Steven Gerrard (Bildmitte) hebt den Henkelpott in die Höhe
Steven Gerrard (Bildmitte) hebt den Henkelpott in die Höhe © Getty Images
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München - Vor 15 Jahren kam es zum spektakulärsten Finale der Champions League. Der FC Liverpool landete ein denkwürdiges Comeback - mit einem deutschen Nationalspieler.

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Dietmar Hamann spürte eine große Leere, als er in der Halbzeitpause die Kabine betrat. Der deutsche Nationalspieler hatte von der Bank aus erlebt, wie bei seinem FC Liverpool gar nichts lief. Gegen die abgezockte Mannschaft des AC Mailand lagen die Engländer mit 0:3 hinten. Das Finale der Champions League schien nach 45 Minuten entschieden.

Doch Rafael Benitez blieb ruhig. Liverpools Trainer entschied sich, mehr Risiko zu gehen. Und deshalb schickte er Hamann raus zum Aufwärmen. Der Mittelfeldspieler sollte Außenverteidiger Steve Finnan ersetzen. Hamann verließ also die Kabine und lief ins Istanbuler Atatürk-Stadion ein.

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Was er dort erlebte, war unglaublich. 40.000 englische Fans sangen lautstark "You’ll never walk alone". Der Zwischenstand konnte ihnen nicht die Laune vermiesen.

Liverpool holt zum fünften Mal den Henkelpott

Ein paar Stunden danach in der Nacht sollten die Fans noch lauter singen: Denn sie hatten zuvor das spektakulärste Endspiel der Champions-League-Geschichte erlebt – mit positivem Ausgang für ihre Mannschaft.

Liverpool gewann die Partie mit 6:5 nach Elfmeterschießen. So sicherten sich die Reds am 26. Mai 2005, also vor 15 Jahren, zum fünften Mal den Henkelpott - und wie.

"Wir konnten überhaupt nicht realisieren, was da gerade passiert war", sagte Hamann später in einem Interview mit der Welt. "Knapp zwei Stunden zuvor hatten wir in der Kabine gesessen und 0:3 zurückgelegen. Und plötzlich steht der Pokal mitten in der Kabine."

Seine Mannschaft hatte bereits auf dem Weg ins Finale überrascht. Im Viertelfinale gegen Juventus Turin war Liverpool Außenseiter gewesen – und weiter gekommen. Der Halbfinal-Gegner hieß FC Chelsea. 0:0 endete das Hinspiel in London. In Liverpool reichte den Gastgebern Luis Garcias Tor zum 1:0, um das Endspiel zu erreichen.

Kaká, Schewtschenko und Crespo in der Offensive

Im finalen Drama wartete dann das Starensemble aus Mailand. Was war das, bitte schön, für eine Mannschaft? Alleine diese Offensive: Hinter den Spitzen wetzte, trickste und passte der Brasilianer Kaká. Und im Angriff begann ein Weltklasse-Duo: Andrij Schewtschenko aus der Ukraine und Hernan Crespo aus Argentinien.

Diese Mannschaft schien eine Nummer zu groß für Liverpool zu sein. Kapitän Steven Gerrard scherte sich aber nicht um die Vorhersagen. "Wir waren diese Saison stets die Underdogs und werden auch in Istanbul der Außenseiter sein. Aber auch Underdogs sind bisweilen giftige und gute Wachhunde", hatte er vor der Partie gesagt.

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Allerdings verpennten die Wachhunde den Spielbeginn in Istanbul: Milan-Kapitän Paolo Maldini traf bereits nach 52 Sekunden zum 1:0. Kurz vor der Halbzeit setzte es zwei weitere Gegentreffer. Crespo schien mit seinen Kontern (39. und 44. Spielminute) alles entschieden zu haben.

Es ging später das Gerücht herum, Mailands Spieler hätten sich in der Halbzeitpause bereits die Sieger-T-Shirts unter ihre Trikots gezogen. Angesichts des deutlichen Vorsprungs machte sich Überheblichkeit breit. Dass in Carlo Ancelotti ein ausgewiesener Defensivkenner auf der Trainerbank saß, verstärkte das Gefühl womöglich noch.  

