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München - Mit dem Aus von Bruno Labbadia bei Hertha BSC muss auch Michael Preetz seinen Hut nehmen. SPORT1 blickt zurück auf die Amtszeit des Ex-Geschäftsführers.

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Tabula rasa beim "Big City Club"!

Nach der enttäuschenden 1:4-Niederlage gegen Werder Bremen zogen die Verantwortlichen bei Hertha BSC die Notbremse. Trainer Bruno Labbadia musste gehen. Doch damit nicht genug. Auch Geschäftsführer Sport und Kommunikation, Michael Preetz, musste seinen Hut nehmen.

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Mit Blick auf die Entwicklung in der vergangenen wie der aktuellen Spielzeit sei man zu dem Entschluss gekommen, diese Position "für die Zukunft neu zu besetzen", wurde Berlins Präsident Werner Gegenbauer zitiert.

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Mit dem Aus von Preetz endet eine Ära beim Hauptstadtklub. Der 53-Jährige selbst zeigte sich "unglaublich dankbar" für die vielen Jahre, die er mit seinem Herzensverein erleben durfte. Insgesamt waren es fast 25 Jahre, die Preetz bei der Hertha verbrachte. (Die Tabelle der Bundesliga)

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Preetz rund 25 Jahre bei Hertha aktiv

Von 1996 bis 2003 schnürte der ehemalige Stürmer für die Hertha die Fußballschuhe, hatte mit seinen Toren großen Anteil am Bundesliga-Aufstieg 1997. Mit 108 Treffern ist Preetz noch heute Rekordtorschütze des Klubs.

Nach seiner aktiven Karriere blieb er den Berlinern in andere Funktion erhalten, zunächst von 2003 bis 2009 als Assistent der Geschäftsführung, ab 2009 folgte er dann als Geschäftsführer Sport Dieter Hoeneß nach.

Nun ist also Schluss für Preetz. Die jüngste Talfahrt, die die Berliner tief in den Abstiegskampf zog und schließlich in der Entlassung von Labbadia mündete, beförderte auch Preetz mit in den Abgrund. Schon vor dem Spiel gegen Bremen hatten sich gut 200 Anhänger vor dem Berliner Olympiastadion formiert und den Rücktritt der Klub-Ikone gefordert.

"Wenn du mit so einer Mannschaft, mit solchen Investitionen unten drinstehst, stehst du in der Verantwortung", erklärte Manager-Legende Reiner Calmund im CHECK24 Doppelpass. SPORT1-Experte Stefan Effenberg pflichtete ihm bei: "Wenn man die Möglichkeit hat, 120 Millionen zu investieren und dann stellt man den Kader so zusammen, dass man gegen den Abstieg spielt, dann muss man die Konsequenzen ziehen. Das ist im Fußball so."

In seinen elfeinhalb Jahren als Geschäftstführer wollte Preetz vor allem eines erreichen: Kontinuität. Doch diese gab es bei der Alten Dame viel zu selten. Insgesamt verschliss Preetz eine zweistellige Anzahl an Cheftrainern, im Schnitt also gut einen Trainer pro Saison.

Favre-Entlassung zu Beginn der Amtszeit

Eine seiner wichtigsten, aber auch schwierigsten Entscheidungen musste Preetz gleich wenige Monate nach Beginn seiner Amtszeit als Geschäftsführer im September 2009 treffen: die Entlassung von Lucien Favre.

Der Schweizer hatte mit den Berlinern in der Vorsaison zwischenzeitlich auf Meisterkurs gelegen, belegte am Ende der Saison den – damals nicht zur Champions League berechtigenden – vierten Platz.

Doch der Saisonstart misslang, die Berliner verloren sechs Spiele in Serie. Dazu kam noch der öffentliche Wutausbruch von Favres Co-Trainer Harald Gämperle ("Hertha hatte noch nie einen fachlich guten Trainer wie jetzt"). So sah sich Preetz nach kurzer Zeit im Amt bereits zum Handeln gezwungen.

Für Favre übernahm Friedhelm Funkel, der konnte den GAU allerdings nicht verhindern. Hertha stieg als Europa-League-Teilnehmer in die 2. Bundesliga ab. Unter Nachfolger Markus Babbel gelang den Berlinern zwar der sofortige Wiederaufstieg, Kontinuität brachte jedoch auch er nicht in die Hauptstadt.

