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Mainz - Mr. Mainz ist wieder da. Im SPORT1-Interview erklärt Christian Heidel wie er wieder Mainzer Geist schaffen will und warum er mit einer 91-Jährigen per WhatsApp schreibt.

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Mr. Mainz ist wieder da.

Nach seinem letztlich trotz einer Vizemeisterschaft misslungenen Abstecher zum FC Schalke 04 ist Christian Heidel zurück bei seinem FSV Mainz 05. Als starker Mann soll er den kriselnden Klub wieder in die Spur bringen und in der Bundesliga halten - unter anderem auch gegen seinen ebenfalls akut abstiegsbedrohten Ex-Verein.

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Im SPORT1-Interview erklärt Heidel, wo er ansetzt, wie er wieder einen Mainzer Geist schaffen will, und warum er mit einer 91-Jährigen per WhatsApp schreibt.

SPORT1: Herr Heidel, eine 91-jährige Dame will wieder bei Mainz 05 eintreten, weil Sie da sind. Hatten Sie schon Kontakt zu der netten Dame?   

Christian Heidel: Ja, ich habe mit ihr WhatsApp geschrieben. Das geht auch im hohen Alter noch. Ich habe ihr versprochen: Wenn der Mitgliedsausweis hergestellt ist, werde ich ihn auch persönlich vorbeibringen. Ich finde das eine ganz nette Geschichte. Wir brauchen jeden Fan, ob er drei Jahre alt ist oder eben 91.

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Heidel: "Ich kann keine Tore schießen"

SPORT1: Ist da ein Stück Glaube zurück, ist da ein Stück Herz zurück, ist da ein Stück 05 zurück? 

Heidel: Das müssen andere beurteilen. Bei mir weiß jeder, dass ich in dieser Stadt geboren bin, über 50 Jahre hier gelebt habe, und im Endeffekt ja fast jeden persönlich kenne. Das konnte man von den Leuten anschließend ja gar nicht erwarten. Jetzt ist vielleicht so ein bisschen der Glaube da: 'Es war früher ja alles recht erfolgreich. Das klappt jetzt alles wieder.' Da bremse ich immer ein bisschen, das muss ich gleich dazu sagen. Ich kann keine Tore schießen. Aber ich glaube, wir haben hinbekommen, dass jetzt wieder mehr gemeinsam gesprochen und gemeinsam gehandelt wird. Denn nur so hast du im Abstiegskampf eine Chance. 

SPORT1: Sie wussten früher genau, wie man die Leute begeistern kann. Jetzt, wo keine Leute mehr im Stadion sind: Wie kann man die Leute zurückkriegen zu Mainz 05?  

Heidel: Das ist eine ganz große Herausforderung. Da fehlt uns allen ein bisschen die Erfahrung, weil wir so etwas ja noch nie hatten. Mir hat man zumindest schon gesagt, die Stimmung habe sich schon gedreht. Ich habe versucht, den Leuten zu erklären, dass wir uns jetzt einfach wie Mainzer verhalten müssen. Fan zu sein, wenn man erfolgreich ist, ist sehr leicht. Fan zu sein, wenn es kritische Situationen gibt, das ist die wahre Größe. Ich glaube, dass das die Leute jetzt auch verstanden haben. Es geht jetzt nur gemeinsam, ohne dass wir eine Garantie haben, am Ende erfolgreich zu sein.

SPORT1: Was wäre ein Erfolg für Mainz 05? 

Heidel: Solange ich bei Mainz 05 bin und wir in der Bundesliga waren, haben wir immer gesagt: Erfolg ist immer, wenn Mainz seinen Bundesliga-Vertrag um ein Jahr verlängert, wie auch immer. Das wird unsere große Aufgabe sein. Und wenn es am Ende Platz 16 ist und wir müssen in die Relegation, dann ist es - wenn man Stand heute nimmt mit sechs Punkten Tabellenletzter - auch schon ein Erfolg. Wenn es weiter nach oben gehen sollte, wäre das ganz, ganz prima. Aber ich glaube, man muss sich zunächst einmal kleine Ziele setzen. Wir müssen irgendwie versuchen, in den nächsten Wochen und Monaten auf einen Platz zu kommen, der nicht 18 und 17 heißt.

Abstieg für Mainz? "...dann muss man es akzeptieren"

SPORT1: Sie haben jahrzehntelang mit der Mainz-Familie Klassenkampf geführt. Ob in der 1. oder 2. Liga. Ist das jetzt dennoch das dickste Brett, das sie bohren müssen? 

