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München - Zum Leben von Lothar Matthäus gehört das Fußballgeschäft genauso wie seine Familie. Anlässlich seines 60. Geburtstags gewährt er private Einblicke.

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60 Jahre Lothar Matthäus: Eine lebende Legende feiert Geburtstag!

Anlässlich seines Ehrentages hat der deutsche Rekordnationalspieler in einem ausführlichen Interview mit Deutschlands größtem Sport-Supplement FUSSBALL & FAMILIEdas im Rahmen einer Kooperation zwischen der rtv media group und der SPORT1 GmbH erstmals erschienen ist, über seine Karriere gesprochen.

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Der Weltmeister von 1990 über seinen Weg vom Teenie zum Weltstar. 

Frage: Herr Matthäus, Sie sind 1979 im Alter von 18 Jahren vom behüteten Eltern­haus im beschaulichen Herzogenau­rach nach Mönchengladbach gezo­gen. Der Profikarriere zuliebe. Wie schmerzhaft war das?

Lothar Matthäus: Ich hatte in Mönchengladbach keine Bleibe, nur ein Auto. Habe zwei Taschen gepackt und los. Vorher habe ich allerdings meine Ausbildung zum Raumausstatter beendet.

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Frage: Und dann?

Matthäus: Bin ich mit dem Auto durch die Stadt gefahren und habe mir ein Hotel gesucht. Es gab noch kein Social Media, kein Handy, um leicht ranzukommen. Ich fand eine Bleibe mit Übernachtung und Frühstück für 20 D-Mark pro Nacht, das Hotel Rosengarten neben dem Trainingsgelände am Bökelberg. Familiären Anschluss, wie man ihn heute kennt, dass man für den Spieler eine Begleitperson abstellt, gab es nicht. Ich hatte nur einen Ansprechpartner, den Inhaber des Puma-Sport-Geschäfts, das die Borussia ausgestattet hat. Ich bin meinen Weg lieber selbst gegangen, suchte in Zeitungsannoncen eine Wohnung.

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Lothar Matthäus: Betrunkene hauten gegen meine Rollläden

Frage: Mit viel Luxus, wie üblich für einen Profi?

Matthäus: Von wegen. Im Bahnhofsviertel, Erdgeschoss, 50 Quadratmeter für 300 D-Mark, Toilette außerhalb. Nachts bin ich öfter mal aufgeschreckt, wenn Betrunkene oder Randalierer vorbeizogen. Sie hauten gegen die Rollläden.

Lothar Matthäus als Junggeselle in der Küche seiner Wohnung in Mönchengladbach
Lothar Matthäus als Junggeselle in der Küche seiner Wohnung in Mönchengladbach © Imago

Frage: Toilette außerhalb?

Matthäus: Ja. Back to the roots (zurück zu den Wurzeln - d. Red.). Das war ich von Herzogenaurach von Kindesbeinen an gewöhnt. Später, als ich zehn war, haben meine Eltern dann ein Haus gebaut.

Frage: Wie weit haben Ihre Eltern Einfluss genommen auf Ihre Erziehung?

Matthäus: Gar keinen. Sie hatten nicht die Zeit, sich einzumischen. Meine Eltern waren stolz auf mich, das weiß ich. Stolz auch, wenn ich gute Noten nach Hause brachte, was am Schluss immer seltener wurde (lacht). Ich habe trotzdem alles abgeschlossen, Schule und Lehre. Jedoch mit Flausen im Kopf.

Matthäus: "Selbstständig aufgewachsen" 

Frage: Ihre Eltern waren arm.

Matthäus: Sie hatten gar nicht die Zeit, groß über mich nachzudenken. Sie haben mit ihrer Arbeit gelebt, um uns Kindern ein gutes Leben zu bieten, ein Dach über dem Kopf. Mein Vater († 88) ging um 5 Uhr aus dem Haus, kam abends um sieben nach Hause. Meine Mutter († 89) war den ganzen Tag mit Arbeiten für Puma und dem Haushalt beschäftigt. So bin ich selbstständig aufgewachsen. Sie konnten mir nicht das geben, was ich heute meinem Sohn (Milan ist mit sechs das jüngste von vier Kindern - d. Red.) geben kann.

Frage: Sie waren ja auch selten zu Hause ...

Matthäus: Stimmt. Kurz zusammengefasst: zur Schule gegangen, nachmittags auf den Fußballplatz, schnell nach Hause und ab zum Training des FC Herzogenaurach.

