Dortmund - Borussia Dortmund besteht die Reifeprüfung gegen Atletico Madrid mit Bravour. SPORT1 nennt Gründe, warum der BVB schon von großen Erfolgen träumen darf.

von Holger Luhmann

Nach der beeindruckenden 4:0-Gala gegen Atletico Madrid ließ sich die Mannschaft von Borussia Dortmund noch minutenlang im Signal Iduna Park feiern. Erst vor der Südtribüne, dann auf einer Ehrenrunde. Währenddessen sangen die eingefleischtesten Fans schon vom nächsten Triumph in der Champions League. (SERVICE: Champions-League-Spielplan)

Der denkwürdige Abend, der bisherige Höhepunkt einer so rauschhaft verlaufenden Saison, wirft in der Tat die Frage auf: Was ist möglich für diese entfesselt auftrumpfende Borussia? Und die Antwort muss inzwischen wohl lauten: sehr viel.

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SPORT1 nennt Gründe, warum der BVB durchaus ernsthaft von Titeln träumen darf.

Defensive Balance

Trainer Lucien Favre hat es geschafft, die Achillesferse der vergangenen Jahre zu kurieren und der Mannschaft eine defensive Stabilität zu vermitteln. Gegen Atletico blieb der BVB auch im dritten Vorrundenspiel ohne Gegentreffer.

Das hat Gründe: Die jungen Innenverteidiger Abdou Diallo (22) und Dan-Axel Zagadou (19) lieferten ihr Meisterstück ab. Kaltschnäuzig, zweikampfstark und mit Übersicht im Stellungsspiel. Dabei fällt der Schweizer Nationalspieler Manuel Akanji, mit 23 Jahren der erfahrenste der schwarz-gelben Bubi-Abwehr, derzeit noch mit Hüftbeschwerden aus.

Wenn es doch einmal brenzlig wird, ist Torhüter Roman Bürki zu Stelle. Gegen Atletico bewahrte er sein Team beim Stand von 2:0 mit einem Weltklasse-Reflex vor einem Gegentor, als er einen Schuss aus kürzester Distanz an den Pfosten lenkte. Nach seinem Leistungstief im Vorjahr agiert Bürki fehlerlos und macht auch Großchancen zunichte.

Wichtigster Stabilitätsfaktor ist aber Axel Witsel. "Er sorgt für die nötige Ruhe", sagte Favre bei der Pressekonferenz über den Königstransfer. Dass Witsel gegen Atletico auch noch das 1:0 erzielte - ein Sahnehäubchen auf seine Leistung.

Mario Götze wies auf einen weiteren Punkt hin: "Wir haben zusammen angegriffen, zusammen verteidigt. Ich glaube, das ist das Entscheidende, dass wir beides, sowohl offensiv als auch defensiv, im Verbund gemacht haben."

Offensiv-Wirbel

Als Atleticos Trainer Diego Simeone nach der Abreibung durch die Katakomben des Stadions stapfte, war der "schwarze Abt" sichtlich um Haltung bemüht. Eine Niederlage mit vier Toren Unterschied, das hatte Simeone in seinem 391. Spiel mit Madrid gerade erstmals erlebt. "Dortmunds Spiel war wunderbar anzuschauen", musste der Argentinier zähneknirschend anerkennen. Aus dem Mund von Simeone, eigentlich der Magier der Zerstörung, gewann das Lob noch mehr an Gewicht.

In den vergangenen sieben Spielen hat Dortmunds Torfabrik 30 Treffer produziert - mehr als vier pro Partie. "Sensationell, unfassbar", fand Marco Reus die Leistung der Mannschaft.

Reus ist das Herzstück der Dortmunder Offensive. Frei von Verletzungen, geleitet von seinem Lieblingstrainer und zusätzlich gereift als Kapitän agiert er in der Form seines Lebens.

Und um ihn herum kann wirbeln wer will. Reus' Mitstreiter funktionieren und treffen. Gegen Madrid fiel sogar der Ausfall von Paco Alcacer kaum ins Gewicht. Auf eher ungeliebter Position im Sturmzentrum blieb Stellvertreter Götze zwar ohne Tor, lieferte aber eine mehr als anständige Partie.

Auch der schwarz-gelbe Offensiv-Zirkus ist ein Verdienst von Favre. Der Schweizer setzt auf eine Mischung aus pedantisch einstudierten Spielzügen und kreativem Freigeisttum.

Die Bank

Die "Zinsen", die Dortmunds Bank abwirft, würde jedes normale Geldinstitut vor Neid erblassen lassen. Gegen Atletico erzielten die eingewechselten Raphael Guerreiro mit einem Doppelpack und Jadon Sancho bereits die Jokertore elf bis 13.

