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München - Hertha BSC hat den Reset-Knopf gedrückt. Pal Dardai ist zurück. Der Ex-Herthaner Maik Franz spricht bei SPORT1 schonungslos über die Krise bei der Alten Dame.

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Maik Franz scheute früher auf dem Platz keinen Zweikampf. Nicht ohne Grund bekam er den Spitznamen "Iron-Maik“. Auch mit seiner Meinung hielt er nie hinterm Berg.
 
Von 2011 bis 2014 stand er bei Hertha BSC unter Vertrag. Berlin ist und bleibt seine Stadt, dort lebt der 39-Jährige auch heute. Seinen Ex-Klub hat er daher genau im Blick.
 
Vor dem Spiel der Hertha bei seinem anderen Ex-Klub Eintracht Frankfurt (Bundesliga: Eintracht Frankfurt - Hertha BSC, Sa., ab 15.30 Uhr im LIVETICKER) spricht Franz im SPORT1-Interview schonungslos über die Situation bei den Berlinern. (Tabelle der Bundesliga

SPORT1: Herr Franz, Bruno Labbadia ist nach nicht mal einem Jahr wieder Geschichte bei der Hertha. Was sagen Sie dazu?
 
Maik Franz: Erstmal finde ich es sehr schade, aber es war der große Schnitt, der meiner Meinung nach auch notwendig war. Man hat einfach keine Euphorie und Energie mehr gespürt. Ich wohne in Berlin und diese gewünschte Aufbruchstimmung hat sich leider nicht mehr eingestellt. Im Gegensatz zu Union, die es vorzüglich machen. So ein Neuanfang kann Kräfte freisetzen, wenn ich auch sagen muss, dass es für Bruno echt schade ist. In meinen Augen ist er ein richtig guter Trainer, sehr fleißig und immer nah am Team. Aber dieses Gesamtkonstrukt hat leider nicht mehr gepasst. Es war der richtige Zeitpunkt zu reagieren.
 
SPORT1: Am Anfang hat es prima geklappt...
 
Franz: Da hat Bruno gleich eine Siegesserie hingelegt. Man darf nicht nur ihm die Schuld geben. Ich war selber in Magdeburg Sportdirektor und weiß, dass nicht jeder Transfer sitzen kann, aber wenn man sieht, wie viel Geld investiert wurde, dann muss ich sagen, dass die Verantwortlichen an den Windhorst-Millionen gescheitert sind. Ich verfolge den Verein intensiv und 2018 hieß es noch "Michael Preetz, das Goldhändchen", weil er unter anderem Spieler wie Javairo Dilrosun (von der U23 von Manchester City, Karim Rekik, Marvin Plattenhardt, Jordan Torunarigha, Niklas Stark und Arne Maier geholt hat. Da hatte jeder einen niedrigen Marktwert und dann sind sie förmlich explodiert. Damals war das ein sehr interessanter Weg und als Hertha-Fan konnte man sich damit identifizieren. Dann wurde Anthony Brooks für 20 Millionen verkauft, Mitchell Weiser, der ablösefrei kam, wurde für zwölf Millionen Euro verkauft. Es wurden richtig gute Transfers getätigt.

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SPORT1: Warum ging die Kurve dann nach unten?
 
Franz: Dann kam Lars Windhorst. Immerhin wurden seit 2019 knapp 130 Millionen Euro ausgegeben. Wenn man jetzt aber sieht, wo die Hertha steht, dann bleibt festzuhalten, dass man am großen Geld gescheitert ist. Spieler wie Jhon Cordoba, Dodi Lukebakio, Krzsztof Piatek oder Lucas Tusart - da hat jeder um die 20 Millionen gekostet. Das sind Summen, die vor einigen Jahren für Hertha niemals möglich gewesen wären. Man muss bilanzieren, dass andere Sportdirektoren wie Fredi Bobic, Max Eberl oder Ralf Rangnick einfach ein besseres Händchen bei solchen Transfers hatten. Fußball ist und bleibt ein absoluter Ergebnis-Sport und die Resultate haben am Ende nicht mehr gepasst.

