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München - Vor dem Pokalfinale gegen den FC Bayern spricht RB-Coach Ralf Rangnick über das Spiel, ein Versprechen an Timo Werner und die Vorfreude auf Julian Nagelsmann.

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Ralf Rangnick hat es eilig. Für das Interview mit SPORT1 schaltet der Trainer von RB Leipzig aber noch mal um. Das Gespräch verlängert der 60-Jährige spontan um zehn Minuten - hat Rangnick eine Meinung, gibt er diese kund und führt sie aus, ohne dabei in Phrasen zu verfallen.

Seine Sätze können in dem Fall lang werden. Sehr lang. In Gedanken aber, das merkt man ihm an, ist er bereits irgendwo im Berliner Olympiastadion, in dem er als Trainer bereits zweimal das Pokal-Finale bestritt und es einmal gewann.

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Nun kehrt er zurück. Für ein Spiel, das für RB Leipzig die Krönung einer hervorragenden Saison darstellt. Es ist vor allem Rangnicks Verdienst, dass seine jungen Wilden gegen den Rekordpokalsieger aus München am Samstag kein Underdog sein werden.

Im SPORT1-Interview spricht Rangnick über das Duell mit dem FC Bayern (DFB-Pokal, Finale: RB Leipzig - FC Bayern ab 20 Uhr im LIVETICKER), ein Wechselversprechen an Timo Werner und die Vorfreude auf Julian Nagelsmann.

Rangnick: "So eine Euphorie gab es noch nie"

SPORT1: Herr Rangnick, das Finale in drei Worten.

Ralf Rangnick: Spannend. Spektakulär. Stimmungsvoll.

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SPORT1: Welche Bedeutung hat dieses Spiel für den Verein?

Rangnick: Wir haben mit Platz drei jetzt schon eine fantastische Saison gespielt. Mit dem Pokalfinale ist es die erfolgreichste Saison der Vereinsgeschichte. Die ganze Stadt ist in purer Vorfreude. Wir hätten noch deutlich mehr Karten für Berlin verkaufen können. So eine Euphorie gab es hier noch nie.

SPORT1: Klarer Außenseiter oder Geheimfavorit?

Rangnick: Außenseiter-Rollen sind etwas für Wettbüros. Natürlich wird die Quote bei einem Sieg auf Leipzig deutlich attraktiver sein. Wir rechnen uns schon etwas aus, brauchen dafür aber den perfekten Tag und auch das nötige Matchglück. Es wäre hilfreich, wenn wir in so einem Spiel in Führung gehen würden. Dass wir Bayern gut verteidigen können, haben wir in dieser Saison zweimal gezeigt. Wir brauchen diesmal aber auch ein Tor, wenn wir gewinnen wollen.

Wechselversprechen an Timo Werner

SPORT1: Was wird für Ihr Team gefragt sein: Unbekümmertheit oder Reife?

Rangnick: Wir werden jedenfalls nicht oft auf den Ball treten, denn das ist nicht Teil unserer DNA. Wir brauchen aber eine mentale Robustheit gegen Bayern. Wenn Spiele Spitz auf Knopf stehen, werden die Bayern körperlich und spielen ihre Erfahrung aus. Unsere Mannschaft ist reifer geworden. Sie hat gelernt, sich zu wehren.

SPORT1-Chefreporter Florian Plettenberg (r.) traf Ralf Rangnick in München zum Interview
SPORT1-Chefreporter Florian Plettenberg (r.) traf Ralf Rangnick in München zum Interview © SPORT1

SPORT1: Würden Sie darauf tippen, dass es das letzte Spiel von Timo Werner im RB-Trikot sein wird?

Rangnick: Ich weiß es nicht und ich würde mich auch nicht wundern, wenn er es selbst noch nicht weiß. Aber ...

SPORT1: Bitte.

Rangnick: Unsere Position ist vollkommen klar: Entweder verlängert er seinen Vertrag doch noch. Oder, wenn er das aber nicht möchte, dann ist unsere klare und auch besprochene Vorstellung, dass er diesen Sommer wechselt. Zu einem Verein, zu dem er möchte, und mit dem wir uns auf eine marktübliche Ablösesumme einigen.

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Rangnick: RB Leipzig hält sich an Financial Fairplay

SPORT1: Was wäre denn ein fairer Preis für Timo Werner?

Rangnick: Das werden wir jetzt sicherlich nicht öffentlich diskutieren. Die Fakten sprechen für sich: Timo hat sich bei uns super entwickelt, ist Nationalspieler geworden und hat in jeder Saison zwischen 15 und 20 Tore geschossen.

SPORT1: Ist RB Leipzig mit Herrn Mateschitz im Rücken überhaupt auf derartige Transfererlöse angewiesen?

Rangnick: Wir sind wie alle anderen Vereine den Vorgaben von Financial Fairplay ausgesetzt und halten uns auch daran. Wir werden ganz sicher nicht der erste Verein in Deutschland sein, der aufgrund von Verstößen gegen Financial Fairplay irgendwann sanktioniert wird. Deswegen ist es für uns enorm wichtig, speziell in einem Fall wie bei Timo, an dessen Entwicklung wir auch einen Anteil hatten, finanziell zu partizipieren, wenn er denn wirklich wechseln sollte. Wie allen anderen Spielern habe ich ihm aber auch gesagt, als wir ihn geholt haben: "Wenn du dich irgendwann mal schneller entwickelst als wir, oder du dieses Gefühl hast, dann werden wir diesen nächsten Schritt nicht verhindern."

