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Robin Gosens spricht bei SPORT1 darüber, warum Atalanta an seine Chance auf den Champions-League-Sieg glaubt - und was die Trauer der Einwohner damit zu tun hat.

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Der Sommer ist längst eingezogen nach Bergamo, doch die dunklen Erinnerungen aus dem Frühjahr kann auch die wärmende Sonne nicht löschen.

Über 6000 Tote wurden in der Provinz der lombardischen Voralpenstadt gezählt, die als Corona-Hotspot Italiens traurige Berühmtheit erlangte. In jenen März-Tagen wurden die Leichen säckeweise abtransportiert, ganze Militärkolonnen brachten sie aus den Krankenhäusern der Stadt zu den umliegenden Friedhöfen.

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Der Fußball, der den Menschen noch kurz davor so viel Freude bereitet hatte, rückte in dieser Zeit plötzlich ganz weit in den Hintergrund. Noch am 10. März hatte Atalanta Bergamo durch einen 4:3-Sieg in Valencia den sensationellen Einzug ins Champions-League-Viertelfinale gefeiert, ehe das Unglück seinen Lauf nahm.

Einer, der das Leid der Bewohner hautnah miterlebte, ist Robin Gosens. Für den deutschen Linksverteidiger, dessen DFB-Debüt im März nur wegen der Corona-Pause nicht zustande kam, ist in Bergamo nichts wie es mal war.  

Atalanta eilt von Sieg zu Sieg

"Es ist kein Vergleich mehr zu damals", erzählt Gosens im Gespräch mit SPORT1. "Ich glaube und hoffe, wir haben das Schlimmste überstanden. Die Geschäfte haben wieder geöffnet, alles ist wieder so ein bisschen zur Normalität zurückgekehrt. Aber die Maskenpflicht gibt einem immer noch das Gefühl, dass doch nicht alles so normal ist. Dass man in einer Stadt lebt, der es immer noch nicht gutgeht."

Trotz der großen Trauer hat die Serie A, und damit auch Atalanta, den Spielbetrieb vor drei Wochen wieder aufgenommen - mit einem völlig unerwarteten Verlauf. Denn wer gedacht hatte, dass die traumatisierten Fußballer aus der 120.000-Einwohner-Stadt einen Leistungsabfall beklagen müssen, wurde eines Besseren belehrt.

Als hätte Atalanta einen Turbo eingeschaltet, pflügt die in italienischen Medien als Göttin ("Dea") bezeichnete Elf von Trainer Gianpiero Gasperini durch die Liga und schießt seit dem Re-Start alles kurz und klein. Sechs Spiele, sechs Siege, 15:5 Tore lautet die eindrucksvolle Bilanz der offensivstärksten Mannschaft der Serie A.  

Wie ist das möglich? Für Gosens ist der aktuelle Lauf durchaus erklärbar - und er hat viel mit dem Zusammenhalt der Menschen vor Ort zu tun. 

Gosens: Bayern wäre mein Traumlos

"Die Leute können endlich wieder einmal an etwas anderes denken als nur an die schrecklichen Ereignisse, die vor kurzem hier stattfanden", sagt der 26-Jährige. "Das hat für uns als Team natürlich auch eine enorme Bedeutung. Vor dem Spiel versammeln wir uns alle immer am Mittelkreis und unsere Bergamo-Lied wird gespielt. Dann gibt es eine Schweigeminute für die Todesopfer in Bergamo. Da gehen einem als Spieler die verrücktesten Dinge durch den Kopf. Das motiviert, den Menschen etwas zurückzugeben. Das ist schon Wahnsinn, was das für Emotionen aktuell kreiert."

Während man in der Meisterschaft mittlerweile auf Platz 3 vorgerückt ist, richtete sich der Blick der Nerazzurri schon auf die Champions-League-Auslosung am Freitag, wo ihnen Paris Saint-Germain zugelost wurden.  

