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München - Sven Mislintat überwarf sich beim BVB mit Thomas Tuchel. Im CHECK24 Doppelpass erklärt der Stuttgart-Sportdirektor, wieso beide nicht mehr zusammenarbeiten werden.

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Sven Mislintat und der VfB Stuttgart – bisher ist das eine einzige Erfolgsgeschichte.

Seit April 2019 ist der 48-Jährige mit dem Spitznamen "Diamantenauge" Sportdirektor bei den Schwaben. In der vergangenen Saison gelang den Schwaben der Wiederaufstieg in die Bundesliga. Nach 16 von 34 Spieltagen liegt Stuttgart mit 22 Punkten auf Rang zehn, hat zehn Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz. Am Samstag kamen die Schwaben dank eines umstrittenen Elfmeters in der Nachspielzeit zu einem 2:2 gegen Borussia Mönchengladbach. (Ergebnisse und Spielplan der Bundesliga)

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Gemeinsam mit dem Vorstandsvorsitzenden Thomas Hitzlsperger und Trainer Pellegrino Matarazzo hat Mislintat ein Team zusammengestellt, dass erfrischenden Offensivfußball spielt und mit einigen jungen, hochtalentierten Spielern bestückt ist.

Mislintat lobt Matarazzo: "Macht herausragenden Job"

Doch es braucht nicht nur talentierte Spieler, sondern auch den passenden Trainer, der das Potenzial aus diesen herauskitzelt. "Wir haben einen herausragenden Trainer, der extrem gut mit allen und individualisiert mit ihnen arbeitet. Er gibt ihnen Vertrauen und erklärt ihnen, wo ihre Potenziale sind. Pellegrino Matarazzo macht da einen herausragenden Job", lobte Mislintat den US-Amerikaner im CHECK24 Doppelpass. (Tabelle der Bundesliga)

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Als Spieler spielte Mislintat selbst nie oberklassig. Von 2006 bis 2017 arbeitete er beim BVB, zunächst als Scout, später als Chefscout und Direktor Profifußball. Mit seinem guten Gespür und exzellenten Scouting hatte er einen wesentlichen Anteil am Dortmunder Höhenflug, der in den Meistertiteln 2011 und 2012 gipfelte.

"Ich hatte bei Dortmund das Glück, mit Michael Zorc und Jürgen Klopp zusammenarbeiten zu dürfen. Ich glaube, dass diese beiden Mentoren der ganz entscheidende Faktor waren für das ganze Team. Das bin ja nicht nur ich, sondern da steckte ein Team dahinter, in dem ich mich einbringen durfte", erklärte Mislintat das Erfolgsgeheimnis.

Er gab auch einen Einblick in die Arbeitsweise beim Scouting. "Es geht darum, dass man auch mutige Entscheidungen trifft und sich von Marketing löst. Dazu gehört offene Kommunikation. Dann kann man Talente überprüfen und verpflichten. Wir waren sowohl beim BVB sehr wenige – maximal zehn, die alles gemacht machen. Beim VfB sind es fünf bis sechs. Wobei Analyse hier nochmal gesondert ist, das ist gewachsen in der Zeit."

Tuchel nicht der Grund für Mislintat-Abschied

Eine von Mislintats Entdeckungen beim BVB war Ousmane Dembélé. Der damals 19 Jahre alte Franzose wechselte 2016 für 15 Millionen Euro nach Dortmund. Nur ein Jahr später ging er zum FC Barcelona und brachte den Dortmundern weit über 100 Millionen ein. "Dembélé wollten auch andere verpflichten. Da hatten wir das Glück, dass wir ein Jahr eher als alle anderen an ihm dran waren und somit schon ein Vertrauensverhältnis aufbauen konnten", erzählte Mislintat.

Ein Disput mit dem damaligen Trainer Thomas Tuchel soll verantwortlich für Mislintats Abschied in Dortmund gewesen sein. Sie sollen sich wegen einer Verpflichtung von Oliver Torres überworfen haben.

Dem widersprach der VfB-Sportdirektor im Doppelpass jedoch. "Es gab um einen Spieler unterschiedliche Auffassungen. Wir hatten in meinen Augen klare Aussagen gemacht, dass wir ihn verpflichten", erklärte Mislintat. Dann wurde intern allerdings gesagt, dass der Spieler doch nicht verpflichtet werde. Ein Unding für Mislintat. "Wenn ich eine Hand schüttele, dann gilt das für mich", stellte er klar.