Heidel: Es wurde mal gesagt, mit sechs Punkten nach 14 Spieltagen ist bislang jede Mannschaft abgestiegen. Daran erkennt man, wie schwer diese Aufgabe ist. Man wächst an seinen Aufgaben, das hoffe ich zumindest. Das, was wir hier im Verein vorleben wollen, muss die Mannschaft verstehen. Wenn wir das schaffen sollten, hätten wir sicherlich Großes erreicht.

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SPORT1: Heute ist nicht alle Tage, wir kommen wieder - keine Frage?

Heidel: Ich hoffe nicht, dass wir das am letzten Spieltag sagen müssen. Das hat damals Jürgen Klopp nach dem letzten Spiel gegen Mönchengladbach 2007 gesagt, obwohl wir 3:0 gewonnen haben. Sollte es so kommen, dann muss man es akzeptieren. Ich kann mich erinnern, als wir 2005 aufgestiegen sind, da dachten wir, dass wir maximal ein Jahr in der Bundesliga sind. Und daraus wurden viele, viele Jahre. Es wird unsere Aufgabe sein, sollte es runtergehen, alles dafür zu tun, dass wir in die Bundesliga zurückkehren. Aber auch ich weiß, wie schwierig das ist.

SPORT1: Wie schwer würde ein Abstieg bei den Fans aufgenommen werden? 

Heidel: Inzwischen sind wir keine drei Jahre mehr in der Bundesliga, sondern 13 oder 14 Jahre. Wir sind ein etablierter Bundesligist geworden, und dann wird natürlich ein Abstieg anders wahrgenommen, als wenn du die kleine Maus bist. Aber im Endeffekt wird es darauf ankommen, was wir in diesem halben Jahr machen. Die Reaktion der Zuschauer, sollte es schief gehen, wird sehr davon abhängen, wie man sich verkauft hat. Haben wir uns mit allem, was wir haben, gegen diesen Abstieg gewehrt? Wenn ja, dann werden es uns die Leute verzeihen. Wenn wir uns aber abschießen lassen - was ich nicht glaube - dann wären die Reaktionen natürlich ganz andere, und das könnte ich auch nachvollziehen. 

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Heidel holt sich Rat von Klopp

SPORT1: Die Erwartungshaltung an Sie in Mainz ist riesig. Sie haben nicht umsonst den Spitznamen "Don". Haben Sie sich vor Ihrer Rückkehr Rat geholt - zum Beispiel von Jürgen Klopp?

Heidel: Wir telefonieren fast jede Woche miteinander. Ich habe auch mit ihm darüber gesprochen, aber im Endeffekt musste ich das selbst entscheiden. Ich habe immer wieder gesagt: Hätte mir einer vor vier Wochen gesagt, dass ich hier heute im Büro von Mainz 05 sitze, ich hätte ihn für verrückt erklärt. Das war nie geplant, nie Teil meiner Lebensplanung. Das ist dann auf einmal in zwei Wochen über mich gekommen. Natürlich habe ich mir das sehr gut überlegt, man kann ja auch einiges verlieren, aber ich konnte mich irgendwann fast nicht mehr wehren, weil alle auf mich zugekommen sind. Es hat mich dann auch gereizt. Ich will das versuchen, mit vielen guten Leuten hier bei Mainz 05, das Ding noch mal zu wuppen, ohne dass ich da eine Garantie geben kann. Und ich finde es auch sehr nett, wenn die Leute glauben, der Heidel kommt zurück, alles funktioniert wieder, aber ich bin kein Zauberer. Das Einzige, was wir tun können, ist hart arbeiten, sodass die Leute erkennen, wir tun alles. Alleine schaffen wir es nicht. Wir schaffen es immer nur gemeinsam. 

SPORT1: Was bringt es, im Vorherein festzulegen, dass der Trainer definitiv bis zum Saisonende bleibt? 

Heidel: Damit umgeht man eine Reihe von Diskussionen, die immer kommen würden, sollte es nicht so gut laufen. Da braucht bei uns gar keiner mit anfangen. Wir ziehen diese Geschichte jetzt so durch. Das ist von allen auch so gewollt. Ohne dass wir eine Garantie geben können, dass es am Ende reichen wird. Sollte es nicht reichen, dann gehen wir mit der Konstellation in die Zweite Liga. Ich habe in vielen Jahren gelernt, dass Kontinuität, wenn die Qualität stimmt, das Beste ist.

