Lesedauer: 6 Minuten

München - Nach vier sieglosen Spielen, dem Aus im DFB-Pokal und der Niederlage in der Champions League bei den Spurs muss Favre seine erste Krise beim BVB managen. Kann er das?

Anzeige

Zum ersten Mal in seiner Zeit als Trainer von Borussia Dortmund ist Lucien Favre in einer völlig neuen Rolle gefragt - als Krisenmanager.

Die am Ende deutliche Niederlage des BVB bei Tottenham Hotspur im Hinspiel des Achtelfinals der Champions League lässt die Alarmglocken schrillen.

Anzeige

Der Start ins Fußballjahr verlief nach furioser Hinrunde mehr als schleppend, der BVB muss schnellstmöglich wieder in die Spur finden, sonst ist neben dem Aus im DFB-Pokal und dem wahrscheinlichen Ausscheiden aus der Königsklasse auch der ersehnte Meistertitel in Gefahr. 

Mit dem SPORT1 Messenger keine News mehr verpassen - hier anmelden | ANZEIGE

Dabei deutete in der Hinrunde nichts auf einen solchen Einbruch hin, zumal nahezu alle Personalentscheidungen des detailversessenen Schweizers Früchte trugen. Vor allem bewies Favre bei seinen Einwechslungen ein goldenes Händchen: 20 Jokertore erzielte der BVB in der Hinrunde wettbewerbsübergreifend. Favre sorgte mit seinen Einwechslungen fast immer für neuen Schwung, vornehmlich durch Super-Joker Paco Alcacer. So hatten die Dortmunder auch in engen Spielen oft den längeren Atem.

Meistgelesene Artikel
  • Thomas Doll
    1
    Fussball / Bundesliga
    Mega-Blamage: Doll stocksauer
  • Los Angeles Lakers v Dallas Mavericks Kobe Bryant hätte Dirk Nowitzki gerne im Lakers-Trikot gesehen
    2
    US-Sport / NBA
    Bryant wollte Nowitzki zu L.A. holen
  • Kingsley Coman ist einer der großen Hoffnungsträger des FC Bayern
    3
    Fussball / Bundesliga
    Wie Hoeneß Coman mit Keksen half
  • Was darf ein Fußballprofi selbst bestimmen? Welche Rechte tritt er ab? SPORT1 klärt auf
    4
    Fußball
    Die Rechte eines Fußballprofis
  • 5
    Wintersport / Skifliegen
    Eisenbichler fliegt zum Weltcupsieg

Favre verliert sein Goldhändchen

Im Jahr 2019 ist Favre dieses Händchen bislang abhandengekommen. Zudem fehlte gegen die Spurs neben Marco Reus eben auch Alcacer. Das könnte mit ein Grund dafür gewesen sein, dass Favre erst nach dem 0:2 kurz vor dem Ende frisches Offensiv-Personal brachte.

"Sancho und Pulisic haben über die Flügel nicht schlecht gespielt. Wir haben gewartet, aber es war schwer zu wechseln", rechtfertigte Favre seine Entscheidung. Einen Alcacer hätte er bestimmt schon eher gebracht.

Nicht nur, dass Favre zurzeit für keinen frischen Schwung von der Bank sorgen kann, im Gegenteil: In den vergangenen Partien ging den Dortmundern regelmäßig die Puste aus. In keinem der vergangenen drei Pflichtspiele lag der BVB zur Pause hinten.

Vor der Pause kassierte Dortmund in den drei Partien nur einen Gegentreffer, nach der Pause waren es deren acht. Gewonnen wurde keins dieser Spiele. "Wir haben in der zweiten Halbzeit komplett das Fußballspielen eingestellt", resümierte Sebastian Kehl, Leiter der Lizenzspielerabteilung, nach dem Spurs-Spiel bei Sky.

DAZN gratis testen und die Champions League live & auf Abruf erleben | ANZEIGE

Friseurbesuch als Störfeuer

Als ein zusätzliches Störfeuer wurde bekannt, dass einige Dortmunder Spieler am Abend vor dem Spiel Star-Friseur Sheldon Edwards ins Team-Quartier Hilton London Wembley einfliegen ließen. Ein Hotelzimmer wurde kurzerhand in einen Friseur-Salon umgewandelt.

"Dass die Niederlage dazu führt, dass ein Friseurbesuch medial kritischer betrachtet wird, ist klar", erklärte Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke.