Gerrard läutet Aufholjagd ein

Doch die Italiener sollten sich täuschen: Gerrard köpfte zum 1:3 ein (54.), 120 Sekunden später erzielte Vladimir Smicer nach Hamanns Vorlage per Distanzschuss das Anschlusstor.

Liverpools Fans flippten nun aus und gerieten in völlige Ekstase, als ihr Team nach einer Stunde einen Elfmeter zugesprochen bekam. Xabi Alonso scheiterte an Torwart Dida. Doch er setzte nach, holte sich den Abpraller – und versenkte ihn zum Ausgleich.

Der Spielverlauf glich einem Wunder. Doch Hamann analysierte es hinterher sehr nüchtern. Er hob die charakterliche Stärke seiner Mannschaft hervor. "Ich glaube, es gab damals keine andere Mannschaft, die im Stande gewesen wäre, so etwas zu leisten", sagte der heute 46-Jährige.

Die Aufholjagd hatte jedoch Kraft gekostet. Liverpool erzwang durch die irren sechs Minuten zwar die Verlängerung, doch diesen Spielabschnitt dominierte wieder Milan – ohne daraus Profit zu schlagen. Der Favorit vergab Chance um Chance.

Dudek und sein sensationeller Reflex

In der 118. Minute kam es zur Krönung: Schewtschenko köpfte. Liverpools Torwart Jerzy Dudek wehrte den Ball nach vorne ab. Schewtschenko kam zum Nachschuss – aus einem Meter. Für einen Angreifer seiner Klasse war der Treffer nur Formsache. Doch dieser Dudek hatte sich schon wieder aufgerappelt und lenkte den Ball mit einem sensationellen Reflex über die Latte.

Schewtschenko war völlig fassungslos. "Ich werde nie begreifen, wie er diesen Ball halten konnte", sagte der Ukrainer später. Dudek sollte an diesem Abend sein persönlicher Albtraum werden.

Milan begann im Elfmeterschießen. Dudek machte auf der Linie den Hampelmann und beeindruckte damit Serginho. Der Brasilianer zielte über das Tor. Hamann machte es besser und brachte Liverpool in Führung. Wieder hampelte Dudek – und parierte den Elfmeter von Andrea Pirlo.

Riise scheitert, Smicer trifft

Djibril Cissé baute Liverpools Vorsprung aus. John Dahl Tomasson verkürzte für Milan. Dann scheiterte John Arne Riise an Dida. Kaká besorgte den Ausgleich für die Rossinieri. Smicer behielt anschließend die Nerven und brachte Liverpool wieder in Führung.

Damit war klar: Schewtschenko musste treffen, um seine Mannschaft im Spiel zu halten. Er lief an, zielte in die Mitte. Dudek war zur Seite gesprungen, doch der Pole ließ seinen linken Arm noch hochschnellen. Und er parierte wieder gegen Schewtschenko und machte sich damit endgültig zum Finalhelden.

Dudek hüpfte über den Rasen. Seine Teamkollegen stürmten auf den Torwart zu. Im Liverpools Fanblock schluchzten erwachsene Männer vor Freude.

Rafael Benitez musste derweil die ersten Siegerinterviews geben. "Das ist die schönste Nacht meines Lebens", sagte der Trainer, um sich dann sofort zu korrigieren: "Okay, ich habe eine Frau und zwei wunderbare Kinder, da kann ich schlecht behaupten, dass sei die schönste Nacht meines Lebens."

Pubs in Liverpool geht das Bier aus

In Liverpool herrschte später Ausnahmezustand: Mehr als eine Millionen Menschen säumten bei der Parade durch die Stadt die Straßen. Den Pubs ging das Bier aus. Jeder fünfte Einwohner nahm sich Urlaub, um die Stars nach ihrer Rückkehr aus Istanbul zu feiern.

Auch wer nicht mitfeiern konnte, zeigte Farbe: So kombinierten Bankangestellte das Liverpool-Trikot zum Anzug. Schüler trugen das rote Shirt unter ihrer Uniform.

Eine Stadt spielte verrückt. Aber das war nur verständlich – nach der Vorgeschichte mit dieser verrückten Nacht in Istanbul.