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München - Tobias Rau spielte für den FC Bayern und den VfL Wolfsburg. Heute ist er Lehrer. Bei SPORT1 erinnert er sich an seine aktive Karriere und spricht über seine Ex-Klubs.

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Tobias Rau spielte mit dem FC Bayern in der Champions League und war unter Teamchef Rudi Völler Nationalspieler. Als Profi trug er noch das Trikot des VfL Wolfsburg und von Arminia Bielefeld. Doch plötzlich war 2009 für ihn mit 27 Schluss mit Profifußball.

Rau begann ein Studium und ist heute Lehrer an einer Gesamtschule im westfälischen Werther bei Bielefeld. Vor dem Spiel des FCB gegen die Wölfe am Mittwochabend (Bundesliga: FC Bayern - VfL Wolfsburg ab 20.30 im LIVETICKER) spricht der 38-Jährige im SPORT1-Interview über das Duell seiner früheren Klubs, sein zweites Leben sowie Druck und Gehälter-Wahnsinn im Fußball.
 
SPORT1: Herr Rau, heute Abend spielt der FC Bayern gegen den VfL Wolfsburg. Haben Sie damit gerechnet, dass das ein Spitzenspiel wird? (Service: Spielplan und Ergebnisse

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Tobias Rau: Ausgeschlossen habe ich das nicht. Etwas weiter zurückgeschaut macht es Wolfsburg seit zweieinhalb Jahren gut. Es hat nur leider immer die Konstanz gefehlt und die ist jetzt gegeben. Ich hatte mir schon gedacht, dass der VfL in dieser Runde etwas reißen kann. Und dass die Bayern oben sind, ist ja irgendwie logisch.
 
SPORT1: Der aktuelle Erfolg des VfL kommt auch deshalb überraschend, weil vor einigen Wochen gar nicht klar war, ob Trainer Oliver Glasner bleiben darf. Er hatte öffentlich Kritik an der Personalpolitik geübt. 

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Rau: Vielleicht war das ja ein gutes Beispiel dafür, dass diese jüngste Entwicklung nach vorne geht. Das war vielleicht eine Reibung, die positiv genutzt wurde. Natürlich gehören solche Themen nicht an die Öffentlichkeit, aber anscheinend wurde solch eine Diskussion Erfolg bringend genutzt. Es ist schon überzeugend, was da gerade gemacht wird.
 
SPORT1: Die Wolfsburger belegen Platz fünf. Nach elf Partien ist der VfL ungeschlagen - das ist Vereinsrekord. Reicht es schon für den ganz großen Wurf in dieser Runde? (Service: TABELLE der Bundesliga

Rau: Nein, dafür wird es nicht reichen. Aber man kann mit Überzeugung auf die Champions-League-Plätze schauen. Natürlich spielen da viele Faktoren mit rein. Sicher darf ein Wout Weghorst, der absolut heraussticht, nicht wegbrechen. Aber insgesamt ist das Gebilde sehr stabil. Es ist eine tolle Mannschaftsleistung. Es ist sehr gesund, wie der Kader aufgestellt ist.
 
SPORT1: Was macht Weghorst so wertvoll. Ist er der Lewandowski für Wolfsburg?
 
Rau: Absolut. Das unterschreibe ich. Es ist wichtig, bei knappen Spielen das Tor zu machen und dann den Unterschied darzustellen. Das praktiziert Weghorst perfekt.

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Bei Glasner "hat alles Hand und Fuß"

SPORT1: Oliver Glasner ist ein ruhiger Vertreter seiner Zunft. Wie bewerten Sie seine Arbeit?
 
Rau: Es ist top, was er da macht. Herr Glasner gibt wenig preis von sich. Deshalb ist es schwierig, ihn so richtig zu beurteilen. Aber bis auf die Diskussion unlängst hat das alles Hand und Fuß, was er da abliefert. Er scheint perfekt zum Klub zu passen.
 
SPORT1: Jörg Schmadtke ist seit zwei Jahren Geschäftsführer Sport beim VfL. Warum ist er der richtige Mann für die Wölfe?
 
Rau: Alles, was ich über ihn gehört habe, war durchweg positiv. Man braucht eine starke Person in diesem Klub, die dafür sorgt, dass ein konstanter Weg eingeschlagen wird. Das hat er geschafft.

SPORT1: Die Bayern haben gerade eine kleine Remis-Krise. Wie angreifbar ist der Rekordmeister?
 
