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Frankfurt am Main - Obwohl Eintracht Frankfurt unter Adi Hütter seit zweieinhalb Jahren insgesamt ordentlich performt, herrscht eine latente Unzufriedenheit. Woran liegt das?

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Nach vier Partien mit nur drei Zählern und aufkommender Kritik im Umfeld sah sich Adi Hütter Anfang November in der Situation, den Fans von Eintracht Frankfurt die dringlichsten Fragen zu beantworten.

In einem Q&A nahm sich der Österreicher rund 15 Minuten Zeit und stellte sich ganz offen. Doch so richtig überzeugen konnte der Coach der Hessen die Fangemeinde seitdem nicht. (Ergebnisse und Spielplan der Bundesliga)

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Wurde die Verlängerung des Vertrags bis 2023 von einem großen Teil zunächst noch begrüßt, gibt es inzwischen vermehrt Zweifel darüber, ob die Entscheidung tatsächlich richtig war. Die 1:2-Niederlage beim VfL Wolfsburg am Freitagabend lieferte den Kritikern neue Nahrung.

Gute Bilanz für Adi Hütter bei Eintracht Frankfurt

Dabei sprechen die nackten Zahlen für den Trainer: In 116 Pflichtspielen seit August 2018 holte Hütters Mannschaft 53 Siege und verlor nur 38 Mal. (Die Tabelle der Bundesliga)

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Mit einem Schnitt von 1,58 Punkten pro Partie belegt er in der Eintracht-Historie Rang elf, wobei Trainer wie Armin Veh (in seiner Zeit von 2011 bis 2014 bei 1,6 Punkten pro Spiel), Martin Andermatt (nur 28 Partien in der Zweiten Liga mit einem Punkteschnitt von 1,68) oder Horst Ehrmanntraut (1996 bis 1998 mit 1,64 Punkten pro Spiel) jeweils mit dem Klub in der Zweiten Liga tätig und Siege somit vermeintlich leichter zu holen waren.

Und doch ist es Hütter trotz Einzug in das Halbfinale von Europa League und DFB-Pokal nicht gelungen, alle Fanherzen für sich gewinnen. SPORT1 erklärt die Vorwürfe aus den Reihen des Eintracht-Anhangs.

Kritikpunkt 1: Hütter hält zu lange an (Lieblings-)Spielern fest 

Der Name Stefan Ilsanker sorgt für große Diskussionen. Der Österreicher ist als Stabilisator und einziger richtiger Sechser eingeplant, doch in dieser Rolle zeigt er sich oftmals überfordert. 

In Wolfsburg verursachte er prompt einen Elfmeter, zudem ging Ilsanker den Laufweg von Wout Weghorst beim Siegtor nicht richtig mit. Seine Passquote? Lag bei 58 Prozent. Gewonnene Zweikämpfe? 38 Prozent.

Stefan Ilsanker (l.) erwischte in Wolfsburg keinen guten Abend
Stefan Ilsanker (l.) erwischte in Wolfsburg keinen guten Abend © Imago

Die Liste der Kritikpunkte wird immer länger, bereits in vorherigen Partien (Köln, FC Bayern, Werder Bremen, Union Berlin) sah der Nationalspieler nicht gut aus. Schon in der vergangenen Spielzeit gab es heftigen Gegenwind für Hütter, weil Djibril Sow ebenfalls lange vom Eintracht-Coach geschützt und auch nach schwächeren Auftritten eingesetzt wurde. Obwohl dem Schweizer Pausen gutgetan hätten, nahm der Trainer seinen Wunschspieler nicht vom Feld.

Hütter begründete seine Entscheidungen pro Ilsanker oder Sow mit Vertrauen, er nehme einen Spieler nicht nach zwei oder drei schlechteren Partien vom Feld. "Das ist meine Philosophie, mit der bin ich gut gefahren", betonte der Ex-Profi.

Andererseits: Während Ilsanker oder Almamy Touré häufiger schwächeln durften, wurden beispielsweise Dominik Kohr und Danny da Costa nach einer einzelnen blasseren ersten Hälfte runtergenommen und seitdem nur noch sporadisch eingesetzt. Hier muss Hütter aufpassen, das nötige Gleichgewicht zu halten und glaubwürdig zu bleiben.

