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München - André Breitenreiter schaffte mit Schalke 04 einst die Qualifikation für die Europa League. Aktuell ist er ohne Job und spricht jetzt offen wie selten zuvor.

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Erfolgsgarant André Breitenreiter!

2014 gelang dem Fußballlehrer mit dem SC Paderborn der erste Bundesliga-Aufstieg der Vereinsgeschichte. 2015 wurde er Trainer von Schalke 04 und schaffte mit den Königsblauen nicht nur den besten Saisonstart seit 50 Jahren, sondern auch die Qualifikation für die Europa League.

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Dennoch musste er wenig später gehen. 2017 übernahm er Hannover 96 und stieg ebenfalls in die 1. Liga auf. 2019 war für ihn aber auch an der Leine Schluss.

Seit zwei Jahren wartet der 47-Jährige nun auf eine neue Herausforderung - und ist bereit wie nie, wie er im SPORT1-Interview sagt.

SPORT1: Herr Breitenreiter, Sie sind seit Januar 2019 raus aus dem Geschäft. Wie schwer ist es, so lange ohne Job zu sein?

André Breitenreiter: Das ist in der Tat eine lange Zeit, aber ich war in dieser Zeit nicht untätig. Ich habe mir diese Auszeit bewusst genommen, um mich um familiäre Angelegenheiten zu kümmern. Im Anschluss daran war es mir wichtig, meine bisherigen Stationen zu reflektieren und Entscheidungen zu treffen, damit ich für einen Neustart gut aufgestellt bin.

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SPORT1: Beginnt man da nicht zu grübeln?

Breitenreiter: Bei vergangenen Trainerwechseln habe ich mich schon manchmal gefragt, warum ich nicht einer der konkreten Kandidaten bin. Meine Vita liest sich eigentlich ganz positiv und bei meinen bisherigen Stationen habe ich erfolgreich gearbeitet. Demzufolge bin ich auch ins Grübeln gekommen, aber ich versuche, immer positiv nach vorne zu schauen und mich weiterzuentwickeln, in dem ich aus meinen Fehlern, die ich gemacht habe, lerne.

Breitenreiter: Auf Schalke wollte ich zu schnell zu viel

SPORT1: Welche Fehler haben Sie denn gemacht?

Breitenreiter: Auf Schalke war ich beispielsweise zu ungeduldig und wollte zu schnell zu viel. Ich bin jemand, der genau beobachtet und analysiert. Wenn mir was auffällt, spreche ich es an und möchte es im Sinne des Vereins verändern. Der Erfolg steht für mich an oberster Stelle. Das bedeutet manchmal, dass Dinge verändert werden müssen. Mit dieser Vorgehensweise habe ich mir auf Schalke nicht nur Freunde gemacht, auch wenn ich aus voller Überzeugung gehandelt habe. Mit den Erfahrungen würde ich heute diese Themen diplomatischer angehen.

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SPORT1: Sie haben es anfangs schon angesprochen. Sie mussten privat einiges verarbeiten. Wie schwer war das für Sie?

Breitenreiter: Ich möchte eigentlich nicht näher darauf eingehen, aber zu der Zeit war der Fußball für mich zweitrangig. Im Jahr 2019 ist meine Mutter verstorben und kurze Zeit später musste mein Vater, der seit 15 Demenz krank ist, aufgrund des Verlustes meiner Mutter ins Heim. Ich habe in der Zeit alle Anfragen für ein neues Engagement abgesagt. Ich hätte damals keinen neuen Klub übernehmen können, weil meine Familie über allem steht. Ich habe meinen Eltern alles zu verdanken. Nach diesem emotionalen Jahr kam plötzlich die Corona-Pandemie. Es gab auch in der Zeit eine Möglichkeit, einen Verein zu übernehmen, aber ich war nicht zu 100 Prozent überzeugt. Jetzt habe ich mich neu aufgestellt, bekomme neue Impulse und bin offen für eine neue Herausforderung.

"Als Belohnung gab es Currywurst mit Pommes"

SPORT1: Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Eltern?
 
Breitenreiter: Wir sind eine Fußballer-Familie und meine Brüder stehen wie eine eins hinter mir. Als ich in der Jugend gespielt habe, hat mein Papa jedes einzelne Tor festgehalten und mir für jedes Spiel Noten gegeben. Als Belohnung gab es Currywurst mit Pommes (lacht). Dass ich Profi geworden bin, verdanke ich nur meiner Familie. Meine Eltern haben mich überall hingefahren und mich bedingungslos unterstützt.