Rau: Der Motor der Bayern stockt, und da ist etwas Müdigkeit drin. Es ist eine Schwächephase. Aber es gibt viele Mannschaften, wo es ähnlich ist. Man muss sich nur mal Borussia Dortmund anschauen. Normalerweise war Bayern etwas übermenschlich. Aber gerade werden sie von solch einer weniger schönen Phase nicht verschont. Ich finde das gut, weil es die Liga spannend hält. Heute ist alles drin, da ist es für mich nicht klar, wie es ausgeht.
 
SPORT1: Sie glauben also, dass die Wölfe in München gewinnen können?
 
Rau: Ja. Das ist auf jeden Fall möglich, wenn die Wölfe auch als Außenseiter in die Partie gehen. In dem Spiel kann viel passieren.

Tobias Rau speilte von 2003 bis 2005 beim FC Bayern
Tobias Rau speilte von 2003 bis 2005 beim FC Bayern © Getty Images

Lizarazu als starke Konkurrenz beim FC Bayern

SPORT1: Sie haben für beide Vereine gespielt. Wie blicken Sie zurück auf Ihre Zeit in Wolfsburg und München?
 
Rau: Man spürt immer eine Verbundenheit mit den Klubs, für die man gespielt hat. Beim VfL hatte ich mit 19 einen steilen Aufstieg, wurde Stammspieler und wenig später dann auch Nationalspieler, so dass ich dann die Chance beim FC Bayern bekam. Höher ging es nicht. Ich konnte Champions League spielen, wurde Deutscher Meister und Pokalsieger. Ich hatte nur leider auch viel Verletzungspech und mit Bixente Lizarazu extrem starke Konkurrenz auf meiner Position. Ich hatte daher bei Bayern meinen Zenit erreicht. Es ging dann bergab. Aber ich bin dankbar für das, was ich erleben durfte.

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SPORT1: Ottmar Hitzfeld hat Sie damals geholt.
 
Rau: Genau. Dann kam Felix Magath, und ich bin wieder gegangen. Es lag aber nicht an ihm. Magath war immer ein harter Trainer, ganz klar. Aber er war auf seine Art auch erfolgreich, deshalb muss man das nicht kritisieren. Natürlich hatte man bei Bayern keine Geduld, das war immer schon so. Dort werden Fehler weniger ausgehalten als bei anderen Vereinen. Gerade bei jungen Spielern, da musst du auf den Punkt da sein. Und wenn du nicht da bist, dann spielt der andere, gerade weil die Konkurrenz so groß ist. Deshalb wurde es am Ende für mich extrem schwierig. Und wenn noch viele Verletzungen dazu kommen, ist es doppelt schwer.
 
SPORT1: Haben Sie sehr gelitten?
 
Rau: Gelitten habe ich nicht. Es hat für mich gut angefangen. Solange ich fit war, habe ich regelmäßig gespielt. Es war bitter, weil ich mich nach einem halben Jahr Verletzungspause immer wieder ran kämpfen musste. Weil ich dann nicht spielte, war ich frustriert. Deshalb war der Weg bei Bayern für mich vorbei.

SPORT1: Früher war es oft so, dass eine Mannschaft in den Wochen erfolgreich war, bevor es nach München ging. Dann erlebte man das blaue Wunder. Könnte das Wolfsburg auch passieren?
 
Rau: Ich glaube nicht, dass es dem VfL so ergehen wird. Die Truppe ist so konstant und wird in München nicht einbrechen.
 
SPORT1: Wo war es schöner für Sie, in Wolfsburg oder bei Bayern?
 
Rau: Eine schwierige Frage. In Wolfsburg war es schön, weil ich es geschafft hatte, den steinigen Weg zu gehen. Es war eine ganz unbeschwerte Zeit, in der auch Fehler verziehen wurden. Da gab es auch keinen Druck. In München hatte ich dann die Erlebnisse, von denen alle Fußballer träumen und auch negative Momente mit Verletzungen.

Rau: "Salihamidzic war früher ein Killer"

SPORT1: Ihr früherer Kollege Hasan Salihamidzic ist inzwischen Sportvorstand beim FC Bayern. Wie sehen Sie ihn?

Rau: Ich finde Brazzo super. Alle wollen seine Arbeit beurteilen, aber die meisten können das nicht. Aber er ist einer, der wie damals auf dem Platz extrem akribisch arbeitet. Da war er früher ein Killer. Das tut ihm auch gut in seiner Position. Er hat das Herz am rechten Fleck, das merkte man schon damals, wenn man sich mit ihm zum Kartenspielen getroffen hat. Ich wünsche mir, dass er weiter viel Support bekommt.
 
