München - Die Luft für Niko Kovac wird dünner. Geht auch das Duell gegen Benfica schief, könnte er als Bayern-Coach schon Geschichte sein. Viele Argumente sprechen nicht für Kovac.

von Florian Plettenberg

Nimmt die noch im Sommer so verheißungsvolle Liaison zwischen Niko Kovac und dem FC Bayern bereits in dieser Woche ein jähes Ende?

Vieles spricht dafür, vor allem weil Bayern-Präsident Uli Hoeneß höchst selbst Gerüchte um eine vorzeitige Entlassung des Cheftrainers nährte. Nach dem abermals enttäuschenden Heim-Remis gegen Aufsteiger Düsseldorf (3:3) kündigte der Präsident "internen Gesprächsbedarf" an.

Er selbst stellte erstmals öffentlich fest, was seit Wochen ersichtlich ist: Dass der zu Saisonbeginn noch so dominant aufgetretene Rekordmeister derzeit einen "schlechten und uninspirierten" Fußball "ohne Selbstvertrauen" spielen lässt. Kovac dazu zwei Tage später auf der Pressekonfereenz: "Es ist die Wahrheit."

Ebenso stellte Hoeneß klar, dass Kovac im Champions-League-Rückspiel am Dienstagabend (FC Bayern - Benfica Lissabon ab 21 Uhr im LIVETICKER) gegen Benfica Lissabon auf der Bank sitzen werde. Aber was kommt nach seinem 20. Pflichtspiel für die Bayern? 

Kommenden Samstag muss der amtierende Meister (Platz 5/21 Punkte) zum schweren Auswärtsspiel in Bremen (Platz 7/18 Punkte) ran. Schon jetzt beträgt der Rückstand auf Tabellenführer Dortmund neun Punkte. Längst müssen sich die Bayern aber auch damit auseinandersetzen, dass selbst der Kampf um die Champions-League-Plätze schwer genug wird (Die Tabelle der Bundesliga)

Ist sogar die Champions League gefährdet?

Man möge es sich vorstellen: Die Münchner, die im Sommer 2019 vor einem Umbruch stehen und teure Top-Stars an die Isar locker wollen und müssen, würden in der kommenden Saison nicht in der Königsklasse spielen. Für die Bayern wäre es der Super-Gau und würde die ohnehin schon schwerer gewordenen Verhandlungen mit echten Krachern zusätzlich erschweren.

Ebenso stellt sich die Frage, ob sie in der derzeitigen Verfassung überhaupt im Stande wären, das Achtelfinale in der Champions League zu überstehen. Vom Einzug in die K.o.-Phase ist die Kovac-Elf, bei noch zwei verbleibenden Gruppenspielen, übrigens nur noch einen Punkt entfernt. Man könnte auch sagen: Kovac ist, zumindest international, auf Kurs.

Viele weitere Argumente für den Glauben an seinen Verbleib sucht man indes vergeblich. 

Die Mannschaft etwa scheint unter dem 47-Jährigen mehr denn je gespalten zu sein. Da wäre zum einen die Pro-Kovac-Fraktion, die ihrem Trainer scheinbar in "einigen Gesprächen" vermittelt (sofern sie ehrlich ist), dass das Verhältnis zwischen Team und Trainer "ausgesprochen gut" sei, wie Kovac befand. 

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Es gibt aber auch die zahlreichen unzufriedenen Spieler im Kader, die sich über den Trainer beschweren und taktische Inhalte vermissen sollen, zudem die Rotation kritisieren.

Erstmals kritisierte aber auch Kovac am vergangenen Wochenende einige Spieler, ohne ihren Namen direkt zu nennen. Jerome Boateng und Robert Lewandowski dürften sich aber angesprochen gefühlt haben. Jene Spieler, die im Sommer noch freudig betonten, wie es Kovac geschafft hat, sie vom Verbleib bei den Bayern zu überzeugen. 