SPORT1: Ist das jetzt der Fall oder haben Sie ihn mal vor einem möglichen Wechsel gewarnt?

Rangnick: Mit Timo habe ich darüber nicht gesprochen, aber intensiv mit seinem Berater Karl-Heinz Förster, weil ich ihn schon sehr lange kenne. Er kennt unsere Meinung zu dem Thema.

Nagelsmann für Rangnick "ganz großes Trainertalent"

SPORT1: Zurück zu Ihnen, Herr Rangnick. Das Pokalfinale wird auch für Sie das vorerst letzte Spiel als RB-Trainer sein. Wann schalten Sie in den Modus des Sportdirektors?

Rangnick: In der Woche danach, weil wir dann den Kader zusammenstellen müssen. Momentan bin ich zu 100 Prozent im Trainermodus. Das wird auch ganz wichtig sein, denn für jeden meiner Spieler ist es das größte Spiel seiner Karriere. Deswegen ist es wichtig, dass wir sie bestmöglich auf das Spiel vorbereiten.

SPORT1: Traut man Serge Gnabry, müssen die Bayern ja fast Angst bekommen. In einem DAZN-Interview prophezeite er, dass Leipzig unter Julian Nagelsmann zur "Großmacht" werde.

Rangnick: Serge hat Julian in Hoffenheim als Trainer erlebt und weiß daher aus eigener Erfahrung, wie gut er ist. Wir haben ganz bewusst ein Jahr auf Julian Nagelsmann gewartet. Wenn wir weiterhin eine gute Personalpolitik betreiben, zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Spieler holen und nicht die falschen, denn das ist erfahrungsgemäß fast noch wichtiger, dann trauen wir uns mit Julian zu, dass wir uns da oben etablieren können. Das Ziel ist, den Abstand zu Dortmund und den Bayern weiter zu verkleinern.

SPORT1: Warum Nagelsmann?

Rangnick: Ich sehe ihn als ganz großes Trainertalent in allen relevanten Bereichen, die ein Trainer erfüllen muss: Leadership, Umgang mit den Spielern und deren taktische Weiterentwicklung, sowie Auftreten und Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Vor allem auch in Phasen, in denen es mal nicht so läuft. Da hat er auf mich für sein Alter schon einen durchaus reifen und abgeklärten Eindruck gemacht.

Rangnick: "Das ist nicht Teil unseres Weges"

SPORT1: Folgende Situation: Julian Nagelsmann will einen Spieler holen, von dem Ralf Rangnick nicht überzeugt ist. Wer gewinnt?

Rangnick: Wenn Julian und unsere Scouting-Abteilung der hundertprozentigen Überzeugung sind, dass der Spieler uns weiterbringt, hat der Trainer automatisch einen Stern mehr - selbst wenn ich leise Zweifel hätte. Bei uns hat jeder Trainer nicht nur ein Vorschlags-, sondern auch ein Mitspracherecht. Klar ist aber auch: Will Julian einen 30-Jährigen verpflichten, dann müsste schon sehr viel an Argumenten zusammenkommen, um mich davon zu überzeugen. Ein Ausschlusskriterium wäre allerdings, wenn dieser Spieler auch noch 20 Millionen Euro Ablöse kosten würde. Dann kann kommen wer will, das machen wir nicht. Das ist nicht Teil unseres Weges.

SPORT1: Norwich-Trainer Daniel Farke sagte im SPORT1-Interview, dass Trainer in England trotz des Drucks mehr Respekt genießen als etwa in Deutschland.

Rangnick: Es geht ja schon damit los, wie man den Trainer nennt. In England heißt er "Boss", in Italien "Mister" und hier "Trainer". Es gab auch schon Verantwortliche von großen Klubs in Deutschland, die den Trainer als temporäre Erscheinung bezeichnet haben (Wolfgang Holzhäuser einst bei Bayer 04 Leverkusen, Anm. d. Red.).

Verständnis für Niko Kovac beim FC Bayern

SPORT1: Niko Kovac appellierte in einer emotionalen Rede vor kurzem dazu, nicht immer nur draufzuhauen, sondern die Menschlichkeit wieder in den Vordergrund zu stellen. Er sprach von Einflüssen auf die Seele.

Rangnick: Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass sich Niko Kovac aktuell damit schwertut, zu verstehen, was da gerade in der öffentlichen Diskussion rund um seine Person passiert. Wir dürfen in diesem Zusammenhang den medialen Bereich nicht vergessen. In England und Italien wird vorwiegend über Fußball berichtet und nicht über persönliche Befindlichkeiten und Nebenkriegsschauplätze. Hier in Deutschland konzentrieren sich vor allem die Boulevard-Medien und damit auch größere Teile der Gesellschaft eher auf negative als auf positive Inhalte. Dies sehe ich allerdings eher als gesellschaftliches Phänomen und nicht nur eines, das im Fußball zu finden ist.

SPORT1: Abschlussfrage: Täuscht der Eindruck oder herrscht bei RB einfach kaum Unruhe?

Rangnick: Wir sitzen hier in Leipzig fast in einem Elfenbeinturm. Hier weiß man nicht mal, wie man das Wort Krise schreibt, denn wir hatten in den letzten sieben Jahren noch nie eine.