Kiew - Cristiano Ronaldo dämpft mit mysteriösen Aussagen über seine Zukunft Real Madrids Champions-League-Party. Die Gründe für das Theater liegen nicht auf dem Platz.

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Olympiastadion. Kiew. Fast 1 Uhr morgens Ortszeit. Jorge Mendes hatte die Schnauze voll. Das Spiel war schon seit mehr als einer Stunde abgepfiffen und noch immer kam der Berater von Cristiano Ronaldo nicht zur Ruhe.

"Wie oft noch? Ich möchte nicht reden. Cristiano war, ist und wird immer der beste Spieler der Welt sein. Es ist ein schöner Tag für ihn. Er hat gerade die Champions League mit Real Madrid gewonnen. Zum dritten Mal in Folge: Mehr sage ich nicht", raunzte Mendes einen Reporter des spanischen Radiosenders Onda Cero an, der ihn mit Fragen zur Zukunft des Weltfußballers löcherte.

Als dieser trotzdem nicht aufgab, wurde Mendes hysterisch: "Stopp! Was zum Teufel soll das? Ich arbeite gerade, bin mit Freunden unterwegs und du fragst weiter." Einer der Begleiter des Star-Agenten warf dem Reporter noch ein "Verpiss dich" hinterher. Unterhaltung beendet.

Alle Augen auf Ronaldo

Bedanken für diesen eher unrühmlichen Zwischenfall in den Katakomben durfte sich Mendes bei seinem Klienten selbst. Ronaldo hatte unmittelbar nach dem historischen 3:1-Triumph über den FC Liverpool eine Lawine losgetreten und die Partystimmung beim Seriensieger gehörig gedämpft.

"Es war sehr schön, bei Real zu sein", sagte er dem Fernsehsenders beIN Sports. In den nächsten Tagen, spätestens nach seiner Ankunft im WM-Lager der portugiesischen Nationalelf am 4. Juni, werde er mehr verraten und "den Fans antworten, die immer an meiner Seite waren".

Später präzisierte er: "Ich sage nicht, dass ich gehe. Aber ich kann auch nicht garantieren, dass ich bleibe." Mysteriöse Worte, die die Verantwortlichen und Ronaldos Kollegen ebenso überraschten wie die Fans.

Alles und jeder sprach von diesem Moment an nur noch von Ronaldo. Selbst die Aussagen von Final-Held Gareth Bale, er müsse sich ebenfalls Gedanken um seine Zukunft machen, gingen unter.

Rüffel von Mitspielern

"Ich möchte nicht über einzelne Spieler spekulieren", erklärte Real-Boss Florentino Perez genervt und verwies auf den bis 2021 laufenden Vertrag von Ronaldo.

Toni Kroos beschwichtigte zwar, er sei nach dem Königsklassen-Triple selbst "viel zu glücklich", um sich den Kopf über solche Themen zerbrechen. Gut kam die noch vor der Siegerehrung zelebrierte One-Man-Show von CR7 innerhalb der Mannschaft aber keineswegs an.

"Cristiano muss das erklären", forderte Sergio Ramos. Nach Informationen der Sportzeitung Marca sollen der Kapitän und einige weitere Führungsspieler dem Angreifer noch in der Kabine einen Rüffel erteilt haben. Es sei respektlos von ihm, im Moment des Erfolges für eine solche Unruhe zu sorgen.

"Und ich soll neidisch sein? Auf wen?"

Zumal Ronaldo, selbstverliebt wie man ihn kennt, sich trotz seiner bescheidenen Final-Leistung selbst in den Mittelpunkt stellte.

"Vielleicht sollte die Champions League umbenannt werden, in CR7 Champions League", schlug er einer Reporterin vor. "Fünf Champions-League-Siege! Wieder Torschützenkönig! Und ich soll sauer sein? Oder neidisch? Auf wen?"  

Das eigentliche Problem, betonte Ronaldo nach der Rückkehr aus der Kabine deshalb in einem weiteren Interview, habe keine sportlichen Gründe und bestehe "schon weitaus länger".

Ob damit die Steueranklage - er soll 14,7 Millionen Euro am spanischen Fiskus vorbeigeschleust haben - gemeint war? Oder eine ausbleibende Gehaltserhöhung? Wohl kaum. "Es ist keine Frage des Geldes", versicherte er. 

Perez und Ronaldo im Clinch

Bleibt eigentlich nur noch eine Möglichkeit: sein unterkühltes Verhältnis zu Florentino Perez. "Ich habe mit dem Präsidenten nichts zu besprechen. Ich grüße ihn immer ganz professionell", meinte der Torjäger am Samstag vielsagend.

Perez und Ronaldo, so heißt es in den spanischen Medien, sollen sich seit Jahren aus dem Weg gehen. Schon 2012 kam es dem Vernehmen nach zu einem ersten Riss in ihrer Beziehung. Ronaldo beklagte sich damals, zu wenig Unterstützung von Perez zu erhalten, nachdem er ihn nicht zur Weltfußballer-Gala begleitet hatte.

In der Folge überwarf sich Perez auch mit Ronaldos Umfeld. Er entzog dessen Berater Mendes Schritt für Schritt Macht, indem er dessen Klientel in seinem Team drastisch ausdünnte. Angel Di Maria, Fabio Coentrao und Pepe wurden ebenso aussortiert wie ein gewisser James Rodriguez. Ronaldo ist bei Real der letzte Verbliebene des Mendes-Clans.

Gerüchte um Neymar 

Die Frage lautet, wie lange noch. Perez arbeitet bekanntlich schon länger daran, Neymar von Paris Saint-Germain als galaktischen Erben des 33-Jährigen zu präsentieren.

Ende Dezember 2017, in Anwesenheit Ronaldos, schwärmte der Bauunternehmer in den höchsten Tönen von dem Brasilianer. Neymar hätte bessere Chancen, auch einmal den Goldenen Ball zu gewinnen, würde er das weiße Trikot tragen, sagte Perez.

Jene Liebesbekundung, verbunden mit den seitdem ständig wiederkehrenden Gerüchten um einen Wechsel des 26 Jahre alten Dribbelkünstlers nach Madrid, fühlen sich für Ronaldo offensichtlich wie eine Gotteslästerung an. Er will geliebt werden. Mehr als jeder andere Spieler.

"Bis nächstes Jahr"

Das erreichte er mit seinem Theater in Kiew in gewisser Weise auch. Nach Reals Rückkehr in die spanische Hauptstadt wurde kein Spieler so von den Anhängern gefeiert wie er. "Cristiano, bleib", skandierten die weit über 80.000 Fans im Santiago Bernabeu.

Der Europameister reagierte überwältigt, dankbar und mit noch mehr verwirrenden Worten. "Wir haben alle zusammen Geschichte geschrieben. Hala Madrid - und bis nächstes Jahr", rief er ins Mikrofon.

So ganz weiß Ronaldo wohl selbst noch nicht, wie es im Sommer mit ihm weitergeht.

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