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München - Ist der Schiri-Bonus für den FC Bayern eine Erfindung schlechter Verlierer? Der Verdacht liegt nahe - aber Wissenschaftler kamen zu anderen Ergebnissen.

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"Isso." - "Isso." - "Ist einfach so."

Marco Reus sagte diese Worte auf Reporter-Nachfrage immer und immer wieder. Keine Diskussion zulässig, keine Diskussion nötig.

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Hätte nicht Leroy Sané seinen Teamkollegen Emre Can umgerempelt, sondern ein Spieler von Borussia Dortmund einen des FC Bayern München: Schiedsrichter Marco Fritz hätte abgepfiffen. Der BVB-Kapitän war sicher, dass Fritz' Bewertung des Zweikampfs, der Leon Goretzkas Tor zum 3:2 vorausging, entscheidend dazu beitrug, dass sein Team schließlich mit 2:4 verlor.

Einmal mehr also hatte die Fußball-Nation einen Anlass, eine altbekannte Frage neu zu diskutieren: Der mittlerweile mythisch aufgeladene "Bayern-Bonus" (nicht zu verwechseln mit Bayern-Dusel) - gibt es ihn wirklich oder nicht? (KOMMENTAR: Reus hat recht - und liegt doch so falsch)

Bayern-Bonus real oder nicht? Die Meinungen sind gespalten

Was manche überraschen mag: So sehr der Rekordmeister auch polarisiert, eine Mehrheit der Fans tendiert zu der Meinung, dass dieser Bonus nicht existiert.

In der SPORT1-Frage der Woche des CHECK24 Doppelpass entschieden sich - Stand Sonntagabend, 18 Uhr - 62 Prozent der über 45.000 Abstimmenden für die Option: Nein, Bayern wird nicht bevorzugt.

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Und auch bei den Experten im Dopa herrschte Skepsis. "Wenig Substanz" sah Kommentatoren-Legende Marcel Reif in Reus' Vorwurf, der frühere Gladbach-Trainer André Schubert sprach von einer "Wahrnehmungssache", der frühere Bayern-Spieler und Hertha-Manager Dieter Hoeneß wunderte sich vor allem, dass Reus "gerade aus der Szene" eine solche These ableitete.

Im Gespräch mit SPORT1 weisen auch zwei langjährige Bundesliga-Schiedsrichter darauf hin, dass sie wie Fritz entschieden hätten.

"Ich hätte genau so entschieden. Neutral argumentiert, ist das kein Foul, sondern ein handelsüblicher Zweikampf. Natürlich setzt Sané den Körper ein, aber wir spielen Fußball!", sagt der frühere FIFA-Referee Torsten Kinhöfer. Auch Dr. Jochen Drees - als Projektleiter Videobeweis weiterhin in verantwortlicher Rolle beim DFB - sieht es so: "Auch einen Pfiff von Marco Fritz hätte man akzeptieren können, ich fand Weiterspielen aber die bessere Variante."

Reus' Behauptung, dass jeder Schiedsrichter die Szene unter umgekehrten Vorzeichen definitiv anders gesehen hätte, ist höchst fragwürdig. Ein genauerer Blick auf das Thema Bayern-Bonus offenbart dennoch: Es ist ein Fehler, ihn nur als Stammtisch-Märchen abzutun, das Neider und schlechte Verlierer in die Welt gesetzt haben.

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Wissenschaftliche Studien fanden Belege

Die Frage, ob Schiedsrichter in strittigen Situationen im Zweifel für Bayern pfeifen, war inzwischen schon mehrfach Thema in wissenschaftlichen Untersuchungen - mit bemerkenswerten Ergebnissen.

Ein Arbeitspapier der Uni Münster etwa verglich in der Saison 2008/09 die Spiele der Bayern, des VfB Stuttgart und von Hertha BSC, die damals direkte Tabellennachbarn der Münchner waren.

Ergebnis: Elfmeter, Gelbe und Rote Karten, Freistöße oder Eckstöße - in fünf von sechs Kategorien profitierten die Bayern am häufigsten von Fehlpfiffen. Das Forscherteam sah die "imageinduzierte Bevorteilung des FCB" damit zwar nicht als zweifelsfrei erwiesen, aber auch keinesfalls als widerlegt an.

