Nach einem ungeahndeten Foul vom Karlsruher Emanuel Günther will der Kölner Johannes Linßen (r.) auf den Karlsruher Präsidenten Roland Schmider losgehen
Nach einem ungeahndeten Foul vom Karlsruher Emanuel Günther will der Kölner Johannes Linßen (r.) auf den Karlsruher Präsidenten Roland Schmider losgehen © Imago
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Johannes Linßen soll der erste Spieler sein, der in der Bundesliga eine Gelbe Karte bekommen hat. Er selbst tappt darüber aber ziemlich im Dunkeln.

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An den Tag, an dem er Geschichte schrieb, kann sich Johannes Linßen (71) noch sehr gut erinnern.

Daran, dass es kalt war an jenem Freitagabend und der Platz hart gefroren, auch an seine Geheimverhandlungen mit Fortuna Kölns Präsident Jean Löring am Vormittag des Spiels am Oberhausener Hauptbahnhof, an die braungebrannten Körper der Spieler von RWO, die ihr Winterquartier auf den Bermudas bezogen hatten und daran, dass ihn DFB-Trainer Jupp Derwall beobachtete - und anschließend erstmals für die Juniorennationalmannschaft nominierte.

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"So durfte ich dann auch mal in Albanien spielen", erzählt der einstige Bundesligastürmer des MSV Duisburg und spätere Zweitligatrainer. Nur an das, was ihn am 22. Januar 1971 in die Annalen eingehen ließ, hat er keine Erinnerung.

Johannes Linßen - erster Gelbsünder der Liga

Er wird nur immer mal wieder damit konfrontiert, dass er der Erste gewesen sein soll, der in der Bundesliga die Gelbe Karte gesehen hat.

Erst neulich wieder im Fernsehen, bei Günther Jauch. Linßen zu SPORT1: "Ich gucke ja gern 'Wer wird Millionär'. Aber da habe ich einen Schrecken gekriegt, weil da plötzlich mein Name aufblitzte. Da denkst Du doch zuerst, Du wirst gesucht - so wie bei Aktenzeichen XY. Dabei lautete die Frage nur, wodurch ich Fußballgeschichte geschrieben hätte. Es war die 500.000-Euro-Frage und das Lustige ist: ich selbst hätte es nicht sicher gewusst." Die Redaktion war sich da offenbar sicherer.

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Sonderlich berührt haben dürfte Linßen die Gelb-Premiere heute vor 50 Jahren also nicht. Sonst wäre die von Schiedsrichter Horst Bonacker erteilte Verwarnung, die obendrein noch Folge einer Verwechslung gewesen sein soll, gewiss in sein Langzeitgedächtnis eingedrungen. Es war eben noch eine Zeit, als Randgeschichten im Fußball kaum Beachtung fanden - und Statistiken noch weniger.

Der CHECK24 Doppelpass mit Reiner Calmund und Marco Bode am Sonntag ab 11 Uhr im TV auf SPORT1  

Der DFB hatte die bei der WM 1970 international eingeführte Kartenregelung zur Rückrunde 1970/71 übernommen, zunächst probehalber bis Saisonende. Seine Schiedsrichter wurden auf einer Tagung am 16. Januar in Frankfurt eigens auf die Neuerung hingewiesen, Sportkamerad Kurt Tschenscher, der in Mexiko die erste Gelbe Karte aller Zeiten gezückt hatte, referierte über seine Erfahrungen.

Auch die zweitklassigen Regionalligen waren einbezogen und da die schon zwei Wochen eher starteten, war Linßen nicht der erste Deutsche, der in einem Punktspiel Gelb sah. Diesen zu ermitteln, ist ein schier aussichtsloses Unterfangen. Laut Auskunft des DFB-Archivars Jean-Conrad Tyrichter sind keine Spielberichtsbögen aus den Siebzigern erhalten, auch sei unwahrscheinlich, dass die Schiedsrichter die Karten überhaupt notiert hätten "da sie keine verbandsrechtlichen Konsequenzen hatten".

Walter Frosch sorgt für Regel-Änderung

Denn die heute gängige Spielsperre nach einer bestimmten Anzahl von Karten wurde erst 1979/80 eingeführt, auch weil St. Paulis Walter Frosch 1976/77 in der 2. Liga Nord die Rekordmarke von 18 Verwarnungen gesetzt hatte.

Bis dahin aber blieb die Gelbe Karte nur eine Verwarnung, wie sie schon seit Anbeginn des Spiels buchstäblich ausgesprochen wurde - eben verbal. Ab 1971 aber kam Farbe ins Spiel.

Bis die Sportpresse davon Kenntnis nahm, verging noch einige Zeit, Karten wurden in die Spielschemata nicht automatisch aufgenommen, nur vereinzelt in Berichten erwähnt.

Was passiert wirklich? Linßen weiß es nicht

So wie im Falle Linßen, dessen Foul an Oberhausens Franz Krauthausen unter anderem von der lokalen WAZ festgehalten wurde. Gelb soll es aber für Schiedsrichterbeleidigung im Anschluss an das Foul gegeben haben und da habe zwar Mitspieler Djordje Pavlic am heftigsten gepöbelt, bestraft aber sei Linßen worden. War es so, Herr Linßen? "Ich weiß es nicht!"