Frage: Sie haben zwei Söhne, Loris (28) und Milan (6). Zwei Töchter, Alisa (34) und Viola (32). Interessieren die sich für Fußball?

Matthäus: Alle vier sind fußballinteressiert, verfolgen nicht nur den Papa, sondern auch die aktuellen Spiele. Loris, der bei seiner Mutter Lolita in der Schweiz wohnt, ist großer Fan von Inter Mailand, saß dort jahrelang auf der Tribüne. Alisa, Viola und Milan sind große Bayern-Fans. Milan ist sauer, dass Bayern zuletzt viele Gegentore bekam.

Lothar Matthäus 2006 mit seiner damaligen Frau Marianna und seinem Sohn Loris
Lothar Matthäus 2006 mit seiner damaligen Frau Marianna und seinem Sohn Loris © Imago

Frage: Spielen Sie denn auch Fußball wie früher der Vater?

Matthäus: Loris hat Fußball gespielt, er besuchte mich zuletzt für ein paar Tage in Budapest (heute der Wohnort von Matthäus – d. Red.). Milan ist schon bei einem Verein angemeldet, hat mittrainiert. Beim FC Unterföhring (nahe des Sky-Studios, wo Matthäus als Experte arbeitet – d. Red.).

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Klubs mit familiärem Charakter

Frage: Hatten die Klubs, bei denen Sie ge­spielt haben, auch einen familiären Charakter?

Matthäus: Alle, bis auf die New York MetroStars. Borussia Mönchengladbach, wo ich Nationalspieler wurde, Inter Mailand, wo ich Weltfußballer des Jahres wurde, Bayern sowieso, da ich dank Sky oft in München bin. Neulich hat mich Ernesto Pellegrini (war damals Präsident bei Inter Mailand – d. Red.), mittlerweile 80, angerufen, um ein glückliches 2021 zu wünschen. Ich bin dort nicht in Vergessenheit geraten. In Gladbach freuen sie sich, wenn wir uns  treffen. Ob Präsident Rolf Königs, Vize Rainer Bonhof, Ex-Trainer Hans Meyer, Sportchef Max Eberl, Trainer Marco Rose, sein Co Alexander Zickler. Bei den Fans von Inter und Bayern gehöre ich für immer zur Familie. Die haben mich in ihr Herz geschlossen.

Frage: Also auch bei Mönchen­gladbach?

Matthäus: Ja, auch die haben mich ins Herz geschlossen. Auch jene, die mir vorgeworfen haben, ich hätte im Pokalfinale 1984 den Elfmeter gegen Bayern absichtlich übers Tor geschossen (der Wechsel zu Bayern stand zu dem Zeitpunkt schon fest - d. Red.). Dennoch fühle ich mich auch dort heimisch, bekam zur Museumseröffnung eine Einladung. Das zeigt mir, dass ich auch dort zu der großen Familie gehöre. Darauf kann ich stolz sein.

Matthäus: "Udo Lattek war ein Vater-Typ"

Frage: Hat einer Ihrer Trainer eine Vaterrolle eingenommen?

Matthäus: Jupp Heynckes hat 1979 sofort auf mich aufpassen müssen. Was ihm nicht immer gelungen ist (lacht). Er hat mich nicht in den Arm genommen, hat mir meine Fehler jedoch verziehen, die Undiszipliniertheiten, die ein 18-Jähriger eben im Kopf hat. Ich wollte eben was erleben. Udo Lattek war ein Vater-Typ von der menschlichen Seite, der auf mich zugegangen ist. Dann wurde ich erwachsen, brauchte eher einen Ratgeber wie Franz Beckenbauer. Es ist für mich das Größte, ihn heute als Freund bezeichnen zu dürfen. Das sind Momente, wo du dir sagst: Hey, den hast du angehimmelt vor 40 Jahren, und jetzt ist er ein Teil meiner Familie. Wenn ich ein Problem habe, unterstützt er mich.

Frage: Was zeichnet Beckenbauer aus?

Matthäus: Er hat Lebenserfahrung. Positive wie negative. Er weiß, was da draußen alles rumläuft. Er weiß, dass er auch in mir einen ehrlichen Freund hat. Nicht nur einen Schulterklopfer. Nach dem Motto: Die falschen Freunde musst du entfernen. Das hat uns noch näher zusammengebracht. Da habe ich von Franz sehr viel gelernt.