SPORT1: Bekommt man in solch schweren privaten Zeiten einen anderen Blick auf den Fußball?

Breitenreiter: Absolut. Auch die Corona-Zeit, in der man in seiner Freiheit eingeschränkt ist, zeigt, dass es wichtigere Dinge als den Fußball gibt, obwohl ich diesen Sport liebe und ihm viel zu verdanken habe. Wir werden erst nach Beendigung der Pandemie erfahren, ob unsere Demut gegenüber eigentlich selbstverständlichen Dingen bleibt, oder ob wir alles wieder vergessen.

SPORT1: Glauben Sie wirklich, dass sich dauerhaft etwas ändern wird?

Breitenreiter: Ich hoffe es, denke aber auch, dass das 'business as usual' weitergeht. Das Tempo im Fußball ist extrem und man vergisst sehr schnell. Es gab in der Vergangenheit besonders schlimme Momente, nach denen man sich versprochen hat, respektvoller miteinander umzugehen. Geändert hat sich nur kurzzeitig etwas, ehe es wie gewohnt weiterging. Egal, ob Sieg oder Niederlage, wir dürfen niemals den Respekt voreinander verlieren.

SPORT1: Ist der Druck und die Angst vor Fehlern im Fußballgeschäft inzwischen zu groß?

Breitenreiter: Das hat mit Angst nichts zu tun. Man macht es sich allerdings einfacher, wenn man sich nach Schema F verhält. Ich habe mich meinungsstark geäußert und das ist mir oft genug auf die Füße gefallen. Es ist aber meine Überzeugung, im Sinne der Sache zu handeln und Entscheidungen zu treffen, die dem Wohl des Gesamten dienen. Da bedarf es kontroverser Diskussionen innerhalb eines Vereins. Unbequem kommt nicht immer gut an.

SPORT: Können Sie ein Beispiel nennen, als Sie mal richtig etwas um die Ohren bekommen haben, weil Sie unbequem waren?

Breitenreiter: Es gab mal eine Situation bei einem Verein, da ging es um die Platzpflege. Die Platzwarte hatten die Aufgabe, den Rasen regelmäßig zu mähen, was eigentlich selbstverständlich sein sollte. Es hat aber nicht so funktioniert, wie wir es monatelang besprochen hatten. Dann habe ich selbst das Gespräch mit den Verantwortlichen gesucht und unmissverständlich klar gemacht, was ich davon halte. Es kam natürlich nicht gut an, dass ich die Wohlfühl-Oase aufgerüttelt habe. Man sollte immer sein Bestes geben. Diesen Eindruck hatte ich nicht. Ich bin jemand, der sich schnell identifizieren kann und Dinge optimieren möchte, die aus meiner Sicht zum Erfolg führen.

SPORT1-Reporter Reinhard Franke (l.) traf sich in München mit Andre Breitenreiter zum Interview.
SPORT1-Reporter Reinhard Franke (l.) traf sich in München mit Andre Breitenreiter zum Interview. © Reinhard Franke

"Bester Saisonstart seit 50 Jahren"

SPORT1: Ist Ihnen das immer gelungen?

Breitenreiter: Ich denke schon. Identifikation ist ein großes Wort. Es gibt unter Spielern und Trainern die Wappenküsser, die beim erstbesten Angebot den Verein wechseln, obwohl sie vorher ewige Treue geschworen haben. Ich versuche schon vor einem Engagement, die Menschen in der Region zu verstehen. Ich konnte bei meinen Stationen schnell eine Aufbruchstimmung erzeugen. Wir hatten auf Schalke zum Beispiel den besten Saisonstart seit 50 Jahren.

SPORT1: Am Ende mussten sie dennoch gehen, wie viel Kraft hat Sie Schalke gekostet?

Breitenreiter: In der Rückrunde hat mich das definitiv Kraft gekostet. Ich halte mich schon für einen stabilen Menschen und halte viel aus, aber die persönliche Stimmungsmache gegen mich habe ich mir sehr zu Herzen genommen und an mich heran gelassen. Wir haben eine richtig gute Saison gespielt, da habe ich das nicht verstanden und empfand es als extrem unfair. Ich habe mich auf einmal mit anderen Dingen beschäftigt und dadurch den Fokus für das Wesentliche verloren. Schalke war für mich ein großer Lernprozess. (Spielplan und Ergebnisse der Bundesliga)

Breitenreiter: Bushido hat mir geholfen

SPORT1: Wie sehr hat Sie das mitgenommen?

