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München und Berlin - Nach der Pleite gegen Hoffenheim werden in Berlin die Rufe nach einer Entlassung von Bruno Labbadia lauter. Hertha-Legende Marko Rehmer beurteilt die Lage bei SPORT1.

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Verkehrte Welt in Berlin: Während Union schon seit Wochen in der erweiterten Spitzengruppe der Bundesliga zu finden ist, muss sich die Hertha trotz der Millionen von Investor Lars Windhorst spätestens nach der 0:3-Heimpleite gegen die TSG Hoffenheim mit dem Thema Abstiegskampf befassen. (Tabelle der Bundesliga)

Im schlimmsten Fall haben die Berliner zum Abschluss der Hinrunde nur noch zwei Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz. Der branchenübliche Reflex lässt da nicht lange auf sich warten.

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Im Blätterwald der Hauptstadt ist die Jagd auf den Coach endgültig eröffnet. "War es das für Bruno Labbadia als Hertha-Trainer?", fragt die B.Z. Berlin. Auch der Tagesspiegel sieht den Druck auf den Trainer "nach der in der zweiten Halbzeit desaströsen Vorstellung weiter zunehmen".

Hertha ohne Ecke und Torschuss nach der Pause

Rein statistisch war der zweite Durchgang gegen die ebenfalls kriselnden Hoffenheimer in der Tat eine Katastrophe: keinen einzigen Schuss aufs Tor der TSG, keinen einzigen Eckball brachten die Hausherren zustande.

Der vorentscheidende Moment aber trug sich bereits vor der Pause zu, als Krzysztof Piatek den Elfmeter verschoss. "Das hat uns das Genick gebrochen", konstatierte Labbadia.

Er bemängelte aber auch den Charakter seiner Profis. Die Hertha brauche Spieler, die auf dem Platz die Richtung vorgeben, monierte er. Doch davon haben die Berliner so gut wie keine mehr – nach den Abgängen von Vedad Ibsisevic, Salomon Kalou, Per Skjelbred und Fabian Lustenberger.

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Der ehemalige Hertha-Profi Marko Rehmer findet es geradezu erschreckend, wie wenig sich das Team gegen die Niederlage gewehrt hat. "Mir fehlen zwei, drei Spieler, die das Heft auch auf dem Platz in die Hand nehmen", sagte der 48-Jährige, der mit den Berlinern vor 21 Jahren noch in der Champions League spielte, zu SPORT1.

Davon ist die heutige Mannschaft weit entfernt. Zu den schwachen Leistungen auf dem Platz kommen teaminterne Querelen. Wie die Bild erfahren haben will, habe sich Neuzugang Mattéo Guendouzi in der Pause lautstark über die mangelnde Chancenauswertung beklagt und dabei auch Elfer-Fehlschütze Piatek kritisiert. Auf TV-Bildern sieht man den vom FC Arsenal ausgeliehenen Franzosen auf der Rolltreppenfahrt zurück in den Innenraum tatsächlich wütend gestikulieren. 

Die Frage nach dem Elfmeterschützen hatte bereits nach dem Pfiff zu Streit geführt. Auch der zuvor gefoulte Jhon Córdoba hatte den Strafstoß offenbar treten wollen.

Labbadia soll noch eine Chance bekommen

Trotzdem soll der Trainer, der mit 1,14 Punkten einen noch schlechteren Schnitt hat als seine Vorgänger Ante Covic (1,21), Alexander Nouri (1,25) und Jürgen Klinsmann (1,20), nach SPORT1-Informationen noch eine Bewährungschance erhalten: Am kommenden Samstag gegen Werder Bremen. (Ergebnisse und Spielplan)

Für Rehmer ist dann aber nicht nur der Trainer gefordert: "Es ist immer einfach zu sagen, der Trainer erreicht die Mannschaft nicht mehr. Das habe ich nicht gesehen. Es muss eben auch viel aus der Mannschaft kommen, und das sehe ich nicht."

Sollte es aber gegen Bremen kein Erfolgserlebnis geben, "wird die Luft ziemlich dünn für Bruno", prophezeit Rehmer.  

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Kandidaten für seine Nachfolge werden in Berlin freilich schon gehandelt: von Ralf Rangnick über Domenico Tedesco bis hin zu Pal Dardai. Der Ungar, der derzeit die U16 der Hertha trainiert und bei den Fans nach wie vor sehr beliebt ist, könnte den Job zumindest interimsweise ausüben.

"Pal hat es damals sehr gut gemacht, als er die Mannschaft im Abstiegskampf übernommen hat“, erinnert Rehmer an Dardais Erfolg 2015, als er das Team im Februar auf Platz 17 übernommen und anschließend zum Klassenerhalt geführt hatte.

Das Problem: Auch Manager Michael Preetz, der den nächsten Trainer holen soll, steht mehr und mehr in der Kritik. Ähnlich wie Dardai hat sich auch der ehemalige Hertha-Stürmer viele Verdienste um den Verein erworben. Doch unantastbar ist der "Lange" schon lange nicht mehr.

Dafür hat er mittlerweile zu viele Trainer verschlissen - insgesamt 14 in zwölf Jahren - und auch bei den Spielern immer seltener ein glückliches Händchen bewiesen.

Rehmer: "Man muss Einkäufe hinterfragen"

"Piatek hat große Probleme. Klar muss er auch eingesetzt werden. Von Lucas Tousart hat man sich auch viel mehr erhofft als Spielgestalter im Mittelfeld. Aber er ist vielleicht nicht der Typ dafür, das Heft in die Hand zu nehmen", gibt Rehmer zu bedenken: "Klar muss man dann auch die Einkäufe hinterfragen."

Preetz selbst hinterfrage sich auch, sagt Rehmer. Ob die Zeit des Geschäftsführers Sport in Berlin aber im Falle einer Trennung von Labbadia ebenfalls abgelaufen ist, sei nicht so einfach zu beantworten. Nur so viel: "Natürlich müssen die, die dafür verantwortlich sind, für die aktuelle Situation auch geradestehen. Da gehört Michael Preetz genauso dazu wie Bruno Labbadia."

Gegen Preetz spricht vor allem seine desaströse Transferbilanz seit dem Einstieg von Investor Windhorst bei der Hertha. 144 Millionen Euro durfte er seit Sommer 2019 für neue Spieler ausgeben - nur der FC Bayern und Borussia Dortmund haben in diesem Zeitraum mehr investiert.

Das Ergebnis ist sehr bescheiden: Nicht ein einziger prominenter Neuzugang hat bislang nachhaltig eingeschlagen. Weder Tousart (25 Millionen Euro) noch Piatek (24 Millionen), Matheus Cunha (18 Millionen) noch Córdoba (15 Millionen).

Das spricht für einen Verbleib von Preetz

Für Preetz spricht, dass er mit Präsident Werner Gegenbauer nach wie vor einen starken Befürworter im achtköpfigen Präsidium hat.

Auch Carsten Schmidt, seit Dezember Vorsitzender der Geschäftsführung, hat enormen Einfluss. Allein könnte er Preetz nicht freistellen, aber eine entsprechende Empfehlung an das Präsidium geben. In dem Fall besagen die Statuten, dass das Präsidium Preetz abberufen könnte, die Entscheidung müsste dann noch vom Aufsichtsrat bestätigen werden.

Dem selbst ernannten "Big City Club" Hertha könnten also schon bald sehr stürmische Zeiten ins Haus stehen.