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München - Borussia Dortmund kommt nicht aus den Puschen, steht in der Liga nur auf Platz vier. Bei SPORT1 spricht Ex-BVB-Trainer Thomas Doll über die angespannte Lage.

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Thomas Doll nimmt es mit Humor, als ihn SPORT1 anruft und ihn auf die aktuelle Situation bei Borussia Dortmund anspricht. Trainer Edin Terzic hat dort den schlechtesten Start hingelegt seit damals "zu meiner Zeit, ist doch klar", sagt Doll und lacht.

Der 54-Jährige war in der Saison 2007/08 für die letzten neun Spiele Trainer bei den Schwarz-Gelben. Doch es war kein glückliches Kapitel, wenn auch der Klassenerhalt geschafft wurde. (Service: Ergebnisse und Spielplan)

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Im Interview spricht Doll über die aktuelle Lage in Dortmund, BVB-Trainer Edin Terzic und damals. (Service: Tabelle der Bundesliga)

SPORT1: Herr Doll, was sagen Sie zur aktuellen Situation beim BVB? 
 
Thomas Doll: Beim BVB haben sie sich das alle anders vorgestellt. Wenn man Lucien Favre entlässt, dann möchte man andere Ergebnisse sehen. Nach der Niederlage in Leverkusen hat man den Eindruck, dass alles ein bisschen verpufft ist. Am Anfang haben ihn die Spieler gedrückt und es wirkte so, als wenn jeder wie befreit war. Favre ist ein überragender Trainer, aber irgendwas muss passiert sein.

Reiner Calmund und Marco Bode am Sonntag ab 11 Uhr im CHECK24 Doppelpass 

SPORT1: Sie meinen innerhalb des Teams?
 
Doll: Diese Spieler, die am Anfang mit Terzic so euphorisch waren und wo jeder jeden umarmt hat, die sollten in den nächsten Wochen dafür sorgen, dass ein positives Bild entsteht. Wenn man in Leverkusen die erste Halbzeit geschaut hat, fragt man sich schon: Wo ist der Teamspirit und wo ist die Einstellung? Dass man mal etwas Probleme hat gegen Mainz, das kann passieren. Das ist Bayern auch passiert. Wenn aber nach so einem Spiel über Mentalität und Einstellung geredet wird, dann spricht das nicht für das Team.

Doll: Irgendetwas stimmt nicht beim BVB

SPORT1: Sie hatten damals viele alte Spieler wie zum Beispiel Robert Kovac oder Christian Wörns. Terzic hat jetzt offenbar viele verspielte Jungs ohne den richtigen Biss. Ist das ähnlich unbefriedigend?
 
Doll: Beim BVB gibt es viele junge Spieler. Und es fehlt Power auf dem Platz, wenn es mal nicht so gut läuft. Sie haben überragende Fußballer und auch eine gute Mischung aus Alt und Jung. Aber einen Jadon Sancho, Marco Reus oder Julian Brandt muss man in solchen Spielen wie in Leverkusen natürlich auch sehen - gerade die Offensivabteilung. Irgendwas stimmt nicht beim BVB, das muss tiefgründig sein und man muss es schnell herausfinden.

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SPORT1: Wie schwierig ist es für einen Trainer, den BVB zu trainieren?
 
Doll: Der BVB ist kein schweres Pflaster für einen Trainer. Natürlich ist der Druck enorm, aber sie haben schon eine hohe Qualität. Man darf aber auch nicht vergessen, dass Erling Haaland bis zu seiner Verletzung in überragender Form war. Er ist erst 20 und zudem sah man gegen Leverkusen, dass der eine oder andere unglaubliche Probleme hatte. Und mit sechs, sieben Totalausfällen gewinnst du nicht.
 
SPORT1: Wird der BVB die leidige Diskussion um die Mentalität überhaupt mal los?
 
Doll: Wenn du nicht den Biss hast, wirst du nicht Fußballprofi. Und ich denke, dass sie den haben. Aber der eine oder andere muss in Spielen, in denen man unter Druck steht, noch lernen durch seine Individualität für Entlastung zu sorgen. Das kann man auch von einem 21-Jährigen in der Bundesliga erwarten. Sie sollten nicht nur glänzen, wenn der BVB ins Rollen kommt, sondern auch in Situationen, in denen man richtig dagegen halten muss. Und das haben einige Jungs auch unter Favre nicht auf den Platz gekriegt. Da fehlt eine Konstanz.

"Alles nur Bla Bla Bla": Die PK von Thomas Doll im April 2008 gehört zu einer der legendären Wutreden in der Bundesliga-Geschichte
"Alles nur Bla Bla Bla": Die PK von Thomas Doll im April 2008 gehört zu den legendären Wutreden in der Bundesliga-Geschichte © Mpx Images


 
SPORT1: An wem könnte sich der BVB ein Beispiel nehmen?

Doll: Positives Beispiel ist Union Berlin, mit welcher Wucht sie durch die Liga marschieren. Sie haben nicht die individuelle Klasse des BVB. Aber die Dortmunder können sich ein Beispiel nehmen, was Einstellung, Mentalität und Disziplin betrifft. Da weiß jeder, was er zu tun hat. Beim BVB verlässt man sich auf Talent und denkt, man komme so schon durch. Aber das reicht nicht.