Nach insgesamt eineinhalb Jahren musste auch Babbel gehen, sein Nachfolger Michael Skibbe floppte und wurde bereits nach zwei Monaten wieder entlassen. So war es an Trainerlegende Otto Rehhagel, den erneuten Abstieg zu verhindern. Doch auch "Rehakles" scheiterte, nach verlorenem Relegations-Duell mit Fortuna Düsseldorf musste Berlin erneut den Gang in die Zweitklassigkeit antreten.

Kritik an Preetz gab es in Berlin auch damals schon, er wurde für den zweimaligen Abstieg verantwortlich gemacht. Konsequenzen hatte es aber für ihn nicht.

Dardai bringt Preetz Kontinuität

Mit Rehhagels Nachfolger Jos Lukukay kehrte dann erstmals die von Preetz geforderte Kontinuität in Berlin ein. Der Niederländer schaffte den erneuten Wiederaufstieg, war rund zweieinhalb Jahre Übungsleiter der Berliner, bevor er – ebenfalls in Abstiegsnot – gehen musste.

Für ihn übernahm im Februar 2015 mit Pal Dardai der Trainer, der nach SPORT1-Informationen nach der Labbadia-Entlassung bis zum Sommer wieder übernehmen soll. Kein Wunder: Unter Dardai erlebte Hertha seine erfolgreichste, weil konstanteste Phase unter Preetz.

Viereinhalb Jahre stand der Ungar an der Seitenlinie, führte die Berliner zweimal in die Europa League (in der Hertha einmal allerdings in der Qualifikation scheiterte). Nach Ende seiner Amtszeit 2019 rückte er zurück ins zweite Glied, der ehemalige Spieler ist aktuell Nachwuchstrainer der Herthaner.

Mit dem Ende der Amtszeit Dardais begann das Chaos bei den Berlinern erst so richtig. Im Sommer 2019 kündigte Finanzinvestor Lars Windhorst an, Hertha mit Hilfe seiner finanziellen Unterstützung zu einem internationalen Spitzenklub machen zu wollen. Mit seiner Tennor Holding erwarb er Anteile am Hauptstadtklub und pumpte seitdem über 200 Millionen Euro in den Klub. Der Spitzname "Big City Club" war geboren.

Im Sommer 2019 ging Hertha dann auf große Einkaufstour. Über 100 Millionen Euro investierte Preetz in neue Spieler. Auch in Sachen Trainer dachte man in Berlin plötzlich groß. Nach dem gescheiterten Experiment mit Dardai-Nachfolger Ante Covic (ebenfalls ein ehemaliger Spieler) wurde auf Windhorsts Wunsch Ende 2019 Jürgen Klinsmann geholt.

Klinsmann-Abgang mit einem Knall

Der ehemalige Bundestrainer entfachte die Euphorie in Berlin von Neuem und ließ von Höherem träumen. Während sich Klinsmann angriffslustig zeigte und trotz der prekären Tabellensituation von Europa sprach, war Preetz bemüht, den Hype nicht zu groß werden zu lassen.

Das Projekt Klinsmann scheiterte nach wenigen Wochen krachend, er trat im Februar 2020 unter großem Knall zurück. Wenig später gelangte ein brisantes Tagebuch an die Öffentlichkeit, in dem er dem Kader der Berliner jegliche Qualität absprach. In der Spielpause aufgrund der Corona-Pandemie übernahm dann Labbadia und führte den Klub auf Rang zehn.

Nach einer erneuten Investition von über 30 Millionen Euro sollte in dieser Saison der ersehnte Schritt nach vorn gelingen. Doch es kam anders. Spielerische Entwicklung? Fehlanzeige. Auch die Zusammensetzung des Kaders wird von vielen kritisch gesehen – und die fällt eben in den Verantwortungsbereich von Preetz.

"Jetzt wurde viel Geld investiert, trotzdem steht man unten drin. Aber noch schlimmer ist: Die spielen wie die Pflaumen. Da ist man als Manager verantwortlich", erklärte Calmund im CHECK24 Doppelpass. (Spielplan und Ergebnisse der Bundesliga)

Im Gegensatz zu vergangenen Jahren hatte Preetz seit dem Windhorst-Einstieg 2019 plötzlich viel Geld zur Verfügung, um einen Kader zu basteln, der den neuen Ansprüchen – weg von der Grauen Maus und hin zum "Big City Club" gerecht wird. 

Daran ist er letztlich gescheitert.