Breitenreiter: Wie gesagt, habe ich das an mich ran gelassen und unnötige Energien verbrannt. Wenn ich zum Beispiel von Gelsenkirchen zur Familie nach Hause gefahren bin, habe ich im Auto auf jeder Fahrt immer ganz laut den Song "Alles wird gut" von Bushido gehört. Ich kenne ihn auswendig. Der Text dieses Liedes spiegelte meine Situation auf Schalke wider. So konnte ich im Auto auch Frust ablassen.

SPORT1: Sind da auch Tränen geflossen?

Breitenreiter: So schlimm war es nicht, aber aufgeregt hat es mich einfach, weil es meinem Befinden nach nicht gerecht war. Tränen gab es bei meinem letzten Spiel gegen Hoffenheim, weil das Team mir in der Mannschaftsbesprechung so viel Wertschätzung entgegengebracht hat. Einige Jungs meinten nur 'Trainer, wir regeln das heute für Sie'. Da bekomme ich jetzt noch Gänsehaut. Einige Spieler melden sich heute noch bei mir und das zeigt mir, dass ich menschlich vieles richtig gemacht habe.

SPORT1: Wenn Schalke im Sommer noch mal den Trainer wechseln würde, wären Sie bereit, zu helfen?

Breitenreiter: Schalke wird alles versuchen, um die Klasse zu halten. Aber klar, der Klub ist zu einer Herzensangelegenheit geworden und wenn Schalke irgendwann mal anruft, würde ich nie auflegen. Erstmal wünsche ich Dimitrios Grammozis und den aktuell handelnden Personen besten Erfolg, wieder positive Schlagzeilen zu schreiben. (Die Tabelle der Bundesliga)

SPORT1: Das heißt aber, sie hätten sich Schalke auf jeden Fall noch mal zugetraut, wenn man Sie zuletzt gefragt hätte?

Breitenreiter: Ganz klar ja, aus emotionaler Sicht. Schalke 04 ist ein ganz besonderer Verein. Ich habe gespürt, wie sehr die Menschen diesen Klub leben und lieben. Das war wirklich einzigartig und das verinnerlicht man ganz schnell. Die fehlenden Fans im Stadion sind auch ein Mosaiksteinchen für den drohenden Abstieg. Aber um die Frage zu beantworten, müssten auch hier Anspruch und Realität klar definiert sein, um erfolgreich arbeiten zu können.

Schalker Jubel nach dem Siegtor mit Trainer Andre Breitenreiter
Schalker Jubel nach dem Siegtor mit Trainer Andre Breitenreiter (FC Schalke 04) © Imago

SPORT1: Für welchen Fußball stehen Sie?

Breitenreiter: Die Art und Weise des Spiels ist zunächst einmal abhängig von den Spielern, die mir zur Verfügung stehen. Grundsätzlich stehe ich für eine offensiv ausgerichtete Spielphilosophie mit hoher Intensität.

SPORT1: Was bedeutet das im Detail?

Breitenreiter: Meine Mannschaften haben variabel und attraktiv in den Grundordnungen gespielt, um für die Gegner schwer ausrechenbar zu sein. Offensiv sollen meine Teams im Positionsspiel mit den einstudierten Abläufen und Automatismen aktiv agieren und wenn möglich dem Gegner den Stempel aufdrücken. Ich möchte darüber hinaus den Ball aktiv erobern, das heißt zum Beispiel im Gegenpressing oder hoch im Angriffspressing den Gegner unter Druck setzen, um kurze Wege zum Tor zu haben. Das schnelle vertikale Umschaltspiel mit dem Ziel, Tore zu erzielen, zeichnen meine Mannschaften aus.

SPORT1: Welcher Trainer imponiert Ihnen eigentlich?

Breitenreiter: Heutzutage sollten Trainer ganzheitlich denken und alle Phasen des Spiels bedienen können, indem sie die Mannschaften und ihr Agieren darauf inhaltlich vorbereiten. Da kann man keine Kopie eines anderen Trainers sein. Felix Magath war zum Beispiel während meiner aktiven Karriere für mich ein Trainer, bei dem ich viel mitgenommen habe bezüglich Fitness, Fairness und Leistungsbereitschaft. Magath war beim Hamburger SV immer korrekt und hat nur nach Leistung aufgestellt. Wenn ich als junger Bursche gut trainiert habe, hatte ich gute Chancen zu spielen. Das hat mir imponiert. Ich hatte einige Top-Trainer, von denen man natürlich die gut empfundenen Dinge aufsaugt und in seine eigene Trainer-Philosophie einfließen lässt.

