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Der "Pfostenbruch" vom Bökelberg stellt einen der legendärsten Momente in der Geschichte der Bundesliga dar. SPORT1 blickt zurück.

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Die Szene gehört zu den Klassikern der Bundesligageschichte.

Heute vor 50 Jahren brach am Mönchengladbacher Bökelberg der Pfosten und das Heimspiel gegen Werder Bremen musste an jenem 3. April 1971 abgebrochen werden. Die Frage, wie es nun weiter gehen sollte, war gar nicht so einfach zu beantworten. Dabei mangelte es nicht an Präzedenzfällen, in der deutschen Fußballgeschichte gab es auch in den höheren Klassen mehr als nur einen Pfostenbruch. Bloß noch keinen in der Bundesliga. Doch der Reihe nach:

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Meister Borussia Mönchengladbach schickt sich an diesem Samstag an, die an Bayern München verlorene Tabellenführung zurückzuerobern. Doch Werder Bremen, der Tabellenachte, macht es der Weisweiler-Elf schwer und hält bis zur 88. Minute ein 1:1. Die Tore sind schon früh gefallen: Horst Köppel (7.) lässt Borussia jubeln, Heinz-Dieter Hasebrink (17.) die Gäste.

Der CHECK24 Doppelpass mit Achim Beierlorzer und Andreas Rettig am Sonntag ab 11 Uhr im TV auf SPORT1

"Schon kippt der Pfosten zur Seite"

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Borussia rennt mit allen Stars an, aber der überragende Günter Bernard im Bremer Tor ist unüberwindlich. Dann endlich fällt es doch noch, das Tor. Aber es jubelt keiner nach Günter Netzers Freistoß, den der eingewechselte Herbert Laumen zu erreichen versucht hat. Laumen hat die Geschichte seines Lebens schon hundertfach erzählt.

2011 klingt es so: "Freistoß Netzer, ich steige mit Anlauf hoch, Bremens Torwart Bernard fischt den Ball weg und ich segle rückwärts ins Netz. Ich höre ein Krachen, und schon kippt der Pfosten zur Seite. Wenig später lag ich wie ein Fisch im Netz, ich kam alleine gar nicht mehr raus." Das wird sich als das kleinere Problem herausstellen. Wichtiger ist: die Frage: wie geht es weiter?

Der Moment, in dem der Pfosten brach
Der Moment, in dem der Pfosten brach © Imago

Drei Bremer Spieler versuchen den Pfosten wieder aufzurichten. Was gelingt, doch im Innenraum befindliche Zuschauer werfen ihn wieder um. Ob aus Jux oder um zu dokumentieren, dass dieses faule Stück Holz schon beim nächsten Pfostentreffer wieder umfallen wird. Den Gladbacher Spielern kommt ein Spielabbruch offensichtlich gelegen. Herbert Wimmer gesteht Jahre später: "Netzer stellte sich gegenüber dem Schiri die ganze Zeit über taub, denn das 1:1 war uns zu wenig und wir waren auf ein Wiederholungsspiel aus."

Doch was hätten die Spieler, die hinterher beteuern, sie seien "doch Fußballer und keine Bauarbeiter", denn tun können? Schiedsrichter Gert Meuser schlägt vor, man möge den Pfosten für die verbleibenden zwei Minuten festhalten, ob Ersatzspieler oder Ordner. Niemand geht darauf ein, angeblich aus versicherungstechnischen Gründen, wie Borussias Anwalt vor Gericht sagen wird.

Ein Ersatztor gibt es nicht, weil es keine entsprechende Vorschrift gibt, und der Reparaturversuch von Platzwart Willi Evers, der mit Hammer, Nägeln und einem Stück Holz aus den Katakomben zurückkommt, scheitert auch. Nach zwölf Minuten Wartezeit bricht Meuser die Partie ab. Erstmals in der Bundesliga – aber nicht auf höchster Ebene im deutschen Fußball. Fast alle Präzedenzfälle landeten vor den zuständigen Sportgerichten. 

Chronik der Pfostenbrüche

Oberliga West, 21. September 1952, RW Essen – SW Essen abgebrochen (1:1): In der 37. Minute bricht der rechte Pfosten, weil Schwarz-Weiß-Stürmer Friesenhagen beim Torjubel ins Netz rutscht. "Handwerker, bitte melden" heißt es über Stadionsprecher. Vier junge Männer fühlen sich aufgerufen, bekommen den Schaden aber nicht behoben. Schiedsrichter Hüren (Krefeld) bricht ab, auf den Rängen schlagen die Derby-Emotionen hoch – und an den Kassenhäuschen kommt es zu Tumulten, weil mancher sein Eintrittsgeld zurück fordert. Weil RWE nachweist, dass der Pfosten aufgrund höherer Gewalt brach, setzt das Sportgericht die Partie neu an; am zweiten Weihnachtstag 1952 verlieren die Schwarz-Weißen 1:8. 