Transfers wie Dembélé oder Raphael Guerreiro seien in der Zeit nach dem sogenannten Streit abgelaufen. "Wir hatten eine deutlich unterschiedliche Meinung, aber es sind noch sehr viele gute Dinge danach passiert." Im Nachhinein könne man Dinge immer besser machen. Aber er habe sie damals akzeptiert, sonst hätte er nicht noch zwei Jahre in dem Verein gearbeitet.

VfB-Streit als Belastung? "Können das ausblenden"

Er habe ja auch noch unter Tuchels Nachfolger Peter Bosz einige Monate für den BVB weitergearbeitet. "Ich hatte keinen Grund wegen Thomas Tuchel, den Verein zu verlassen. Das muss ich hier mal klarstellen", betonte Mislintat.  

Dennoch wird es wohl keine weitere Zusammenarbeit von Mislintat und Tuchel geben. "Es gibt keine Probleme und es ist keine Feindschaft. Wir hatten extrem unterschiedliche Auffassungen, die dafür sorgen, dass wir wohl nicht mehr zusammenarbeiten. Aber wir hatten zwischendrin schon Kontakt und man sagt sich ganz normal 'Hallo'", erklärte der VfB-Sportdirektor sein Verhältnis zu Tuchel.

Im Herbst 2017 folgte ein überraschender Wechsel zum FC Arsenal. Es habe in seiner Entscheidung nicht "den einen Grund, den BVB zu verlassen, sondern viele Gründe, sich zu verändern", gegeben.

Bei den Gunners fungierte er von Ende 2017 bis Anfang 2019 als Leiter der Scoutingabteilung, bevor es ihn zurück nach Deutschland verschlug. Mit dem VfB fing er dann an, Erfolgsgeschichte zu schreiben.

Diese wird aktuell allerdings von vereinspolitischen Streitigkeiten überschattet. Hitzlsperger will Präsident werden, griff in einem öffentlichen Schreiben Amtsinhaber Claus Vogt an. Dass diese Streitigkeiten den sportlichen Erfolg beeinflussen könnten, glaubt Mislintat nicht. "Wir, die wir für den Sport zuständig sind, können das komplett ausblenden. Unser Trainer hat das gestern im Interview schön gesagt: Auf einer Skala von eins bis zehn belastet ihn das null. Auf das Spiel selbst und die Kabine hat das keinerlei Einfluss."

BVB-Rückkehr? So sieht Mislintat seine Zukunft

Hitzslperger hat für seinen Vorstoß viel Kritik einstecken müssen. Mislintat sprang ihm zur Seite. "Für mich hat Thomas die Glaubwürdigkeit, dass es ihm nicht um Macht geht. Es gibt Probleme und die müssen sie intern lösen. Thomas hat sich für die Wortwahl im Brief entschuldigt und das darf man ihm auch abnehmen" erklärte er.

Mislintats Zukunft liegt weiter beim VfB, vor wenigen Wochen verlängerte er nach intensiven Verhandlungen seinen Vertrag bis 2023. "Die Kompetenzen, die ich heute habe, sollten verschriftlicht werden", erklärte er den Grund für die sich hinziehenden Verhandlungen.

Es habe ein, zwei Themen gegeben, wo er sportlich die Verantwortung haben wolle. Da ginge es nicht um Alleinherrschaft, sondern um Einstimmigkeit. "Die war im vorherigen Vertrag nicht gegeben. Heute kann keine Entscheidung mehr getroffen werden, ohne mich zu fragen. Das war alles. Als das gegeben war, habe ich unterschrieben."

Eine Rückkehr zu seinem Herzensklub BVB kommt für Mislintat aktuell nicht in Frage. "Es ist eine spannende Frage, weil ich in Dortmund geboren bin. Aber wenn ich mir diese Gruppe aktuell so anschaue, das hat schon Ähnlichkeiten mit dem, was in Dortmund passiert ist. Dann fühle ich mich in diesem Klub, mit allen politischen Dissonanzen, die so stattfinden, so wohl, dass das keine Alternative ist."

Es spricht also vieles dafür, dass die Erfolgsgeschichte Mislintat und VfB noch eine Weile andauern könnte.