SPORT1: Sie haben sich neu aufgestellt, sagten Sie. Was wollten Sie unbedingt an sich ändern, um ganz vorne in der Reihe zu stehen?

Breitenreiter: Ich habe die Zeit gebraucht, um alles zu reflektieren und auch kritisch zu hinterfragen. Trotz der Erfolge mit zwei Bundesliga-Aufstiegen und der Teilnahme an der Europa League mit Schalke, die ja für mich und mein Umfeld sprechen, habe ich die Situation neu bewertet und mich für einen Neuanfang entschieden. Manchmal bedarf es Veränderungen, um neue Impulse für den nächsten Schritt zuzulassen. Ich stehe ja insbesondere auch für die Entwicklung junger Spieler, deren Weg ich begleiten durfte und die dann durchgestartet sind. 

André Breitenreiter (l.) war in der Saison 2015/2016 auf Schalke der Trainer von Klaas-Jan Huntelaar
André Breitenreiter (l.) war in der Saison 2015/2016 auf Schalke der Trainer von Klaas-Jan Huntelaar © Imago

"Seine Entwicklung ist kein Zufall"

SPORT1: Zwei dieser Spieler sind Leon Goretzka und Leroy Sane, die Sie auf Schalke hatten.

Breitenreiter: Leon kam damals aus einer langen Verletzung zurück und wurde nach unserem gemeinsamen Jahr wieder Nationalspieler. Leroy kam aus der U19 hoch und spielte unter mir sein erstes komplettes Jahr im Herrenbereich. Zu beiden habe ich heute noch Kontakt und das finde ich richtig schön. Leon ist ein extrem wissbegieriger und leistungsbereiter Spieler, ein Leader-Typ. Wenn er verletzungsfrei bleibt, ist er ein Kandidat als Kapitän für die Nationalmannschaft. Seine Entwicklung ist kein Zufall. Leroy ist ein anderer Typ, findet gerade wieder seinen Rhythmus nach der langen, schweren Verletzung und ist in einer guten Phase. Er ist ein herzensguter Junge, hat meinem Sohn zum Geburtstag ein Trikot geschenkt. Beide sind total normal geblieben. Leroy wird sich wie Leon bei Bayern durchsetzen.

SPORT1: Sie hatten Anfragen, haben Sie bewusst auf bessere Klubs gewartet?

Breitenreiter: Das wichtigste Kriterium ist für mich immer, dass die Überzeugung bei mir und auch beim Klub zu 100 Prozent da ist. Des Weiteren sind realistische Zielsetzungen unter den vorhandenen Voraussetzungen notwendig, um erfolgreich arbeiten zu können. Das war bisher bei den Anfragen nicht immer der Fall. Ich habe Angebote aus dem Ausland abgesagt, zum Beispiel der Türkei, Russland oder Tschechien, weil bei den entsprechenden Vereinen die sprachlichen Kenntnisse nicht ausgereicht hätten, um meine Art der Begeisterung und Philosophie auf ein Team übertragen zu können. Ich verlasse mich ungern auf einen Dolmetscher in der Landessprache. Dennoch bin ich auch offen für das Ausland, spreche gutes Englisch und bräuchte auch bei meinen Französisch-Kenntnissen nicht lange, um wieder fließend zu sprechen. Ich bin davon überzeugt, dass sich die richtige Chance bald ergeben wird.

SPORT1: Sind Sie in der Bundesliga noch nicht fertig?

Breitenreiter: Ich habe insgesamt noch viel vor und reduziere mich nicht auf die Bundesliga. Ich bin auch offen für ambitionierte Zweitligisten, ich muss einfach ein gutes Gefühl haben. Mein persönliches Ziel war es immer, als verantwortlicher Trainer die Champions-League-Hymne zu hören. Mit Schalke war ich kurz davor. Nun muss ich vielleicht erstmal einen Schritt zurückgehen, um auf mich wieder aufmerksam zu machen, aber das Ziel verliere ich nicht aus den Augen.