SPORT1: Bei Auswechslungen haben in Leverkusen sowohl Sancho als auch Reus sichtbares Unverständnis gezeigt - ist es da nicht für den Trainer nicht schwierig, die Truppe im Griff zu behalten?

Doll: Jeder, der ausgewechselt wird, ist erstmal sauer. Reus oder Sancho waren sicher auch enttäuscht über die eigene Leistung. Reus würde nicht offiziell seinen Trainer an die Wand nageln, indem er Unverständnis für seine Auswechslung zeigt. Das sind die kleinsten Dinge, die man da rein interpretieren sollte.

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SPORT1: Die Bilanz von Terzic liest sich ernüchternd. Drei Siege, zwei Niederlagen und ein Remis. Was ist noch drin?

Doll: Das primäre Ziel der Dortmunder kann nur noch sein, dass sie nicht die Champions-League-Plätze aus den Augen verlieren. Da muss keiner nach ganz oben schauen, was der FC Bayern macht. Gladbach wird noch kommen, Union, die sich da oben festgebissen haben, muss man mit auf der Rechnung haben und Leverkusen, Leipzig und Wolfsburg. Der BVB muss schleunigst die Kurve kriegen. Aber nur vom Reden wird das nicht klappen. Für den Trainer wird das eine unfassbar schwere Aufgabe, denn der Druck geht jetzt erst los. In den ersten Wochen drückt man noch das eine oder andere Auge zu, wenn man neu übernommen hat. Terzic hat schon bewiesen, dass er abliefern kann - gegen Wolfsburg oder in Leipzig.

Doll: "Der BVB tut gerade keinem weh"

SPORT1: Terzic selbst stellt die Mentalitätsfrage. "Qualität sei immer ein Produkt aus Talent und Mentalität. Wir haben uns zu sehr auf das Talent verlassen", sagte er.

Doll: Das sieht er zu 100 Prozent richtig, das spürt man auch als Trainer. Da siehst du, wie sich ein Spieler in solch einer Situation bewegt. Immer nur alles spielerisch zu lösen, wird nicht funktionieren. Man muss auch mal in einer Kontersituation ein taktisches Foul begehen und einen anderen Fußball spielen als den, wenn man nur im Ballbesitz ist. Man muss dem Gegner weh tun.

SPORT1: Das sieht man beim BVB gerade nicht.

Doll: Stimmt, der BVB tut gerade keinem mehr weh. Nur ein bisschen wackeln und ein paar Finten machen geht nicht, die Körpersprache muss besser werden. Wenn du das nicht bringst, hast du keine Chance. Die Qualität setzt sich erst durch, wenn die Basics abgerufen werden. Wenn du eine gute Einstellung hast, bringst du auch eine gute Mentalität mit. Der BVB muss sich die Mentalitätsfrage stellen.

SPORT1: Didi Hamann sagte, der BVB müsse aufpassen, dass die Mannschaft nicht untrainierbar wird. Sie habe schließlich schon Favre verschlissen.

Doll: Mit solchen Äußerungen muss man aufpassen. Ich glaube nicht, dass der BVB irgendwelche Stinkstiefel in seinen Reihen hat. Aki Watzke und Michael Zorc sind so lange dabei, die würden rigoros dazwischen gehen und würden keine Rücksicht nehmen auf irgendwelche Namen. Der eine oder andere Spieler hat die Situation noch nicht begriffen. Nur mit Tikitaka und etwas Talent kommt man nicht durch eine lange Saison.

Doll: "Hannover hätte ich mir sparen können"

SPORT1: Warum hat es damals für Sie beim BVB nicht geklappt?

Doll: Mancher Spieler war damals über seinem Zenit. Als ich im Februar 2007 kam, waren es nur noch neun Spiele und der BVB stand ganz tief unten drin. Wir haben dann aber den Klassenerhalt noch geschafft durch einen wunderbaren Sieg gegen Schalke. Der eine oder andere gewünschte Neuzugang konnte nicht realisiert werden, und wir bekamen viele Gegentore. Am Ende waren wir 13. und das wurde dem Ganzen nicht gerecht. Es gab viele Faktoren, warum das nicht geklappt hat. Umso schöner war es zu sehen, was in den Jahren danach beim BVB alles gewachsen ist.

SPORT1: Wie geht es mit Ihnen weiter?

Doll: Ich bin immer noch mit Leib und Seele Fußballtrainer und hatte auch schon einige Angebote aus dem Ausland. In Budapest habe ich einen klasse Job gemacht. Hannover hätte ich mir sparen können. Da ist alles schief gelaufen, was schief gehen konnte. Irgendwann noch mal in Deutschland zu arbeiten, wäre eine tolle Sache. Auch gerne in der 2. Bundesliga.

SPORT1: Sie leben seit Ihrer erfolgreichen Zeit zwischen 2013 und 2018 bei Ferencvaros weiter in Budapest. Das Ausland ist kein Thema mehr?

Doll: Doch, ich bin auch weiter offen für das Ausland. Aber in der Pandemie hat es einfach nicht gepasst, in ein Risikogebiet zu gehen. 2020 wollte ich es ruhiger angehen. Ich bin offen, hatte auch Angebote aus der Türkei. Es ist viel los im europäischen Fußball. Es ist nur schade, dass ich wegen Corona nicht in das Trainingslager eines anderen Vereins fahren kann, um mich weiterzubilden. Ich habe Lust wieder anzugreifen. Ich fühle mich noch jung und drahtig. Und mir fehlt der tägliche Fußball.