Schon beim Abflug nach London waren einige Spieler nicht unbedingt bei der Sache, so vergaß unter anderem Jadon Sancho seinen Reisepass. Hier wird insbesondere Kehl auf die Spieler einwirken, wieder absolute Professionalität einfordern - und Favre so zur Seite stehen.

Bürki beklagt fehlende Robustheit

Sportlich verzockte sich Favre gegen die Spurs auch mit seiner ausgewählten Viererkette. Dem jungen Achraf Hakimi unterliefen haarsträubende Fehler, auch Abdou Diallo konnte auf der linken Abwehrseite nicht überzeugen.

Zugegeben: Wirklich viele Optionen hatte Favre nach den Ausfällen in der Abwehr nicht, dennoch ließ er mit Marcel Schmelzer einen erfahrenen Außenverteidiger auf der Bank.

Keeper Roman Bürki sprach nach dem Spurs-Spiel Tacheles. "Wir setzen uns einfach zu wenig durch, wir sind zum Teil nicht aufmerksam. Wir müssen rigoros verteidigen, das müssen wir auf jeden Fall verbessern", kritisierte er seine Mitspieler.

Zudem beklagte Bürki fehlende Durchsetzungskraft bei seinem Team: "Wenn es gegen robuste Mannschaften geht, haben wir unsere Probleme, weil wir nicht dagegenhalten können."

Jetzt Fanartikel von internationalen Topteams kaufen - hier geht es zum Shop | ANZEIGE

Doch gerade, wenn es sportlich nicht so gut läuft, muss eine Mannschaft zumindest körperlich vollen Einsatz zeigen. Da ist dann auch der Trainer gefragt, seiner Mannschaft das einzutrichtern.

"Nach der ersten Halbzeit ist es sehr schwierig, das 0:3 zu akzeptieren", erklärte ein sichtlich enttäuschter Favre bei Sky. Er lobte seine Mannschaft für die gute erste Halbzeit. Sorgen mache er sich für den weiteren Saisonverlauf keine.

Eberl: "Favre rückt Fußball immer in Vordergrund" 

Müsste er nach so einer Niederlage nicht vielleicht doch deutlichere Worte wählen? Kann Favre seiner Mannschaft überhaupt die Mentalität eintrichtern, die es in Krisenzeiten braucht?

Max Eberl weiß noch aus gemeinsamen Gladbacher Zeiten, wie Favre mit seiner Mannschaft umgeht. "Lucien wird jetzt nicht viel anders machen als vorher auch", erklärte der Gladbach-Sportdirektor am vergangenen Wochenende bei Sky.

Favre sei ein hervorragender Trainer, der genau wisse, was zu tun sei. "Er wird immer den Fußball in den Vordergrund rücken und weniger von Mentalität, von kämpfen und 'Gras fressen' reden."

Favres Gladbach-Zeit endete damals in einer Krise. Nachdem er die Fohlen in der Spielzeit 2014/15 in die Champions League geführt hatte, verlor Gladbach zu Beginn der darauffolgenden Saison die ersten sechs Bundesliga-Spiele in Serie. Für den Verein völlig überraschend trat Favre daraufhin zurück. Er sah sich nicht mehr imstande, die Mannschaft aus der Krise zu führen.

Doch das heißt nicht, dass er in Krisensituationen den Kopf einzieht. Erst in der vergangenen Spielzeit erlebte er mit OGC Nizza einen ähnlichen Absturz wie in Gladbach, nach 14 Saisonspielen war die Favre-Elf auf Platz 18 der französischen Ligue 1 abgestürzt. Doch Favre blieb ruhig und führte seine Mannschaft raus auf dem Keller noch auf Rang acht.

Die Ruhe ist auch eine der Eigenschaften, weshalb Eberl überzeugt ist, dass Favre das Ruder wieder herumreißen wird.

"Er wird jetzt nicht die Emotionalität auspacken, das ist nicht seine Art und Weise. Aber seine Ruhe und Gelassenheit, und seine Klarheit, was das Fußballspielen betrifft, die wird er weiter durchziehen. Und wenn die Dortmunder daran glauben, werden sie auch wieder erfolgreich sein", erklärte Eberl.

Einen weiteren Ausrutscher am Montag beim Tabellenletzten in Nürnberg (Bundesliga: 1. FC Nürnberg - BVB ab 20.30 Uhr im LIVETICKER) sollte sich der BVB allerdings nicht erlauben.