Im Jahr 2016 schürfte eine Erhebung, an der unter anderem der Frankfurter Wirtschaftsprofessor Eberhard Feess beteiligt war, noch etwas tiefer und das Bild wurde klarer: Eine systematische Auswertung strittiger Spielsituationen anhand von Zahlen des Datendienstleisters Deltatre ergab eindeutige Bevorzugungen bestimmter Teams, unter anderem auch der Bayern.

Etablierte Klubs werden überdurchschnittlich oft bevorzugt

"Wenn wir uns Spiele von Bayern München anschauen - und dabei Elfmeter und Tore, die nicht gegeben wurden, die man aber hätte geben müssen - dann stellen wir fest, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es den Gegner der Bayern betrifft, um rund 40 Prozent größer ist, als dass es Bayern München selbst betrifft", sagte Feess damals SPORT1.

Prof. Dr. Eberhard Feess untersuchte das Thema Bayern-Bonus wissenschaftlich
Prof. Dr. Eberhard Feess untersuchte das Thema Bayern-Bonus wissenschaftlich © Imago

Zu beachten ist aber: Die Untersuchung der Frankfurt School of Finance & Management war nicht nur auf das Thema "Bayern-Bonus" beschränkt. Sie wies auch nach, dass generell etablierte Teams mit großem Namen, die in der ewigen Tabelle der Bundesliga weit vorn waren, deutlich häufiger von strittigen oder klar falschen Schiedsrichterentscheidungen profitierten als kleine Vereine mit weniger Erstliga-Tradition. "Es ist eine Image-Sache, die losgelöst ist von der aktuellen Stärke", erklärte Feess.

Auch Heimmannschaften und Teams, in deren Partien am Saisonende noch etwas auf dem Spiel steht, sind überdurchschnittlich oft vom Schiri-Glück begünstigt.

Es gibt auch einen BVB-Bonus

Das Phänomen ist also vielschichtiger - und als Zweiter der ewigen Tabelle profitiert auch der BVB davon. Das Reizwort "BVB-Bonus" (oder auch "Werder-Bonus", "Gladbach-Bonus") ist dennoch kein annähernd so großes Diskussionsthema. Was daran liegen wird, dass die Bayern eben das Team sind, das die meisten bewegt, in die eine oder andere Richtung.

"Wenn Freiburg gegen Hoffenheim spielt und Freiburg hat einen Bonus, dann findet man die Freiburger Mannschaft sympathisch und alles ist prima - weil sie fast keine Neider haben", sagt Kinhöfer.

Und wie sehr das Bonus-Phänomen das Liga-Geschehen beeinflusst, ist auch variabel: In dieser Saison zeigen die aktuellen Zahlen von Deltatre, dass die Bayern bei wesentlichen Schiri-Fehlentscheidungen zu Toren, Elfmetern und Platzverweisen häufiger benachteiligt als bevorzugt worden waren.

Diese Beobachtung stützt die Meinung von Drees, der sagt: "Dass der Tabellenstand eine Rolle spielt bei Bewertungen, dass da 50:50-Entscheidungen immer in dieselbe Richtung gehen, würde ich ausschließen."

Schiris sind unbewusst beeinflusst - selbst von Trikotfarben

Generell weiß Drees aber, dass äußere Einflüsse bei Schiedsrichter-Entscheidungen immer ein Faktor sein können und jeder Unparteiische sich das bewusst machen muss.

"Ich bin es immer so angegangen, dass ich mich auf die Farben der Mannschaften konzentriert habe, da hat dann bei mir grün gegen gelb gespielt, rot gegen blau", sagt der 50-Jährige.

Nach seiner Erfahrung sei es "meist das Beste, wenn Schiedsrichter ihrem ersten Impuls folgen, wie eine Szene zu bewerten ist. Die spontanen Entscheidungen sind dann häufig auch die richtigen - und sie reduzieren auch die äußeren und inneren Einflüsse, die eine Entscheidung beeinträchtigen können. Ich rate jungen Schiedsrichtern, sich auf die Devise 'Wahrnehmen und Entscheiden' zu besinnen."