2. Liga Süd, 4. Oktober 1953, Karlsruher SC – Jahn Regensburg abgebrochen (1:3): 20 Minuten vor Schluss kracht Gästestürmer Josef Hubeny etwas zu heftig gegen den Pfosten, der bricht und das Tor zum Einsturz bringt. Während die Karlsruher auf eine Wiederholung spekulieren und untätig zuschauen, bleiben die Aufbauversuche der Regensburger erfolglos. Das Sportgerichtsurteil – beide Mannschaften sollen in identischer Besetzung die letzten 20 Minuten austragen – erregt landesweit Aufsehen, wird aber von der zweiten Instanz kassiert: Der KSC verliert die Punkte am Grünen Tisch. 

2. Liga Süd, 11. Dezember 1955, Hessen Kassel – Bayern München (3:2): Als die Hessen zehn Minuten vor Schluss die Führung erzielen, hängt sich Bayerns Nationalspieler Hans Bauer nach seinem missglückten Rettungsversuch an die Latte, die sofort bricht. Die Bayern wollen den Abbruch, doch die Gastgeber überzeugen Schiedsrichter Adalbert Leonhard (Stuttgart) davon, es auf einen Reparaturversuch ankommen zu lassen. Der KSV-Platzwart richtet – auf einer Leiter stehend – die Latte und nagelt sie zusammen. Tor und Sieg gerettet, so wird man Club-Legende.

Oberliga Nord, 29.11.1959, VfR Neumünster – VfV Hildesheim (1:1), abgebrochen in der 82. Minute: Gäste-Mittelstürmer Rose bringt "mit einem kraftvollen Sprung" den rechten Torpfosten zum Zusammenbrechen. Der knickt direkt über dem Rasen ab, "Torwart Lipp und Rose krabbelten unter den Trümmern hervor", amüsiert sich das Sport Magazin. Schiedsrichter Seekamp gibt dem VfR zehn Minuten Reparaturzeit, die nicht reichen. Das Tor wird "nur notdürftig repariert", da pfeift er lieber ab. Das Sportgericht entscheidet auf Wiederholungsspiel, das der VfR 14 Tage später mit 3:1 gewinnt.

Oberliga Nord, 6. August 1961, VfL Osnabrück – Holstein Kiel (1:5): Der Kieler Torwart Möck streift bei seiner ersten Parade in der zehnten Minute den linken Pfosten, der sofort abknickt. Mit einer Eisenstange, einem Holzkeil, Hammer und Nägeln repariert der Platzwart – im Sonntagsanzug mit weißem Hemd und Krawatte – das Tor, nach sechs Minuten geht es störungsfrei weiter. Später stellt sich heraus, dass beide Pfosten angesägt worden sind. "Die Übeltäter hätten eine Tracht Prügel verdient", wettert das Sport-Magazin. Findet auch der Schiedsrichter, der wegen der Verzögerung seinen Zug verpasst.

Oberliga Nord, 7. Januar 1962, VfV Hildesheim – Hannover 96 (3:1): Drei Minuten vor der Pause stürzen mehrere Spieler ins 96-Tor, der Pfosten bricht fünf Zentimeter über der Grasnarbe. Der Schiedsrichter macht den Spielführern einen originellen Vorschlag: Die Mannschaften gehen vorzeitig in die Pause, der Schaden wird repariert, dann wird die erste Halbzeit zu Ende gespielt und ohne weitere Pause fortgesetzt. Der Plan geht auf, die Reparatur glückt, die Halbzeitpause dauert etwas länger als sonst (20 Minuten), dafür liegt sie nicht ganz mittig. Das nennt man eine flexible Spielleitung.

2. Liga Süd, 4. November 1962: FSV Frankfurt – VfL Neustadt (2:1): Der FSV führt 17 Minuten vor Schluss mit 2:1, als bei einer Neustädter Abwehraktion Torwart Böhm ins Netz stürzt und der Pfosten in Schieflage gerät. FSV-Torwart Karl-Heinz Leichum, von Beruf Elektriker, behebt den Schaden zusammen mit dem Platzwart in 20 Minuten – und rettet dem FSV den Sieg und die Titelchance. 

