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München - Der Fußball schien Thomas Tuchel schon verloren zu haben. Erst ein Kellner-Job entfachte das Feuer des heutigen PSG-Trainers neu.

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Bei Andreas Beck schwingt eine gehörige Portion Wehmut mit, wenn er von seinem alten Saab 900 spricht.

"Wir wollten so lange zusammenbleiben, bis der TÜV uns scheidet", erzählte der ehemalige Nationalspieler im April 2019 in einem Interview mit der Zeit.

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20 Jahre ist das Cabrio zu diesem Zeitpunkt alt - und hat einen besonderen Anteil am speziellen Verhältnis zwischen Beck und PSG-Trainer Thomas Tuchel. (Champions League: Borussia Dortmund - Paris St. Germain ab 21 Uhr im LIVETICKER)

"Ich sehe ihn heute noch vor mir, mit seinem alten Saab Cabrio am Trainingsgelände vorfahren. Er hatte immer so alte Militärklamotten und Parka getragen, das gefiel vielen", berichtet Tuchels langjähriger Weggefährte Hans-Martin Kleitsch in der im März erscheinenden Biografie über den Star-Trainer, von der nun erste Auszüge veröffentlicht wurden.

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Tuchel als Trendsetter der VfB-Jugend

Zu jenen Tuchel-Bewunderern gehört auf den zweiten Blick auch Beck, der damals für die C-Jugend des VfB Stuttgart aufläuft.

"Ich war 14 Jahre, Thomas war mein Trainer. Da haben wir ihn mal beobachtet, als er etwas aus seinem Auto geholt hat. Es war ein alter Saab 900. Wir haben ihn ausgelacht und ich hab‘ damals gedacht: Was ist denn das für eine Scheißkarre", erinnert sich Beck in der Zeit. Später legt er sich das gleiche Modell zu.

Doch nicht nur Tuchels Geschmack in Sachen Autos und Mode hinterlässt beim Nachwuchs der Schwaben Eindruck.

Der junge Trainer lässt sich damals bei einem angesagten Friseur in Stuttgart die Haare schneiden. Einige Spieler folgen seinem Beispiel.

Allerdings nur ein einziges Mal, wie Kleitsch berichtet. "Der war denen zu teuer."

Andreas Beck (l.) ist mit Thomas Tuchel befreundet
Andreas Beck (l.) ist mit Thomas Tuchel befreundet © Imago

Kellner-Job bringt Tuchel wieder in die Spur

In erster Linie ist es aber Tuchels Akribie und Fußball-Besessenheit, die in Stuttgart nachhaltig Eindruck hinterlässt. Dabei war sein Weg ins Trainergeschäft durchaus holprig.

Nachdem er 1998 im Alter von 24 Jahren wegen eines Knorpelschadens seine aktive Karriere beim SSV Ulm beenden muss, fängt er an, in Stuttgart BWL zu studieren. Um Geld zu verdienen, arbeitet er in einer Bar als Kellner - und gewinnt nach und nach sein angeknackstes Selbstvertrauen zurück.

"Ich hatte die Hemmschwelle überwunden, fremde Menschen zu fragen, ob sie mich brauchen. Und plötzlich machte ich die Erfahrung: Die Kollegen mögen dich einfach nur für deine Art, die haben keine Ahnung, dass du mal Fußball-Profi warst", berichtet Tuchel später dem Zeit-Magazin-Mann.

In jener Bar beschließt Tuchel, noch einmal einen weiteren Anlauf im Fußball zu wagen. Zwar scheitert ein Comeback-Versuch als Profi in der zweiten Mannschaft des VfB Stuttgart nach kurzer Zeit, der damalige VfB-Trainer Ralf Rangnick ebnet ihm aber den Einstieg in den Trainer-Job. Tuchel übernimmt die U14 der Schwaben.

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Förderer schwärmt: "Tuchel hatten den Röntgenblick"

Es dauert nicht lange, ehe U19-Trainer Kleitsch auf ihn aufmerksam wird. "Seine Akribie und Übungsvielfalt sind mir sofort aufgefallen. Es hat mich fasziniert, wie penibel Thomas an alles gedacht hat", lobt Kleitsch in der Tuchel-Biografie. "Solche Leute brauchst du, um etwas zu gewinnen."

Der erfahrene Trainer installiert Tuchel als seinen Assistenten – und gewährt ihm viele Freiheiten. Der Nachwuchs-Coach bekommt die Verantwortung für die Ausarbeitung von Varianten bei Standardsituationen, die Koordinationsübungen und die Gegneranalyse.

Vor allem bei letzterem Punkt zeigen sich Tuchels herausragende Qualitäten. "Er konnte Gegner sezieren, er hatte einen Röntgenblick. Seine Pläne für die Spiele funktionierten immer", schwärmt Mentor Kleitsch.

Tuchel faltet Serdar Tasci zusammen

Allerdings zeigen sich auch zu diesem Zeitpunkt bereits jene Charakterzüge, die Tuchel bei all seinen späteren Arbeitgebern immer wieder auf Widerstand und Skepsis stoßen lassen.

Ungeduld mit sich und vor allem den Leuten um ihn herum. Dazu ein gewisser Jähzorn, wenn beispielsweise Spieler nicht in der Lage sind, seine oftmals komplexen Anforderungen umzusetzen.

"Ich vergesse nie, wie er mal den Serdar Tasci während eines Trainingsspiels im Winter auf dem Hauptplatz zusammengeschissen hat", verrät Kleitsch. "Tasci hat in keinen Stiefel mehr gepasst."

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Dass der spätere deutsche Nationalspieler damals als eines der größten Talente im Klub gilt, interessiert Tuchel nicht.

"Das war ihm egal, der hat seinen Dickkopf durchgesetzt. Eine halbe Stunde nach dem Training hat er dann mit Tasci wieder Tischkicker gespielt. So etwas kam oft vor, der war wie ein Kind", sagt Kleitsch.

Knapp 20 Jahre später sind die Militärklamotten Herrenmantel und Nadelstreifenhose gewichen und auch einen Saab 900 hat Tuchel heute nicht mehr in der Garage.

Kleitschs treffendes Fazit. "Der Thomas ist jetzt eben ein Welttrainer."