Auch das ist kein Zufall, auch das hat Methode bei Favre. Insbesondere mit offensiven Flügelspielern sorgt Favre im Lauf des Spiels für frischen Wind. Die ersten Auserwählten spielen die Gegner müde, der Nachschub sticht.

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"Unsere Einwechselspieler sind einfach sehr gut. Sie wissen, was sie machen müssen. Sie spüren Fußball", sagte "Goldhändchen" Favre.

Der Kader

Die BVB-Verantwortlichen haben die Mannschaft im Sommer gezielt verstärkt. Vor allem mit Witsel und Thomas Delaney wurden zwei Spieler verpflichtet, die auch mal rustikal dazwischengehen und den jungen Wilden Ruhe und Sicherheit geben. Dank ihnen steht der neue BVB auch für deutlich reiferen Männerfußball.

Auch die anderen Transfers sind Volltreffer. Neben Diallo zeigte der von Real Madrid ausgeliehene Achraf Hakimi als Linksverteidiger eine überragende Vorstellung, bereitete die Tore zwei bis vier allesamt vor. "Wie er die Linie hoch- und runterrennt und das mit einer extrem hohen Geschwindigkeit - das ist extrem wichtig für uns", schwärmte Reus über den 19 Jahre alten Marokkaner.

Und im Sturmzentrum hat der BVB mit Alcacer wieder einen richtigen Knipser, der zudem als spielender Angreifer vorzüglich ins System passt.

Der Trainer

Schon im Vorjahr hätten die BVB-Bosse Favre gerne verpflichtet, doch Nizza ließ ihn nicht vorzeitig ziehen. "Seine Arbeit ist nicht hoch genug einzuschätzen", sagt Sportdirektor Michael Zorc über den Anteil Favres am Höhenflug.

Favre hat einen klaren Plan. Die taktische Umsetzung ist erfolgreich und spektakulär zugleich. Zudem macht er die einzelnen Spieler besser. Allein im Vergleich zum Saisonstart ist eine deutliche Steigerung festzustellen. Spieler wie Diallo und Zagadou hüpfen von einem Leistungsniveau auf das nächste.

Mit seinen akribischen Anleitungen und Übungen hat Favre auch die Chancenverwertung, jahrelang ein großes Manko des BVB, deutlich verbessert.

Favres Rotation sorgt zudem für ein großes Wir-Gefühl innerhalb der Mannschaft.

Die Stimmung

Auf den Rängen erinnert der Jubel an die erfolgreiche Ära unter Jürgen Klopp. Die Mannschaft wird getragen von einer Welle der Begeisterung.

Mitverantwortlich für die Stimmung innerhalb der Mannschaft ist auch Sebastian Kehl. Als neuer Leiter der Lizenzspielerabteilung trägt der frühere BVB-Profi viel zum Binnenklima bei. Eskapaden eines Pierre-Emerick Aubameyang gehören der Vergangenheit an, Disziplin und Miteinander stehen im Vordergrund.

Und Kehl kann auch mal eine enttäuschte Seele streicheln. Gutes Beispiel: Der lange Zeit nicht berücksichtige Götze hängte sich im Training weiter voll rein. "Er hat sich nicht beschwert, sondern hat sehr professionell an sich weiter gearbeitet", lobte Zorc.

Die Gefahr

Die Mannschaft des BVB ist breit aufgestellt, offensiv im besten Sinne unberechenbar. Durch die Rotation wird die immense Mehrfachbelastung abgefedert.

Zwei Spieler scheinen bei der Borussia aber unersetzlich: Witsel als Fixpunkt im Mittelfeld und Reus als Motor der Offensive. Eine Verletzung einer dieser beiden Stars könnte das mittlerweile stabile Gerüst ins Wanken bringen.

Die Aussicht

Ein Einbruch wie im Vorjahr unter Peter Bosz ist kaum vorstellbar. Dazu wirkt der BVB inzwischen zu gefestigt.

Wo der Weg hinführen wird? "Wir träumen nicht", stellte Favre am Mittwoch noch einmal klar. Einen Titel als konkrete Zielsetzung gibt es auch nach der mit Bravour bestandenen Reifeprüfung gegen Atletico nicht.

"Die jungen Spieler können noch nicht alles beherrschen - weder technisch, noch taktisch", erklärte Favre und fügte hinzu: "So etwas braucht in der Regel zwei bis drei Jahre."

Doch es wirkt längst nicht mehr ausgeschlossen, dass der BVB schon früher reif ist für große Erfolge.