DFB-Pokal, 1. Hauptrunde, 16. Januar 1965, Mainz 05- Werder Bremen (1:0): Nach einer Ecke stürzt der Bremer "Pico" Schütz ins Mainzer Tor, der Pfosten knickt um. Unter der Aufsicht von Schiedsrichter Seiler (Schmiden) reparieren die Spieler beider Teams den Schaden in nur drei Minuten mit Hammer, Nägeln und einem Holzkeil. Als Helfer ein Ersatztor heranschleppen, steht der Kasten bereits wieder. Das ist beinahe so sensationell wie der Sieg der Mainzer gegen den Bundesliga-Tabellenführer und kommenden Meister.

Regionalliga West, 9. September 1973, Westfalia Herne – Spvgg. Erkenschwick (1:1): Drei Minuten vor der Pause knickt der linke Pfosten nach einem Sprung von Erkenschwicks Torwart Dieter Breuer an den Querbalken zusammen. Schiedsrichter Bruns (Duisburg) gibt dem Platzverein eine halbe Stunde Zeit für die Reparatur. Sie brauchen zwar 35 Minuten, aber das lässt Bruns durchgehen. Weiter geht es – dank der Hilfe von Vorstandsmitgliedern, Zuschauern, Spielern und Trainer Mozin.  Der wird später befragt, wo man einen Ersatzpfosten aufgetrieben habe, und witzelt: "Den hatte ich ein paar Tage vorher zufällig auf einer Müllkippe gesehen…"

Sportgericht wertet das Spiel gegen die Borussia

Damit war der Rahmen für die DFB-Sportgerichtsverhandlung gesteckt: Wiederholung, Wertung für die Gäste oder Nachspielen der Restzeit. Da das Urteil für den Ausgang der Meisterschaft von großer Bedeutung ist, ist Eile geboten. Und doch vergehen 26 Tage, bis das Sportgericht entscheidet: auf eine 0:2-Wertung und 1500 D-Mark Geldstrafe gegen Borussia.

Dem Meister wird seine demonstrative Passivität zum Nachteil ausgelegt. Es geht weniger um die technische Lösung des Problems, dessen Unmöglichkeit der Platzwart auch vor den Schranken des Gerichts verdeutlicht. Der Pfosten sei metertief verankert und in Zement gegossen, er hätte "Drillbohrer, Presslufthammer, Flaschenzug und Kran" benötigt.

Horst Dieter Höttges (SV Werder Bremen) und Günter Netzer (Borussia Mönchengladbach) vor dem Sportgericht
Horst Dieter Höttges (SV Werder Bremen) und Günter Netzer (Borussia Mönchengladbach) vor dem Sportgericht © Imago

Borussia legt also umgehend Protest gegen das Urteil ein und wartet weitere drei Wochen. Am 19. Mai – drei Spiele vor Saisonende – scheitert sie auch vor dem DFB-Bundesgericht und dessen Spruch ist endgültig. Richter Dr. Rückert: "Wir sehen es als erwiesen an, dass Gladbach zumindest fahrlässig gehandelt hat. Es wurde nicht mit genügender Sorgfalt versucht, das Tor wieder in Ordnung zu bringen." Der Nichtversuch kann also auch strafbar sein. Borussias Fans malen böse Transparente gegen den DFB, am Ende trösten sie sich mit der Meisterschaft.

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Für Herbert Laumen gehört der Pfostenbruch zu seinem Leben. Mancher nennt ihn immer noch "Pfostenbruch" und noch zum 40. Jubiläum des gefallenen Tores veräppelt ihn sogar seine Borussia auf der Homepage. Dort steht, Laumen habe alles geplant und den Pfosten schon in der Nacht zuvor angesägt, weil er eine Firma zur Produktion der danach eingeführten Aluminium-Tore gegründet habe. Aber das ist nur ein April-Scherz.

Die Aluminium-Tore werden dennoch Pflicht, Holz-Pfosten kann man nur noch im Museum sehen. Dass sie auch brechen können, sieht man am 1. April 1998 in Madrid vor dem Champions League-Spiel gegen Borussia Dortmund.

Der Holzpfosten vom Bökelberg ist noch zu besichtigen – im Museum des neuen Stadions, das übrigens eine Loge namens "Pfostenbruch" besitzt. Das Corpus delicti wurde noch etwas aufgehübscht mit den Autogrammen der Spieler von 1971, auch einige Bremer haben sich verewigt auf dem morschen Stück Fußballgeschichte.