Norbert Nigbur (FC Schalke 04) mit seiner Frau Alexandra und den Hunden
Norbert Nigbur (FC Schalke 04) mit seiner Frau Alexandra und den Hunden © Imago
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SPORT1-Kolumnist Ben Redelings blickt wöchentlich auf die kuriosesten, lustigsten und unterhaltsamsten Highlights der Ligageschichte zurück.

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"Beim Geschäft hörte er keinen Pfiff!"

Das war die Schlagzeile am Montag danach. Und mit "er" war der Torhüter des FC Schalke 04 gemeint. Norbert Nigbur hatte in der Partie des vierten Spieltags der Saison 1974/75 für ein absolutes Novum und eine der kuriosesten Geschichten der Bundesligageschichte gesorgt.

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Denn als der Schiedsrichter Volker Roth an diesem Tag auf der Baustelle Ruhrstadion an der Castroper Straße die zweite Halbzeit anpfiff, war der königsblaue Keeper nicht auf dem Feld. Doch das bemerkte erst einmal niemand.

Fast ein Ding der Unmöglichkeit möchte man meinen - doch genau so war es. 29.800 Zuschauer sahen damals die Begegnung zwischen dem VfL Bochum und dem FC Schalke 04. Nach Toren von Rüdiger Abramczik für die Königsblauen und Werner Balte für den VfL stand es zur Pause 1:1.

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"Sie haben ihn in der Toilette eingeschlossen"

Und dann passierte es. Viele Jahre später erinnert sich VfL-Torjäger Jupp Kaczor immer noch genau an diese unglaublichen Minuten: "Wir hatten nach der Halbzeit Anstoß, ich krieg den Ball zugespielt, und auf einmal ein Aufschrei im Stadion, als wenn ich ein Tor gemacht hätte. Ich hab gedacht, die freuen sich, weil ich den Ball gut gestoppt hab. Ich spielte den Knicker weiter, und da sah ich aus den Augenwinkeln, wie der Nigbur aufs Feld gerannt kam und in sein Tor hetzte. Hinterher haben wir erfahren, dass sie ihn in der Toilette eingeschlossen hatten."

Das behauptete wenigstens anschließend ein Mitspieler von Kaczor. Der gab kleinlaut zu Protokoll, dass er beim Verlassen der eigenen Kabine an der von den Schalkern vorbeigekommen sei und kurzerhand den Schlüssel - der von außen steckte - im Schloss herumdrehte.

Warum er das tat, wusste er angeblich hinterher auch nicht mehr so genau. Doch um die Geschichte noch kurioser zu machen: In Norbert Nigburs Versionen der abenteuerlichen Story war nie die Rede von einer verschlossenen Tür. Der Schalker Torwart legte viel mehr Wert auf ein anderes Detail. Allerdings erst in einer zweiten Variante der Geschichte.

Unterschiedliche Versionen des Vorfalls

Denn zuerst klang seine Version des unglücklichen Vorfalls so: "In der Pause ging ich auf die Toilette, wo ich mich relativ lange aufhielt. Als ich zurückkam, waren die Mannschaften schon auf dem Feld. Rolf Rüssmann stand völlig entsetzt im Tor, weil der Schiedsrichter schon angepfiffen hatte. Als ich alleine aufs Feld wollte, wurde ich von einem Polizisten angehalten: "Hier kommt niemand durch!" Erst als ich ihm klarmachte, dass ich der Schalker Torhüter wäre, ließ er mich mit einem skeptischen Blick passieren. Die Leute haben furchtbar gelacht, und der Schiedsrichter machte sich hinterher die größten Vorwürfe."

Schalke spielte minutenlang ohne Torwart Norbert Nigbur
In seiner Autobiografie schilderte Norbert Nigbur die Geschichte etwas anders © Imago

In seiner legendären Autobiografie "Wie ich wurde, was ich bin" (dazu später noch ein paar extra Worte) beschrieb Nigbur genau zwei Jahre nach dem spektakulären Vorfall von Bochum die Vorkommnisse dann schließlich etwas anders. Wichtig war ihm dabei besonders, dass er nicht etwa sein "Geschäft" erledigt, sondern sich um seinen lädierten Knöchel gekümmert habe. Und dafür habe er sich in die "hinterste Abteilung" der Kabine begeben.

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Doch lesen wir die Worte Nigburs (er schreibt tatsächlich in der dritten Person von sich) selbst: "Über die Behandlung des Beines merkte er gar nicht, dass es mit einem Mal so still wurde in der Kabine. Dann fiel ihm aber doch die Ruhe auf. Er ging nach vorn. Alles leer. Was war das denn. Sollte ... Ja, und da stand ein Eisverkäufer, schaute verdutzt, als er Nigbur erkannte und sagte: Die zweite Halbzeit hat vor ein paar Minuten begonnen."

Schalke minutenlang ohne Torwart

Und tatsächlich: Der VfL Bochum spielte minutenlang gegen eine Mannschaft ohne Torwart - und bemerkte es nicht einmal. Und so schossen die Blau-Weißen in dieser Zeit natürlich auch kein Tor. Eine Sache, die viele Spieler des VfL bis heute nicht ganz verwunden haben. Mit einem Schmunzeln im Gesicht ducken sie sich weg, wenn sich die Kollegen früherer Tage gemeinsam an diesen kuriosen Nachmittag im Sommer 1974 im Bochumer Stadion an der Castroper Straße erinnern.

Übrigens: Die Autobiografie von Norbert Nigbur ist deshalb so legendär, weil sie der Schalker Torhüter kurz nach der Auslieferung höchstpersönlich gleich wieder komplett aufgekauft hat. Der Grund dafür war recht einfach: Nigbur hatte mitten in der Blüte seiner Karriere ziemlich dick aufgetragen und fürchtete nun um den Fortgang seiner Laufbahn. Seine Schilderungen über sich in der dritten Person ("Ich werde über mich wie über einen Fremden berichten") hatten es aber auch in der Tat an der einen oder anderen Stelle in sich.

Bis heute haben nur ganz wenige Exemplare des Werks vereinzelt den Weg in Antiquariate geschafft – und werden dort dann zu Höchstpreisen gehandelt.

Ben Redelings wurde 1975 im Flutlichtschatten des Bochumer Ruhrstadions geboren und ist Experte für die unterhaltsamen Momente des Fußballs. Das Buch zur SPORT1-Serie ist ein gern gelesener Bestseller: "Best of Bundesliga: Die lustigsten Legenden des deutschen Fußballs". Als SPORT1-Kolumnist schreibt Ben regelmäßig über die "Legenden des Fußballs" und "Best of Bundesliga".