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SPORT1: Wieder ein Beispiel, dass ein Investor einem Verein nicht immer gut tut?
 
Franz: Das nicht. Welcher Klub-Boss sagt denn, dass man keine guten Spieler holen möchte? Herr Preetz hat mit Matheus Cunha, der 18 Millionen Euro gekostet hat, oder Alexander Schwolow, der für knapp acht Millionen Euro aus Freiburg kam, auch richtig gute Transfers gemacht. Aber wenn man Spieler wie Lukebakio oder Piatek für zig Millionen Euro holt und die dann nicht auf dem Platz stehen oder teilweise nicht mal im Kader sind, dann ist das schon kurios. Ich glaube nicht, dass ein Investor unbedingt schadet, aber Windhorsts Millionen haben Preetz kein Glück gebracht. Auch, wenn viele Fans das nicht gerne hören, aber man muss nur mal nach Leipzig schauen, die machen das seit Jahren richtig gut. Das ist ein Team. An Leipzig kann man sich dahingehend ein Beispiel nehmen. Hertha hat individuelle Klasse, aber momentan gefühlt keine intakte Mannschaft.

Maik Franz (r.) spielte in der Bundesliga für den VfL Wolfsburg, Karsruher SC, Eintracht Frankfurt und Hertha BSC
Maik Franz (r.) spielte in der Bundesliga für den VfL Wolfsburg, Karsruher SC, Eintracht Frankfurt und Hertha BSC © Getty Images


 
SPORT1: Warum ist Pal Dardai jetzt der Richtige?
 
Franz: Pal ist immer geradeaus und sagt seine Meinung einfach frei raus. Er hat die Alte Dame in den Europacup geführt. 2015/2016 war man auf Platz sechs, ein Jahr später auf Platz sieben. Das war damals ein super Weg. Doch das höchste der Gefühle war davor und danach der zehnte Rang. Pal hat ganz klar die Qualität, er kennt Hertha, kennt die Stadt und ist Fan-Liebling. Zusammen mit Zecke (Neuendorf, Anmerkung der Redaktion) kann das eine richtig gute Mischung werden. Zecke ist Berlin pur und eine lebende Legende. Wenn sie diesen Spirit auf das Team übertragen können, dann kann das super funktionieren. Ich drücke beiden ganz fest die Daumen. Beide stehen wie kein anderer für Hertha BSC. Es wird wichtig sein, eine Euphorie zu entfachen. Ich traue ihnen das zu 100 Prozent zu.

SPORT1: Dardai hat eine Klausel in seinem Vertrag. Er muss 1,5 Punkte holen, um in die nächste Saison gehen zu dürfen. Ist man doch nicht vollends überzeugt von ihm?
 
Franz: Ich glaube, dass beide Seiten da relativ entspannt sind. Pal war vier Jahre bei der Hertha Bundesligatrainer, fühlt sich pudelwohl in Berlin, seine Söhne sind da groß geworden, Bence und Marton spielen im Verein. Das mit der Klausel sollte man nicht höher hängen, als es muss. Ich denke sie haben eine faire Lösung gefunden. Sie müssen ja irgendwas zu Papier bringen. Dass Pal das Bestmögliche für sich rausholen will, ist klar und dass die Bosse den Daumen drauf haben, auch. Das ist das Profigeschäft.
 
SPORT1: Preetz konnte sich in der Vergangenheit oft der schützenden Hand von Hertha-Präsident Werner Gegenbauer sicher sein. Welche Fehler hat der frühere Manager gemacht?
 
Franz: Er hat mich geholt (lacht laut), doch leider hatte ich bei der Hertha großes Verletzungspech, aber das weiß man natürlich vorher nicht. Klar hat auch er Fehler gemacht. Er ist zwei Mal mit Hertha abgestiegen und bekam von Herrn Gegenbauer weiter das Vertrauen ausgesprochen, was ich gut fand. Warum sollte er Herrn Preetz gleich vor die Tür setzen, man hatte eine Vision, doch diese konnte nicht vollendet werden. Preetz war als Spieler eine Legende, war Toptorjäger und hat auch viel Gutes gemacht. Dass man es in den zurückliegenden beiden Jahren nicht geschafft hat mit dem vielen Geld mehr Ertrag zu erzeugen, ist aber auch ein Fakt. Ich denke, dass war der Hauptkritikpunkt, über den Herr Preetz gestolpert ist. Das ist schade, aber schlussendlich wird im Profisport jeder an Ergebnissen gemessen. 