"Im Gegensatz zu manch anderen Vereinen haben wir drei große Vorteile: Erstens haben wir nicht das Rhythmusproblem, denn unsere Liga ist erst am 2. August zu Ende", sagt Gosens, der den FC Bayern daher im Nachteil sieht. "Eigentlich wären sie ein Top-Favorit, aber der fehlende Rhythmus könnte schwerwiegend sein. Sie haben vergangene Woche die Saison beendet, bis zum nächsten Spiel vergeht noch über ein Monat. Sechs Wochen ohne Pflichtspiel kann natürlich nicht gut sein."

"Zweitens", setzt Gosens fort, "wird es gegen einen Top-Gegner in zwei Spielen natürlich schwierig. Aber in einer Partie kann an einem guten Tag alles passieren." Die restliche K.o-Phase, die ab dem 12. August mit dem Turnier in Lissabon beginnt, wird bekanntlich in jeweils einem Duell entschieden.

Atalantas Angriff auf den Henkelpott

Und dann wäre noch der dritte, vielleicht entscheidende Vorteil. "Wir haben nichts zu verlieren und können so was von frei aufspielen", erklärt der Verteidiger. "Selbst wenn wir im Viertelfinale rausfliegen, feiert uns die gesamte Stadt. Da haben andere Mannschaften sicherlich mehr Druck." Einen Champions-League-Sieger, der aus Bergamo kommt?  "Warum nicht?", findet Gosens, "träumen ist erlaubt. Auch wir lauern ein kleines bisschen auf den Henkelpott."

Dass Atalanta nach jahrzehntelangem Dornröschenschlaf überhaupt in die Verlegenheit kommt, um die begehrteste Trophäe im europäischen Fußball mitzuspielen, liegt an der sagenhaften Angriffsstärke des Gasperini-Teams. "Was wir offensiv abreißen, macht keine Mannschaft", sagt Gosens. "Ich glaube, nicht einmal in ganz Europa gibt es Vergleichbares hinsichtlich unserer taktischen Ausrichtung."

In der Tat muss sich das Team nicht einmal hinter dem FC Bayern verstecken, der zum zweiten Mal in der Bundesliga-Geschichte eine dreistellige Torausbeute aufwies. 85 Treffer sind es in der laufenden Serie-A-Saison bislang, 20 mehr als Tabellenführer Juventus Turin, gegen den Atalanta am kommenden Samstag zum Spitzenspiel antritt.

"Wir gehen hohes Risiko, hinten spielen wir oft eins gegen eins", erklärt Gosens. "Dadurch haben wir den klaren Vorteil, im letzten Drittel meist Überzahl zu haben. Zumindest platzieren wir ganz viele Spieler im gegnerischen Sechzehner. Dadurch kreieren wir viele Torchancen und glücklicherweise auch sehr viele Tore. Das macht den Unterschied zu vielen anderen Mannschaften aus."

"Das hat einen riesengroßen Enthusiasmus kreiert"

Der Torhunger war bereits vor der Corona-Pause ausgeprägt, neu dazugekommen ist die defensive Stabilität. Möglicherweise liegt das Erfolgsgeheimnis darin, dass die Spieler durch die schlimmen Umstände im Frühjahr der Stadt etwas zurückgeben wollen - so empfindet es jedenfalls Gosens. 

"Von Anfang an haben wir uns so gefühlt, als würden wir für unsere Stadt spielen und nicht nur für uns selbst. Das hat einen riesengroßen Enthusiasmus kreiert und den absoluten Willen, immer alles reinzuwerfen."

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Nicht zuletzt dank der siegenden Fußballer hat sich die Stimmung in der Stadt aufgehellt, was natürlich auch an den deutlich zurückgegangenen Infektionszahlen liegt.  

Am vergangenen Dienstag feierte das Krankenhaus Papa Giovanni XXIII, das zu den symbolischen Orten für die Coronakrise gehört, den ersten Tag ohne Covid-19-Patienten auf der Intensivstation. Für die Menschen in Bergamo ist das die schönste Nachricht seit vier Monaten - und für die Fußballer vielleicht eine zusätzliche Motivation für kommende Heldentaten.