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Das Werben um Ralf Rangnick verkommt zur Schalker Schlammschlacht. Es geht nicht nur um eine gute Idee, sondern um Einfluss und Posten.

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Eigentlich war es ein guter Vorschlag, den Aufsichtsratsmitglied Stefan Gesenhues vergangenen Freitag dem Gremium von Schalke 04 vortrug: Ralf Rangnick als neuen Sport-Vorstand zu gewinnen. Den Rückkehrer als Heilsbringer. 

Der Vorschlag kam im Aufsichtsrat jedoch zunächst nicht gut an. Und ab da lief auf Schalke so ziemlich alles aus dem Ruder – wieder einmal. 

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Gesenhues und eine anonyme Gruppe einflussreicher Schalker suchten ohne offizielles Mandat des Vereins den Kontakt zu Rangnick. Aufsichtsratsboss Jens Buchta fühlt sich hintergangen und droht Gesenhues mit dem Ausschluss aus dem Verein. 

Die Neuausrichtung des designierten Absteigers wird zur öffentlichen Schlammschlacht. Es geht nicht nur um das Wohl des Traditionsklubs, sondern um Macht und Posten. Und Rangnick muss sich fragen: Tut er sich das wirklich an? 

SPORT1 beleuchtet die Protagonisten und ihre jeweiligen Rollen. 

Jens Buchta – der Aufsichtsratsboss

Seit 2006 ist der Rechtsanwalt im Schalker Aufsichtsrat. Jahrelang galt er als Vertrauter von Clemens Tönnies, übernahm im Vorjahr dessen Amt. 

Im Gegensatz zu Tönnies benötigt Buchta nicht das große Rampenlicht. Am Montag suchte er jedoch den Weg in die Öffentlichkeit.

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"Man muss sich das einfach mal vorstellen: Da hat eine nicht-legitimierte Gruppe mit Rangnick gesprochen und ihm im Namen des Vereins ein Angebot gemacht. Das ist ein klarer Verstoß gegen ordnungs- und satzungsgemäße Abläufe und gegen die Absprachen, die wir im Aufsichtsrat haben", sagte er der Süddeutschen Zeitung

Buchtas Ärger ist aus den Zeilen deutlich heraus zu lesen und auch nachzuvollziehen. Zumal Buchtas Wunschkandidat Markus Krösche bei all den Schalker Indiskretionen am Sonntag eine Absage erteilte. Krösche will lieber Sportdirektor bei RB Leipzig bleiben, auch das kann man verstehen. 

Buchta ist inzwischen zu Gesprächen mit Rangnick bereit, der öffentlich zunehmende Druck dürfte dabei eine Rolle spielen. "Es geht jetzt darum, ob und wie eine Tätigkeit von Ralf Rangnick zu realisieren wäre. Man muss gucken: Gibt es eine Machbarkeit, gerade finanzieller Natur, oder nicht", sagte Buchta. 

Stefan Gesenhues – der Erneuerer

Dem 66 Jahre alten Professor für Innere und Allgemeinmedizin wird durchaus Fußballkompetenz zugesprochen. 

Gesenhues weiß eine bislang unbekannte Gruppe einflussreicher Schalker aus Wirtschaft und Politik hinter sich, dazu gehören auch Sponsoren.

An diesem Dienstag will die Gruppe erneut zusammenkommen, nach SPORT1-Informationen ist für Mittwoch eine Verlautbarung angedacht. Es ist wahrscheinlich, dass sich die handelnden Akteure mehr aus der Deckung wagen.

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Die gute Absicht hinter dem Vorhaben, Rangnick nach Schalke zurück zu lotsten, mag man Gesenhues und seinen Vertrauten nicht absprechen. 

Aber es geht um mehr, es geht auch um Einfluss im mächtigen Schalker Aufsichtsrat.

Die nächste Mitgliederversammlung ist für den 13. Juni geplant. Dann werden fünf Mitglieder neu gewählt, fünf weitere werden von Abteilungen, Fans und Sponsoren entsandt. 

"Drei Mitglieder dieser Gruppe sind interessiert daran, bei der nächsten Mitgliederversammlung in den Aufsichtsrat gewählt zu werden", sagte Buchta. 

Gesenhues hat sein mit dem Verein nicht abgestimmtes und öffentlich durchgesickertes Vorpreschen bei Rangnick inzwischen zumindest bedauert. "Dass sich meine Kollegen im Aufsichtsrat überrumpelt gefühlt haben, kann ich im Nachhinein verstehen. Das tut mir leid. Ich bin sehr daran interessiert, dass wir jetzt alle an einen Tisch kommen", sagte er den Zeitungen der Funke-Mediengruppe

Ralf Rangnick – der erhoffte Heilsbringer 

Noch ist nicht klar, was Rangnick mehr reizt: Joachim Löw als Bundestrainer zu beerben oder die Wiederaufbauarbeit bei seinem Herzensverein? 

"In erster Linie würde er gerne Bundestrainer sein", sagte Rangnicks Berater Marc Kosicke im SPORT1-Interview

Eine Rückkehr von Rangnick nach Schalke klingt da wesentlich vager. Sein Klient sei "von einer Gruppe sehr, sehr leidenschaftlicher Menschen aus dem Schalker Umfeld" gefragt worden, "ob er sich das nochmal vorstellen könnte, zu S04 zurückzukehren und dem Verein dabei zu helfen, zu alter Kraft zu finden", erklärte Kosicke: "Da hat er gesagt 'Wenn alle Rahmenbedingungen stimmen, könnte er sich das vorstellen'."

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Als Trainer hat Rangnick bereits zweimal erfolgreich auf Schalke erfolgreich gearbeitet. 2011 löste er seinen Vertrag bei den Königsblauen wegen eines Burnout-Syndroms auf. 

Dass er Vereine nachhaltig nach oben führen kann, hat er in Hoffenheim und Leipzig eindrucksvoll bewiesen. Dort war die finanzielle Situation aber eine völlig andere als auf Schalke. 200 Millionen Euro Schulden und ein geplanter Mini-Etat für die 2. Liga sind neben einer leblosen Mannschaft nicht die besten Voraussetzungen für einen Neubeginn.

Kosicke erklärte, Rangnick werde in seine Entscheidung einfließen lassen, wo er "am meisten Support" verspüre. Auf der einen Seite haben Schalkes Fans mit Spruchbändern und in einer Online-Petition bereits ihre Zustimmung für Rangnick ausgedrückt. Und Rangnick soll bereit sein für das gleiche Gehalt wie Jochen Schneider die Verantwortung zu übernehmen. Die Rede ist von einem Vertrag über fünf Jahre.

Auf der anderen Seite dürfte der Zoff im Aufsichtsrat nicht gerade das beste Lockmittel für Rangnick sein.

Am Ende droht Schalke, mit leeren Händen da zu stehen – und wieder einmal mit reichlich zerschlagenem Porzellan.