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München - Bürki ist ein Faktor für den aktuellen Erfolg des BVB. Statistiken belegen die Leistungssteigerung des Torhüters. SPORT1-Experte Wiese ist aber skeptisch.

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Es war Mitte der zweiten Halbzeit als Roman Bürki eine weitere große Chance der Leverkusener entschärfte und sofort den sehenswerten Konter zum 2:2 durch Marco Reus einleitete. Borussia Dortmund drehte das Spiel, gewann 4:2 und ist nach sechs Spieltagen in der Bundesliga sogar Tabellenführer.

Es hätte auch anders enden können für die Borussia am Samstag in Leverkusen, böse. Doch Bürki war ein Garant für den spektakulären Sieg nach 0:2-Rückstand.

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Nicht zum ersten Mal in dieser Saison. In der ersten Pokalrunde bewahrte der 25 Jahre alte Schweizer den BVB vor einem peinlichen Aus beim Zweitligisten Greuther Fürth. Gegen Leipzig in der Liga glänzte er mit starken Paraden ebenso wie in der Champions League beim 1:0-Sieg in Brügge.

Bürki hat eine Wandlung vollzogen, ist im Augenblick der ersehnte Dortmunder Rückhalt. Das war im Vorjahr noch anders. Bürki sah bei einigen Gegentoren nicht gut aus, leistete sich haarsträubende Aussetzer wie in Europas Königsklasse gegen Nikosia.

Tiefpunkt: Nach dem 2:2 gegen Freiburg ging Bürki offen auf Konfrontationskurs mit den schwarz-gelben Anhängern, es folgte die Zurechtweisung durch Sportdirektor Michael Zorc.

Bürki: Muss manchmal egoistisch sein

Doch das gehört der Vergangenheit an. Er habe entschlossen, bei Null anzufangen, sagte Bürki neulich. Dazu hat er ein paar Dinge geändert. Mit seinem Mentaltrainer hat er die Abläufe vor einem Spiel umgestellt.

Aus Fehlern auf dem Platz hat er gelernt. "In früheren Zeiten habe ich ein bisschen zu viel Risiko genommen, jetzt habe ich meine Erfahrung gemacht. Ich muss manchmal ein bisschen egoistisch sein und auch mal den langen Ball spielen", erklärte Bürki.

Natürlich kommt ihm auch zugute, dass der BVB unter Trainer Lucien Favre in der Defensive insgesamt gefestigter wirkt als in der Saison zuvor.

Statistiken belegen Leistungssteigerung

Die Statistiken sprechen für ihn. In den bisherigen acht Saisonspielen blieb Bürki viermal unbezwungen, kassierte erst fünf Gegentore. Er entschärfte 60 Prozent der Großchancen. Insgesamt parierte er 77 Prozent der Bälle, die auf sein Tor kamen.

Das ist der drittbeste Wert in der Bundesliga, Manuel Neuer etwa hat beim FC Bayern eine Quote von 67 Prozent. Im Vorjahr hatte Bürki nur durchschnittliche 70 Prozent der Bälle auf sein Tor abgewehrt. Bürkis deutliche Leistungssteigerung lässt sich auch an nackten Zahlen messen.

Dazu kommt: Erfolg gibt Sicherheit. Dieses gewonnene Selbstbewusstsein strahlt Bürki nun aus. Natürlich will er auch im zweiten Vorrundenspiel der Champions League gegen AS Monaco eine Stütze sein (Champions League: Borussia Dortmund - AS Monaco, Mittwoch ab 21 Uhr im LIVETICKER). "Es ist sehr gut, einen solchen Torhüter hinter einem zu haben. Er hat uns in den letzten Spielen sehr viel geholfen", sagte Innenverteidiger Manuel Akanji bei der Pressekonferenz am Dienstag.

Vielleicht hilft es ihm auch, dass er nach dem Karriereende von Roman Weidenfeller dessen Rückennummer 1 geerbt hat. "Das tut ihm offenbar gut", sagte Weidenfeller.

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Vater rettete Bürkis Karriere

Bürki ist kein Torwart-Rambo wie Weidenfeller, der allein mit Statur und Auftreten Respekt einflößt. Bürki wirkt bisweilen eher zurückhaltend, nachdenklich. So ist sein Naturell. Mit 15 verpatzte er ein Probetraining beim FC Thun.

"Ich war so verunsichert und enttäuscht von mir selbst, weil ich mir immer sehr viel Druck mache", erzählte Bürki einmal aus seiner frühen Jugend: "Dann bekam ich den Anruf von Young Boys Bern, aber ich habe gesagt: Ich will da nicht hin, einfach aus Angst, wieder zu versagen. Mein Vater hat mich richtig gezwungen, dort hinzugehen - und das hat schlussendlich meine Karriere gerettet."

In Dortmund haben die Verantwortlichen stets zu Bürki gehalten. Auch in schweren Zeiten. Nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus vor nunmehr anderthalb Jahren, unter dem Bürki noch etwas mehr gelitten hat als andere Mitspieler. Es zahlt sich nun aus. Auch die Fans hat Bürki inzwischen mit seinen starken Leistungen auf seine Seite gebracht.

Wiese beäugt Bürkis Leistung noch skeptisch

Einer, der die Entwicklung allerdings noch skeptisch beäugt, ist SPORT1-Experte Tim Wiese. "Momentan hält er gut, aber man weiß bei ihm nicht, wie lange das anhält. Ein großer Torwart muss über Jahre hinweg konstante Leistungen bringen, muss seiner Mannschaft in einer Saison rund acht bis zehn Punkte retten. Dann ist man ein richtig guter Keeper", sagt Wiese.

Und legt nach: "Als Abwehrspieler hat man gerne eine richtige Statur im Tor. Einen echten Typen. Ich war immer viel explosiver. Man muss einfach im Tor ein Killer sein. Das ist Bürki nicht."

Für Wiese werden erst die "ganz wichtigen Spielen wie in der K.o.-Runde der Champions League" zum Gradmesser für Bürki. Vielleicht kann Bürki ja dann auch Wiese von sich überzeugen.