SPORT1: Wie wollen Sie die Bedeutung, die Mainz 05 für die Stadt hat, den Spielern vermitteln? 

Heidel: Ich bin kein Freund davon, dass einer zwei Tage in Mainz und dann schon ein echter Mainzer ist. Das kann er gar nicht sein. Damit ist der Junge komplett überfordert. Was wir aber erwarten können, ist, dass sie für diesen Verein, diese Stadt, diese Region fußballerisch alles geben, was möglich ist. Und dass es sich lohnt, für die Menschen alles zu geben. Weil, wenn man es dann geschafft hat, das sind dann in Mainz schon Feierlichkeiten, das haben die Spieler wahrscheinlich selten erlebt. Und das muss das große Ziel und der Ansporn für die Spieler sein. 

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"Klopp und Tuchel hatten auch keine Erstliga-Erfahrung"

SPORT1: Ist es ein Problem, dass viele Ihrer Spieler nichts mit Mainz am Hut haben? 

Heidel: Das ist ja nicht nur bei Mainz 05 so, das ist ja inzwischen bei allen Vereinen so. Nationalität und Hautfarbe spielen keine Rolle. Nur mal als Beispiel. Wenn man heute die Leute auf der Straße in Mainz fragt, wer ist echter Mainzer, dann kommt Elkin Soto. Der ist Kolumbianer. Also, das hat damit nichts zu tun. Es geht mir darum, wie sich die Jungs mit der Sache hier identifizieren. Deswegen müssen sie keine Fastnachtskappe aufziehen. Die Leute müssen einfach nur das Gefühl haben, hier zerreißt sich einer für diesen Verein und diese Stadt. Sicherlich sollten ein paar Deutsche dabei sein, aber der Fußball ist global. Es geht immer nur darum, wie ich mich mit der Sache, die ich mache, identifiziere. Deswegen verlange ich von keinem Spieler, dass er morgen auf dem Rosenmontagsumzug grölend durch die Stadt läuft - der im Endeffekt sowieso nicht stattfindet.

SPORT1: Ihr Trainer hat keine Erstligaerfahrung. Ist das ein Fluch oder Segen?

Heidel: Das kann man ja an der Vergangenheit messen. Wie oft wir in Mainz Trainer geholt haben, die keine Erstligaerfahrung hatten: Jürgen Klopp, Thomas Tuchel, Martin Schmidt, Sandro Schwarz, die hatten alle keine Erstligaerfahrung, aber sie sind alle gute Trainer. Auch bei Bo Svensson bin ich überzeugt, dass er ein sehr guter Trainer ist, dass er genau der Richtige für Mainz ist, auch wenn es eine schwierige Situation ist. 

SPORT1: Ist Svensson eher ein zweiter Klopp oder ein zweiter Tuchel? 

Heidel: Jeder Trainer in Mainz wird immer mit den beiden verglichen. Das Schönste wäre doch, wenn es eine Symbiose aus beidem ist. Ich habe in seinem letzten aktiven Jahr oftmals auf der Bank neben ihm gegessen, wenn er nicht in der ersten Elf war, und ich habe damals schon immer gespürt, da ist ein kommender Trainer. Was er reingerufen hat, wie er sich präsentiert hat, wie er analysiert hat, Chapeau! Ich habe ihm nach Abschluss seiner Karriere immer dazu geraten: 'Du musst Trainer werden!' Ich habe ihm dann auch sofort einen Vertrag für drei Jahre gegeben, weil ich immer das Gefühl hatte, hier entsteht ein Trainer. Aber man sollte ihn jetzt nicht mit Klopp oder Tuchel vergleichen, das ist Bo Svensson und er kann er sich hier, genau wie die vorher genannten Trainer, frei entfalten. Ich habe das Gefühl, dass aus Bo ein richtig guter Bundesliga-Trainer werden wird. 

SPORT1: Wie süffisant oder auch brisant ist es für Sie, dass mit Schalke auch Ihr Ex-Klub im Tabellenkeller feststeckt? 

Heidel: Damit beschäftige ich mich überhaupt nicht. Auf Schalke beschäftigt man sich damit wohl auch nicht. Unser beider Ziel wird sein, am Ende über dem Strich zu stehen. Als Allererstes wünsche ich mir, dass Mainz 05 über dem Stricht steht. Danach folgt Schalke 04, weil ich immer noch viele Sympathien und Freunde auf Schalke habe. Aber das beeinflusst unser Tun überhaupt nicht.