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SPORT1: Glauben Sie, dass Preetz auch woanders funktionieren kann? Er war ja gefühlt immer bei Hertha BSC.
 
Franz: Hundertprozentig. Vielleicht wirkt es manchmal nicht so, aber er kann Spieler in Gesprächen mitreißen, euphorisieren und überzeugen. Wie damals bei mir. Ich war total happy, dass es mit der Hertha geklappt hat. Leider hat es nicht so funktioniert, aber Preetz ist sehr eloquent und weiß, wie Fußball funktioniert. Ich hatte und habe Respekt vor ihm, weil er in allen Bereichen viel Erfahrung hat. Zwölf Jahre Manager bei der Hertha das muss man erstmal schaffen. Er will das jetzt sicher erstmal sacken lassen, wird definitiv einen neuen Klub finden und wird das auch gut machen.
 
SPORT1: Oft wird von Herthas Strahlkraft gesprochen. Was macht die mit einem?
 
Franz: Ganz ehrlich, ich war damals zwei Wochen da und war verliebt in diese Stadt. Berlin ist unsere Hauptstadt, eine Big City in Europa und alleine damit kannst du Spieler zum Verein locken. Dieser Slogan Big City Club hat schon was. Bis jetzt ist es nur selten gelungen die Energie dieser Stadt in den Verein zu übertragen. Es wird viel versucht, aber noch ist Hertha kein Big City Club. Dennoch bin ich der Meinung, dass dieser Klub überragende Möglichkeiten bietet.

SPORT1: Big City Club hat eher erdrückt, täuscht der Eindruck?
 
Franz: Schwierig zu beurteilen. Ich finde, dass Jürgen Klinsmann auch positive Sachen bewirkt hat. Natürlich war sein Abgang nicht ideal, das kann man sicherlich besser lösen, aber er hat es geschafft, dass die Aufmerksamkeit und eine absolute Wahrnehmung da war. Hertha war Gesprächsthema in der Liga und in der Stadt. Ich liebe das Wort Energie und die war absolut spürbar. Viele haben diesen Slogan noch im Kopf und Big City Club klingt schon irgendwie cool, aber es sollte natürlich mit Leben gefüllt werden. Das Potenzial ist unbestritten da.
 
SPORT1: Hatte Klinsmann am Ende doch recht?
 
Franz: Er hat seine Meinung niedergeschrieben, aber das war damals auch nur seine Wahrnehmung. Die Wahrheit wird wie so oft sicherlich irgendwo in der Mitte liegen. Meiner Meinung nach hat er es geschafft der Hertha neues Leben einzuhauchen, aber inhaltlich konnte man das leider nicht ganz so füttern, wie es nach außen verkauft wurde.
 
SPORT1: Dardai sagte, die Situation jetzt ist schwieriger als damals als er kam. Sehen Sie das auch so?
 
Franz: Ja, weil er auf eine Mannschaft trifft, die momentan noch keine funktionierende ist. Man darf nun keine Wunderdinge erwarten. Das wird eine Herkulesaufgabe für Pal.
 
SPORT1: Am Samstag geht es gegen Ihren anderen Ex-Klub Eintracht Frankfurt. Wie schwer wird es für die Hertha?
 
Franz: Es wird verdammt schwer. Eintracht hat einen Lauf und jetzt kommt eine angeschlagene Hertha. Die Frankfurter werden voll auf Sieg spielen, sie haben 30 Punkte und sind nur zwei Punkte hinter einem Champions-League-Platz. Sie machen es wieder richtig gut - auch dank der überragenden Arbeit von Fredi Bobic. Die Eintracht schafft es auch immer wieder mit vielen unterschiedlichen Nationen als Einheit aufzutreten. Das ist beeindruckend. Das wird ein Brett für die Alte Dame.