Die These von der Verwechslung stützt der kicker-Bericht vom 25.1.1971, in dem es lapidar heißt: "Enttäuscht über die eigene Mannschaft, aber auch über den Unparteiischen, der erstmals Gelbe Karten hochhielt (allerdings gegen die falschen), wanderte der RWO-Anhang ab." Denn gewonnen, daran bestanden keine Zweifel, hatten Linßens Duisburger - mit 2:0. (Hier zur Bundesliga-Tabelle)

Bis zur ersten Roten Karte vergingen noch zehn Wochen, dann erwischte es den Frankfurter Friedel Lutz im Heimspiel gegen Eintracht Braunschweig wegen "eines Tritts in den Arsch", wie sich Lutz noch Jahrzehnte später amüsiert erinnert. Aber auch er äußerte lange Zweifel an seiner historischen Rolle, ehe ihn der kicker anlässlich des Jubiläums "50 Jahre Bundesliga" mit dem Schiedsrichter Wilfried Hilker an einen Tisch brachte. Die ersten Sünder der Bundesligageschichte waren offenbar auch Meister des Verdrängens.

Immerhin kann sich Linßen an seinen einzigen Platzverweis im März 1977 erinnern, allerdings in der 2. Liga. "Da war mein Konto zum ersten Mal in den roten Zahlen, denn die Vereinsstrafe war höher als mein Gehalt." So etwas vergisst ein Profi dann doch nicht.

Tiger Effenberg sammelt Karten

Die neue Signalfarbe, die nach bestandener Probezeit ab 1971/72 fest eingeführt wurde, lieferte noch viele schöne und kuriose Geschichten und mancherlei Aufregung, denn wer sie bekam, hatte Grund zum Ärger.

Die Anzahl der vom Fachmagazin kicker verzeichneten Verwarnungen beläuft sich auf 48.879, die Dunkelziffer dürfte schon an der 50.000-Marke kratzen. 2293 Platzverweise wurden verteilt. Die meisten Karten gab es natürlich für Fouls, seit Erfassung der Gründe (1993) nimmt ihr Anteil laut der Bundesliga-Datenbank deltatre 77,8 % ein, gefolgt von Unsportlichkeiten und Meckern (je 6,8%).

Johannes Linßen (hier im Trikot MSV Duisburg) bekam die erste Gelbe Karte der Bundesliga
Johannes Linßen (hier im Trikot MSV Duisburg) bekam die erste Gelbe Karte der Bundesliga © Imago

Am Ende der Palette von Fehlverhalten, mit dem man Schiedsrichter ärgern kann (14 Kategorien), stehen Wechselfehler (0,03 %). Der am häufigsten farblich markierte Spieler ist SPORT1-Experte Stefan Effenberg, der im Dress von Bayern und Mönchengladbach 114 Gelbe, vier Gelb-Rote und drei Rote sah. Bei 370 Einsätzen lief der "Tiger" also in rund jedem dritten Spiel heiß.

Der VfB Stuttgart führt die Vereinswertung an mit 2590 Karten, darunter 139 Platzverweise, dicht gefolgt von Bayer Leverkusen (2541), obwohl der Werksklub die ersten 16 Bundesligajahre verpasste.

Der kartenfreudigste Schiedsrichter ist mittlerweile in Rente: Wolfgang Stark zückte in 345 Einsätzen 1320 Karten, fast vier pro Spiel.

Schiedsrichter Wolfgang Stark (mi.) zückte gerne mal eine Karte
Schiedsrichter Wolfgang Stark (mi.) zückte gerne mal eine Karte © Imago

HSV-Profi von Schwiegervater bestraft

Bei allem Ärger gab es zumindest für Außenstehende auch manchmal was zu Lachen. Etwa über den Spruch von Düsseldorfs Ghanaer Anthony Baffoe, der dem Schiedsrichter nach einer Verwarnung sagte: "Mensch Schiri, was soll das? Wir Schwarzen müssen doch zusammenhalten!" Kölns Toni Polster, ganz galanter Wiener, verabschiedete sich nach einem Platzverweis vom Schiedsrichter mit dem Spruch "Handkuss für die Gemahlin."

HSV-Profi Thomas Stratos musste sich 1991 von seinem Schwiegervater Manfred Führer verwarnen lassen - und das mit Ankündigung. Stratos erzählte mal der Bild: "Er hat mir schon vor dem Spiel gesagt: Du hast noch keine Gelbe Karte. Sollte irgendwas sein, dann bekommst Du sie von mir."

Legendär auch die Szene auf dem Gladbacher Bökelberg, als Rostocks Trainer Ewald Lienen Schiedsrichter Dardenne die Rote Karte aus der Hand schlagen wollte, die einer seiner Spieler erhalten hatte.

Das unvergesslichste Bild lieferte wohl ein Zweitligaschiedsrichter: Thomas Metzen zückte 2008 beim Spiel Mainz gegen St. Pauli zwei Gelbe Karten gleichzeitig und wurde zum "Eifel-Django". Der DFB fand es weniger lustig und ließ ihn ein halbes Jahr keine Spiele pfeifen, sein Verhalten sei zwar nicht unkorrekt, aber auch nicht standesgemäß gewesen.

Der Zuschauer aber lernte: ein guter Schiedsrichter hat immer noch eine Karte im Ärmel.