Lesedauer: 5 Minuten

München - Der FC Barcelona muss nach dem Debakel gegen den FC Bayern alles hinterfragen. In Lissabon endet eine Ära - und das kann nur einen Umbruch zur Folge haben.

Anzeige

Eine "historische Demütigung für Barca", schrieb die Marca, von einem "historischen Massaker" war bei der AS zu lesen und die SPORT nannte die 2:8-Niederlage des FC Barcelona im Viertelfinale der Champions League gegen den FC Bayern eine "historische Lachnummer."

Bei einem war sich die spanische Presse allerdings einig: Die schlimmsten Stunden, die der stolze Klub aus Katalonien in Europa je erlebte, müssen ein Wendepunkt sein. 

Anzeige

In Lissabon endete am Freitagabend eine Ära.

Messi prägt Barcelonas erfolgreichste Zeit

Eine Ära, die ihren Ursprung wohl vor rund 16 Jahren fand. Am 16. Oktober 2004 hatte Lionel Messi unter Trainer Frank Rijkaard sein Debüt für Barca gegeben. Seitdem hat er in 731 Pflichtspielen 634 Tore für Blaugrana erzielt und 285 weitere Treffer vorgelegt. Zahlen, die sich die spanische Presse gern mit "magischen Kräften" des Argentiniers zu erklären versucht. 

Meistgelesene Artikel

Seit der Ankunft des Messias, wie er in Barcelona schon früh genannt wurde, haben die Katalanen zehn Mal die spanische Meisterschaft gewonnen, sechs Mal den spanischen Pokal und vier Mal die Champions League. Die erfolgreichsten Jahre der Vereinsgeschichte. 

Viele Jahre lang hieß es in Europa, es werde entweder Barca die Königsklasse gewinnen, oder die Mannschaft, die Barca schlägt. Dabei waren die Katalanen immer wieder zu unglaublichen Comebacks fähig, wie im Jahr 2017, als sie ein 0:4 aus dem Hinspiel mit einem 6:1-Heimsieg gegen Paris Saint-Germain drehten.

Doch der FC Barcelona glänzte in diesen 16 Jahren nicht nur durch sportlichen Erfolg, sondern vor allem durch die Spielweise. Messi wurde in Barcelonas legendären Jugendakademie La Masia ausgebildet, die vor allem den Stil des Tiki-Taka-Fußballs lehrt. 

Pep Guardiola baute diesen schön anzusehenden Ballbesitzfußball in seinen vier Jahren (von 2008 bis 2012) als Trainer der Katalanen zu einem Erfolgsmodell aus - mit blitzschnellen Spielzügen und zwingendem Pressing. Viele Top-Klubs versuchten dieses System zu kopieren, doch an das Original kamen sie nie heran. 

Angeführt von Messi, der teilweise die Grenzen zur Magie zu überschreiten schien, eroberte Barca die Herzen vieler Fußballfans und Experten. In Spanien, in dem viele Jahre vor allem Real Madrid die Daumen gedrückt wurde, gab es nun wieder eine zweite attraktive Mannschaft, die viele Anhänger gewann. 

Messi brachte das Kunststück fertig, selbst in fremden Stadien Standing Ovations und Applaus hervorzurufen, einfach weil die Fußballfans sich dem nicht entziehen konnten, was der kleine Mann mit dem Ball anstellte.

Nach der Schmach gegen die Bayern gab es von den Fans vor Ort am Teamhotel Pfiffe und Buhrufe für Messi und Co.

Piqué bietet Rücktritt an

Im Estadio da Luz wirkte der mittlerweile 33-Jährige am Freitagabend allerdings seltsam machtlos. Messi ist an guten Tagen immer noch dazu in der Lage, Spiele im Alleingang zu entscheiden. Er schafft es allerdings immer seltener schwache Mannschaftsleistungen alleine aufzufangen, wie er es über Jahre hinweg getan hatte.

Gegen das übermächtige Teamgefüge der Bayern hatte auch der Ausnahmekönner nichts entgegenzusetzen, "selbst Messi war völlig überfordert" schrieb die AS. Mittlerweile scheint der FC Barcelona selbst das Spiel verlernt zu haben, welches sie in Katalonien erfunden haben. 

DAZN gratis testen und die Champions League live & auf Abruf erleben | ANZEIGE 

Das Team wirkt müde, satt, behäbig und schlichtweg zu alt. Es scheint höchste Zeit für einen Umbruch zu sein. 

Messi scheute nach dem Debakel das Licht der Kameras, in den Wochen zuvor hatte der Superstar oftmals harsche Kritik an Vereinsführung und dem Team geübt. Dieses Mal übernahm diese Rolle Gerard Piqué - ein weiterer Protagonist der erfolgreichen Ära - der nach dem Abpfiff stellvertretend seinen Rücktritt anbot

"Dieser Klub benötigt Veränderungen. Ich spreche nicht nur vom Trainer und von Spielern. Ich bin der Erste, der seinen Abgang anbietet, wenn es den Klub weiterbringen würde", erklärte der 33 Jahre alte Abwehrchef bei Eleven Sports 1. 

Viele Wünschen sich Xavi zurück

Der erste, der seinen Hut nehmen muss, wird wohl Trainer Quique Setién sein. Sein Aus scheint bereits beschlossene Sache zu sein. "Auf Wiedersehen Setién, aber auch viele weitere werden gehen müssen", titelte die Marca. Angeblich muss auch Sportdirektor Eric Abidal um seinen Job fürchten.

Laut der Zeitung ist Ex-Tottenham-Coach Mauricio Pochettino Favorit auf Setiéns Nachfolge, der niederländische Nationaltrainer Ronald Koeman sei Plan B. 

In Katalonien wünschen sich aber viele einen weiteren Helden der Barca-Ära zurück: Xavi. Als Spieler hatte der geniale Spielmacher die Fäden im katalanischen Mittelfeld gezogen. Mittlerweile trainiert der 40-Jährige den Al-Sadd Sport Club in Katar.

Mit ihm als Trainer könnte ein Umbruch um den - zwar nicht gerade jungen, aber immer noch einzigartigen - Messi gelingen. 

Lionel Messi in erfolgreicheren Tagen mit Iniesta (l.) und Xavi (r.). Er präsentiert im Januar 2011 den Ballon d´Or
Lionel Messi in erfolgreicheren Tagen mit Iniesta (l.) und Xavi (r.). Er präsentiert im Januar 2011 den Ballon d´Or © Getty Images

Dieser Hoffnung erteilte Xavi allerdings jüngst einen Dämpfer. "Ich glaube nicht, dass jetzt der richtige Zeitpunkt für eine Rückkehr ist", hatte der Spanier in der El Pais klargestellt. Vielleicht überlegt er sich aber ja noch einmal anders, denn auch Xavis Herz dürfte bei der Demütigung von Lissabon geblutet haben. 

Ob mit Xavi oder nicht, in Katalonien steht ein richtungsweisender Sommer an. Nichts scheint unmöglich, nicht einmal ein Abschied von Lionel Messi.