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München - Bei Bayerns Champions-League-Aus gegen Liverpool lässt Manuel Neuer seine Souveränität vermissen. Auch im DFB-Team ist er längst nicht mehr unantastbar.

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Gerne erinnern wird sich Manuel Neuer an sein 100. Champions-League-Spiel sicher nicht. Ausgerechnet in seiner Jubiläumspartie trug er eine Mitschuld am Scheitern des FC Bayern in der Königsklasse.

Neuer eilte zur Strafraumgrenze, um Liverpools Angreifer Sadio Mane den Ball abzunehmen. Doch Mane wand sich heraus und lupfte den Ball ins Netz.

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Der 32-Jährige, der einst als herausstürmender und mitspielender Keeper zum Symbol des modernen Torwartspiels wurde, zeigt schon eine ganze Weile nicht mehr die Sicherheit, die ihn zur unumstrittenen Nummer eins unter den Torhütern machte.

"Ich bin nicht davon ausgegangen, dass er den Ball so weltklasse annimmt. Aber es wäre sowieso darauf hinausgelaufen, dass er in eine Eins-gegen-Eins-Situation kommt, mit einer hundertprozentigen Tormöglichkeit", erklärte der 32-Jährige die Situation. "Deswegen wollte ich ihn direkt am Sechzehner stellen. Er hat den Ball einfach zu gut angenommen, sodass ich dann nicht mehr die Möglichkeit hatte, an den Ball zu kommen."

Fehleinschätzung wurde zum Verhängnis

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Seine Fehleinschätzung wurde ihm letztlich zum Verhängnis. Und auch beim Eckball, der dem 1:2 durch Virgil van Dijk voranging, wirkte Neuer nicht ganz souverän.

Patzer passieren den besten Torhütern, davor ist niemand gefeit. Neuers Form allerdings ist derzeit vom Superlativ weit entfernt. Von "Weltklasse", wie er sie seinem Gegenüber Sadio Mane zuspricht, ist seit seinem Comback nach langer Verletzungspause im vergangenen Sommer längst keine Rede.

Unbezwingbar ist Neuer für keine Top-Mannschaft mehr. Es scheint sogar, als fürchte der Gegner den großen deutschen Keeper nicht einmal mehr.

Neuers DFB-Rivale ter Stegen glänzt

Von einem Patzer seines Torhüters wollte Niko Kovac nach dem Spiel nichts wissen. "Ein Torhüter muss in diesem Moment rauskommen, um letzten Endes den dann vielleicht durchlaufenden Stürmer aufzuhalten. Die Entscheidung von Manuel war genau die richtige."

Neuers Fehleinschätzung sahen von der Tribüne der Allianz Arena auch Bundestrainer Joachim Löw und DFB-Torwarttrainer Andreas Köpke. Längst ist der viermalige Welttorhüter auch als Nummer eins im Tor der Nationalmannschaft nicht mehr unumstritten. Währenddessen brilliert sein Konkurrent Marc-Andre ter Stegen mit dem FC Barcelona, der gegen Olympique Lyon locker das Viertelfinale erreichte.

Bundesliga-Statistiken sprechen nicht für Neuer

Auch die Statistik spricht nicht für Neuer. In der Bundesliga belegt er in der Liste der Torhüter mit den meisten gehaltenen Torschüssen Platz 19 (35 parierte Schüsse in der Bundesliga-Saison). Im Ranking der "Weissen Westen", der meisten Zu-Null-Spiele, belegt Manuel Neuer den vierten Platz mit acht Spielen ohne Gegentor (34,8 Prozent). 

Im Vergleich zu den früheren Jahren ist der Wert erstaunlich blass: In der Saison 2016/17, vor seiner Verletzungspause, blieb er in 53,8 Prozent aller Spiele ohne Gegentreffer. In der Saison 2015/16 waren es 61,8 Prozent (21 Spiele zu Null).

Schon bei der Weltmeisterschaft 2018, bei der Löw Neuer noch volle Rückendeckung gab, war Neuer von seiner einstigen Weltklasseform entfernt. Währenddessen bringt sich sein Stellvertreter bei der Nationalmannschaft immer häufiger als Nachfolger ins Gespräch.

Kampfansage von Marc-Andre ter Stegen

Marc-Andre ter Stegen ist der große Rückhalt des Champions-League-Viertelfinalisten FC Barcelona. "Ich will Druck machen, bis sich Jogi Löw irgendwann für mich entscheidet und ich die Nummer eins im Tor werde", sagte er im Januar der Sport Bild. Eine klare Kampfansage. Auch ter Stegens Teamkollege, Superstar Lionel Messi, hatte vor ein paar Monaten betont, er sei überrascht gewesen, dass ter Stegen nicht als Nummer eins zur WM gefahren ist.

Lange hatte Löw solche Worte mehr oder weniger ignoriert. Noch im Dezember sagte er im ZDF: "Fall nichts Außergewöhnliches passiert, sollte er (Manuel Neuer,d.R.) unsere Nummer eins sein bis zur EM 2020."

Klare Nummer eins? Löw relativiert

Zuletzt relativierte Löw aber. "Ich habe im vergangenen Jahr gesagt, dass Manuel Neuer momentan die Nummer eins ist. Aber in diesem Jahr haben wir einen kleinen Neubeginn. Marc wird seine Chance bekommen und auf jeden Fall ein paar Spiele machen", sagte Löw bei DAZN

Nach der öffentlichen Ausbootung von Thomas Müller, Jerome Boateng und Mats Hummels nannten viele auch Manuel Neuer als nächsten Streichkandidaten. Der 32-Jährige erklärte auf der Pressekonferenz vor dem Liverpool-Spiel, dass es "wichtigere Themen" für ihn gebe. Dazu zählt sicher auch, wieder zu alter Stärke zu finden.