Was die Sache für Kovac zusätzlich erschwert, ist, dass es mit dem seit Sommer vereinslosen Arsene Wenger eine adäquate Aushilfe auf dem Trainermarkt gäbe. Dass Rummenigge Wenger schätzt, ist bekannt. Stellt sich aber die Frage, ob Wenger seinen guten Ruf bei den Bayern aufs Spiel setzen würde, denn die Münchner gleichen derzeit eher einem Himmelfahrtskommando statt eines Vereins von Welt. 

Wagner gibt Raum zur Spekulation

Viele Stars wirken ob ihrer zahlreichen Titel in den Vorjahren satt. Die Mannschaft scheint in ihrer Leistungsfähigkeit bereits über den Zenit zu sein, sie wirkt ausgelaugt. 

Den augenblicklichen Leistungen zum Trotz betont Sandro Wagner bei "BILD": "Wir haben eine super Mannschaft", sagt der Ersatzstürmer. Und: Kritik an eben jeder Truppe, die in der vergangenen Saison nur knapp das Finale der Champions League verpasst habe und die Meisterschaft "mit 20 Vorsprung gewann" sei "lächerlich."

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Wagner schlussfolgert: "Die Verantwortlichen sind so lange im Geschäft – sie wissen, zu tun ist. Sie werden sicher auch mit der Mannschaft reden und wissen, wie es da ausschaut."

Viel Raum zur Spekulation: Würde ein anderer Trainer also aus dieser "super Mannschaft" mehr herausholen? Sollten die Bosse endlich handeln? Oder mit den Führungsspielern reden, um wiederum die Hintergründe der Misere zu erfahren?

Letzteres taten Hoeneß und Bayern-Boss Rummenigge bereits am Samstag. Sie sprachen mit Teilen der Mannschaft direkt nach Abpfiff in der Kabine. Das Brisante daran: Kovac war nicht zugegen. Seitdem, so bestätigte es der Trainer am Montag, habe er noch kein Gespräch mit den Bossen geführt. 

Rückendeckung erhält der Ex-Frankfurter auch nicht von Sportdirektor Hasan Salihamidzic. Der Kovac-Kumpel, der im Sommer ebenfalls noch voll des Lobes über seinen Ex-Mitspieler war, taucht derzeit völlig unter und steht mehr denn je im Schatten der mächtigen Bayern-Bosse. Kovac steht somit allein da, muss aushalten, einstecken und abfedern. 

Kovac: "Verteidigen ist relativ einfach"

Kovac muss aber auch einräumen, Fehler gemacht zu haben. Die Bayern wirken seit Wochen in ihrem 4-1-2-3-System mit nur einem defensiven Mittelfeldspieler nicht mehr sicher. Die Viererkette verteidigt oft viel zu hoch und fehlerhaft. Die Bayern sind dadurch extrem konteranfällig und löchrig.

Kovac ist für die taktische Marschrichtung aber verantwortlich. Ebenso dafür, die Mannschaft in den entscheidenden Situationen auch mal passiver agieren zu lassen, sie zu regulieren. Bei der 2:1 in Führung in Dortmund etwa, verteidigten die Bayern immer noch an der Mittellinie gegen den konterstarken BVB.

Den Gegner mal kommen zu lassen, darauf schien niemand zu kommen. Auch gegen Düsseldorf ließ man sich auskontern – daheim. "Verteidigen ist relativ einfach", betonte Kovac am Montagnachmittag erneut. Heißt im Umkehrschluss aber auch: Die Bayern beherrschen derzeit nicht mal das Einmaleins.

Um die Bosse darin zu bestärken, weiterhin an Kovac festzuhalten, täte ihm nur ein überzeugender Sieg gegen Lissabon gut. So zerrüttet, wie sich das Gebilde FC Bayern derzeit darstellt, lässt sich eine Gala gegen die ebenfalls in der Krise steckenden Portugiesen aber nur schwer vorstellen.

Straucheln die Bayern erneut, dürfte das Schicksal von Kovac wohl endgültig besiegelt sein. Aufgeben will der Kroate aber nicht. Energisch betonte er: "Mein ganzes Leben musste ich kämpfen. Die Worte 'zurückstecken', 'aufgeben', 'die weiße Fahne hissen' existieren in meinem Wortschatz nicht."

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