Teamchef Franz Beckenbauer (li.) und Lothar Matthäus beim Training der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Hennef 1984
Teamchef Franz Beckenbauer (li.) und Lothar Matthäus beim Training der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Hennef 1984 © Imago

Frage: Sie machten mit drei schweren Ver­letzungen - ein Kreuzbandriss, zwei Achillessehnenrisse - schwere Zeiten durch. Wer gehörte da zur engeren Familie?

Matthäus: In erster Linie ich selbst und mein Umfeld. Da musste ich alleine durch. Am nächsten stand mir da Rudi Houdek († 94, Fleischwarenfabrikant, Fußball-Mäzen). Er hat mich privat besucht, so kam der Transfer zurück zu Bayern zustande. Er hat Beckenbauer angerufen, der Franz mich.

Matthäus: Langjährige Freundschaft mit Armin Veh

Frage: Ihr Terminkalender ist immer proppen­voll. Wie können Sie da Verantwortung als Familienvater tragen?

Matthäus: Ich habe mich entschlossen, das Leben vom Fußball nicht abzutrennen. Ich träume immer noch davon, kann jedoch bestimmen, was ich mache und was nicht. Ich kann fast jeden Tag mit Milan verbringen. Dafür bin ich Sky sehr dankbar. Auch dort habe ich eine Art Familie gefunden. Als Trainer hätte ich viel mehr Stress gehabt. In Budapest habe ich meine Ruhe gefunden.

Frage: Wie halten Sie es mit Freundschaft?

Matthäus: Da ich auch in Wien und Salzburg gearbeitet habe, kann ich mich im deutsch-sprachigen Raum auf 15, 20 Freunde verlassen, denen ich in den letzten 40 Jahren begegnet bin. Ich hoffe, dass mir die alle bleiben, dass nicht so was passiert wie bei Franz Beckenbauer. Ich habe von ihm gelernt, dass du aufpassen musst, wen du als Freund bezeichnest.

Lothar Matthäus und der damalige Kölner Sportdirektor Armin Veh bei einer Partie des 1. FC Köln auf der Tribüne
Lothar Matthäus und der damalige Kölner Sportdirektor Armin Veh bei einer Partie des 1. FC Köln auf der Tribüne © Imago

Frage: Was ist da das Kriterium?

Matthäus: Auf wen du dich verlassen kannst, wenn du in Not gerätst. Freunde wie Armin Veh, den ich 1979 bei Mönchengladbach kennenlernte. Er ist am längsten mein Freund. Dann in München seit 1984 Michael Käfer (Chef des Feinkost-Imperiums – d. Red.). Ich will nicht alle aufzählen. Da ist jedoch keiner dabei, der sich gestern oder vorgestern eingeschleimt hat.

Matthäus: "Das Ende einer Ehe ist eine Niederlage"

Frage: Sie leben jetzt mit der Russin Anas­tasia in fünfter Ehe. Wie sehen Sie die unter dem Stichwort Familie?

Matthäus: Ehe ist Familie. Ab dem Moment, wo man die Ehe eingeht, wo man sie lebt. Meine Eltern waren 65 Jahre verheiratet, haben eiserne Hochzeit gefeiert. Das schaffe ich nicht mehr. Dennoch waren meine Lebensabschnitte immer Familie mit Herz, mit Liebe, mit Leidenschaft, mit Gefühlen. Und zwar zu 100 Prozent.

Anastasia und Lothar Matthäus bei einem Charity-Empfang
Anastasia und Lothar Matthäus bei einem Charity-Empfang © Imago

Frage: Bereuen Sie im Nachhinein irgend­etwas?

Matthäus: Das Ende einer Ehe ist eine Niederlage. Man geht hinein wie in ein Fußballspiel. Man will gewinnen. Man geht die Ehe ein, weil man dran glaubt. Das Wichtigste für mich ist, dass ich auch heute noch für mich in den Spiegel gucken und sagen kann: "Hör zu, es hat zwar nicht funktioniert. Du hast dein Ziel nicht erreicht. Aber du hast dich immer ehrlich und korrekt verhalten." Das waren Lebenserfahrungen. Hat nicht sollen sein, aus unterschiedlichsten Gründen. Trotz gescheiterter Champions-League-Endspiele, trotz gescheiterter Ehen bin ich mit meinem Leben sehr zufrieden.