Athen - Der FC Bayern nimmt wieder Fahrt auf. Dabei kommt Serge Gnabry immer besser in Form und profitiert vom Rotations-Stopp. Thomas Müller bleibt indes außen vor.

von Florian Plettenberg , Stefan Kumberger

Dieser Neuzugang macht den Bayern immer mehr Freude.

Serge Gnabry bekam beim 2:0 gegen AEK Athen erneut das Vertrauen von Trainer Niko Kovac - wie schon zuvor beim 3:1 in Wolfsburg. Und der deutsche Nationalspieler rechtfertigte seinen Startplatz und avancierte auf der linken Außenbahn zusammen mit Rafinha zum besten Bayern-Spieler (beide SPORT1-Note 2,5) - vor den Augen seiner Freundin Jacqueline Rene.

"Natürlich habe ich dadurch, dass ich bei der Nationalmannschaft war, ein bisschen Selbstbewusstsein getankt – auch in den letzten zwei Spielen. Ich versuche weiter an mir zu arbeiten, damit der Trainer mich aufstellt. Ich ziehe mein Spiel durch", hielt Gnabry nach der Partie den Ball flach.

Kovac stoppt die Rotation

Für deutlich mehr Spektakel sorgt der 23-Jährige dafür derzeit auf der linken Seite. Dort, wo Franck Ribery in den vergangenen elf Jahren quasi das Erstzugriffsrecht beanspruchte. Dort, wohin auch Thomas Müller immer mal wieder ausweicht.

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Nun war der 35-jährige Franzose wegen einer Wirbelblockade nicht im Athen-Kader und kommt auch seit geraumer Zeit nicht so richtig auf Trab - und Müller "müllert" derzeit auch nicht. Die für ihn ungewohnte Konsequenz: Der Ur-Bayer kommt seit nunmehr drei Spielen (inklusive des Länderspiels in Frankreich) nur von der Bank, in Wolfsburg kam er gar nicht zum Einsatz.

Zum Verhängnis wird ihm beim Rekordmeister derzeit auch, dass Kovac anscheinend vorläufig die Rotation aussetzt. Erstmals in dieser Saison tauschte der Heynckes-Nachfolger im Vergleich zum vorherigen Spiel in Wolfsburg lediglich verletzungsbedingt Rafinha für den angeschlagenen David Alaba (muskuläre Probleme).

Gnabry profitiert von Kovac' Maßnahme. Ebenso wie das spanisch sprechende Dreigestirn in der Mittelfeldzentrale aus Javi Martinez auf der Sechs sowie Thiago und James auf der Acht. Also dort, wo Müller unter Kovac bislang gesetzt war.

Müller lebt den Teamgedanken

Bemerkenswert ist, wie Müller mit seiner Situation umgeht. Er motzt nicht, suggeriert nach außen, dass er sich dem Teamgedanken beugt und die Mannschaft unterstützt. Er verzichtet darauf, seine durchaus vorhandene Unzufriedenheit demonstrativ zur Schau zu stellen - wie man es etwa von Ribery kennt.

Ganz im Gegenteil. "Wir sollten mehr über die Dinge sprechen, die auf dem Platz passieren - auch wenn ich weiß, dass die, die neben dem Platz passieren, interessanter sind", erklärte Müller in Athen. "Es ist wichtiger für uns als Team, dass wir über die Spiele sprechen. Uns bringt es nicht weiter, wenn wir hier irgendwelche Diskussionsrunden aufmachen."

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Der seit Wochen lahmenden Mannschaft kommt diese Art der Unterstützung entgegen. Auch in der Kabine. "Ich finde es überragend, wie er sich in der Mannschaft verhält", lobte etwa Joshua Kimmich. "Er ist immer positiv. Jeder weiß, dass es immer sein Anspruch ist, bei Bayern zu spielen. Er hat immer einen Spruch auf Lager, verliert seine Art nicht."

Gnabry beißt sich fest

Verlieren wird Müller, der in Athen für Gnabry in der 75. Minute eingewechselt wurde, auch seinen Anspruch nicht, wieder in die Anfangsformation der Bayern zurückzukehren. Aber auf welche Position? Links zumindest scheint sich derzeit Gnabry festzubeißen.

Was dem Ex-Hoffenheimer derzeit fehlt, ist lediglich das persönliche Erfolgserlebnis. Gnabry selbst macht klar, dass er von sich das erste Pflichtspieltor im Bayern-Dress erwartet.

"Als Offensiver ein Tor zu machen, ist die Spitze des Eisbergs", sagte der Offensiv-Allrounder. Deshalb arbeitet der Rechtsfuß an den fehlenden Prozentpunkten wie der letzten Präzision im Passspiel, bei Flanken und im Torabschluss. Was ihn derzeit aber im Vergleich zu Ribery und Müller auszeichnet, ist sein Wille, Eins-gegen-Eins-Duelle zu suchen, und die Fähigkeit, sie mit seiner Schnelligkeit und seinem Fintenreichtum auch für sich zu entscheiden - wie in Athen.

Lob bekam Gnabry daher von allen Seiten: "Er hat es richtig gut gemacht, auch schon in Wolfsburg", urteilte Kovac. "Man sieht, dass er immer mehr Selbstvertrauen hat. Ich hoffe, dass er das auch in Zukunft weiter zeigen kann."

Robben-Lob für Gnabry

Auch Arjen Robben adelt den jungen Teamkollegen: "Ich mag den Serge sehr gerne. Ein guter Junge, der sich auch verbessern will. Ich bin einer, der im Fitnessraum ist. Ich habe jetzt einen Freund dabei, denn er ist auch immer da. Von der Einstellung her ist er ein richtiger Profi."

Hasan Salihamidzic bezeichnete Gnabry auf SPORT1-Nachfrage als "Lichtblick". Bayerns Sportdirektor hob zudem Gnabrys Dynamik hervor: "Er macht das gut, traut sich was zu, war am Tor beteiligt und hat viel Dampf gemacht auf der linken Seite." Irgendwann werde auch in Sachen Pflichtspieltreffer bei Gnabry "der Knoten platzen. Ich erwarte natürlich ein Tor von ihm, klar. Wir alle."

Kommen nun auch noch Treffer hinzu, könnte sich Gnabrys Vorsprung gegenüber seinen namhaften Konkurrenten weiter vergrößern. Ein schlechtes Gewissen darüber, dass seinetwegen die Fanlieblinge Ribery und Müller draußen sitzen, hat er nicht. "Wenn ich draußen sitze", sagt er selbstbewusst, "ist auch ein Hochkaräter draußen, oder?"