SPORT1: Nach Bayern spielten Sie bei Arminia Bielefeld, hörten dann auf mit dem Profifußball und wurden Lehrer. Warum?
 
Rau: Ich habe diesen Schritt nie bereut. Ich bin als Lehrer immer noch total glücklich und weiß auch, dass ich noch viele Jahre glücklich sein werde in dem Job, weil es genau mein Ding ist. Und es war immer in meinem Kopf. Als ich Abi gemacht habe, war mein Plan, dass ich danach studiere und anschließend Lehrer werden will. Doch dann kam der Traumberuf Fußballprofi dazwischen, und die Schattenseiten waren nicht so schön. Da merkte ich, dass mich etwas anderes glücklicher machen würde. Ich bin dem Fußball sehr dankbar, dass ich das alles erleben durfte. Aber als Lehrer bin ich ein anderer Mensch geworden.

SPORT1: Was unterrichten Sie heute?
 
Rau: Ich unterrichte an einer Gesamtschule in der Nähe von Bielefeld Sport und Biologie. Meine eigene Klasse ist eine achte. Aber ich unterrichte alle in der Oberstufe, also das volle Programm.

Tobias Rau begann 2009 ein Lehramt-Studium. Heute unterrichtet er Sport und Biologie.
Tobias Rau begann 2009 ein Lehramt-Studium. Heute unterrichtet er Sport und Biologie. © imago

Rau: "Ich war komplett fremdgesteuert"

SPORT1: Wie gefährlich ist der Druck im Profifußball für junge Spieler und wie war es bei Ihnen?
 
Rau: Der Druck war damals schon extrem. Ich stand immer unter Strom. Schon nach dem Aufwachen war das so, weil ich für den Fußball leben und funktionieren musste. Ich habe oft überlegt, wie meine Chancen sind zu spielen. Ich wollte natürlich besser sein als der Konkurrent. Und am Wochenende gab es diese krassen Adrenalin-Kicks. Ich bin zwar mit dem Druck klar gekommen. Aber ich war komplett fremdgesteuert und alles wurde für mich geplant. Die Freiheit, das Leben selbst zu regeln, war für mich nicht gegeben.
 
SPORT1: Wird der Druck immer größer?
 
Rau: Leider ja. Weil immer mehr Geld fließt und deshalb immer weniger Fehler verziehen werden. Das ist für viele Profis belastend und kann kritisch werden. Nach dem Suizid von Robert Enke hat sich nichts geändert. Ich habe auch keine Hoffnung, dass sich etwa ändert. Diese festgefahrenen Strukturen lassen sich nicht aufbrechen. 

Rau spricht sich für Deckelung der Gehälter aus

SPORT1: Was genießen Sie heute am meisten?
 
Rau: Die Freiheit sich selbst zu organisieren, war damals das Größte. Ich bin jetzt schon viele Jahre Lehrer und vor zwei Jahren auch Vater geworden, von daher hat sich mein Leben komplett geändert. Es ist für mich auch manchmal schwer darüber nachzudenken, dass ich Fußballprofi war. Es fühlt sich wie ein anderes Leben an. Der Fußball wird immer ein wichtiger Teil meines Lebens bleiben. Doch ich habe einen Weg gefunden, wie ich gute Dinge aus dem Fußball nutzen kann. Und es ist zum Glück nicht mein Beruf.
 
SPORT1: Welche Änderungen würden Sie sich dauerhaft wünschen?
 
Rau: Ich würde es schön finden, wenn es eine Deckelung bei den Gehältern geben würde, weil das absurd ist, was da passiert. Das wäre der erste Schritt, um es etwas menschlicher zu gestalten. Mir wird schlecht, was heutzutage im Fußball für Gehälter gezahlt werden. Ich habe nie Wert gelegt auf Autos oder teure Uhren. Reisen ist eine schöne Sache. Statussymbole waren mir nie wichtig. Deshalb hatte ich auch keine Probleme dieses Leben zu leben, als ich von jetzt auf gleich zur Uni gegangen bin. Ich fühlte mich wie befreit.

SPORT1: Hat Sie Hitzfeld oder Magath mal angerufen?
 
Rau: Ich war der Vorreiter. Hitzfeld war selbst Lehrer und konnte mich verstehen. Magath denkt eher darüber nach, wie das sein kann, dass man Lehrer wird. Und Rudi Völler hat gerne diese Leute, die den Fußball lieben. Aber ich habe einen super Kontakt zu ihm und nach unseren Gesprächen konnte er es nachvollziehen, warum ich das gemacht habe.