nüchtern

Meine Kollegen und ich warten derweil auf die Pressekonferenz, an der wir digital teilnehmen. Flick werde ich fragen, wie er Ivan Perisic beurteilt. Seine Zukunft ist noch offen, aber er liefert zuverlässig und regelmäßig ab.

Flick nimmt Platz und wirkt cool. Unsere Fragen beantwortet er sachlich und wenig emotional. Stattdessen maximal professionell und auf den Punkt. Wie immer. Nach der Pressekonferenz nimmt das Geisterspiel-Spektakel ein Ende. Dann wird mir erstmals so richtig bewusst, dass ich live dabei sein durfte, als die Bayern in Lissabon Geschichte geschrieben haben.

Mit einem 8:2-Sieg gegen den FC Barcelona am 15. August 2020.