Erst in den vergangenen vier Partien kam es zu größeren Veränderungen, die der Eintracht phasenweise auch guttaten. Mit der nötigen Flexibilität und schlauen Rotation kann Hütter nicht nur die Spieler, sondern auch den Anhang wieder hinter sich bringen.

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Kritikpunkt 2: "Stottermodus" ohne Dreifachbelastung 

Die Eintracht gab im zweiten Durchgang gegen Borussia Dortmund am vergangenen Wochenende nach 1:0-Führung ein erschreckendes Bild ab, auch in Wolfsburg konnte sie ein eigenes Tor zum richtigen Zeitpunkt nicht über die Bühne bringen. Neben Torgefahr und Kreativität fehlte jeweils auch die Frische.

Nachdem sich die Hessen im Vorteil sahen, weil die Dreifachbelastung durch ein Jahr ohne Europa League wegfällt, sorgte dieser Auftritt für Stirnrunzeln.  

Der Vorteil des Spielplans wurde nicht genutzt. Die Eintracht ließ bei den Remis gegen vermeintlich schwächere Gegner wie Arminia Bielefeld, Werder Bremen oder den 1. FC Köln mindestens vier, wenn nicht sogar sechs Punkte liegen. Nun müsste das Team eigentlich Dreier gegen die Topteams aus Leipzig, Dortmund, Gladbach oder Leverkusen einfahren - das ist kaum einzukalkulieren.  

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Zudem stellen sich Fragen: Wo ist die Konstanz innerhalb der 90 Minuten? Weshalb verschläft die Eintracht die Anfangsphasen beider Halbzeiten so häufig? Warum fehlen Kondition und somit auch mentale Stärke?

Der Eintracht-Motor stottert, die vielen Rückstände nerven auch Hütter: "Man muss viel Aufwand betreiben und Energie reinstecken, um die Spiele zu drehen."

Er muss sich aber den Vorwurf gefallen lassen, bislang keine Antwort gefunden zu haben. Bereits im Vorjahr lag das Team 23 Mal zurück - nur Absteiger SC Paderborn ereilte dieses Schicksal noch häufiger (26 Mal). Zwar schlägt das Team dann oft mit Moral und guter Einstellung zurück, doch die Aufgaben werden so extrem erschwert.

Kritikpunkt 3: Es fehlt eine fußballerische Linie 

"Man muss unsere DNA erkennen, dann ist es schwierig, gegen uns zu spielen", sagte Hütter vor einigen Wochen. Er kündigte bei seiner Präsentation 2018 noch an: "Ich will einen schönen, attraktiven, offensiven Fußball spielen lassen." Allerdings: Dies gelang nur mit der außergewöhnlichen "Büffelherde" mit Sébastien Haller, Luka Jovic, Ante Rebic und einem herausragend agierenden Filip Kostic.

"Hunger" habe sein Team, hieß es damals Woche für Woche. Doch dieser Appetit ist irgendwo zwischen den zahlreichen Pflichtspielen verlorengegangen. 

Eine spielerische Weiterentwicklung gab es nicht, obwohl mit Daichi Kamada (vor dem 11. Spieltag bester Vorbereiter der Bundesliga) oder André Silva (starke sieben Saisontore) durchaus feine Fußballer auf dem Platz stehen.

Stark ist die Eintracht vor allem dann, wenn sie die Handbremse löst, sich auf den offenen Schlagabtausch einlässt und sich mit Wucht und Kampfgeist Chancen und Tore erarbeitet. Dann sind die Hessen nur schwer zu knacken.

Sobald das Team aber den Spielaufbau gegen einen tiefstehenden Gegner übernehmen muss, fällt den Eintracht-Profis zu wenig ein, weshalb Siege fehlen. Hütter ist es bislang nicht gelungen, ein stimmiges Rezept und Konzept zu finden. Diesen Kritikpunkt aus dem Umfeld muss er sich ankreiden lassen.

Kritikpunkt 4: Zu wenige Spieler weiterentwickelt 

Die beiden teuersten Transfers der Vereinsgeschichte, Dominik Kohr und Djibril Sow, haben zusammen fast 20 Millionen Euro gekostet. Bislang haben sich diese Investitionen nicht gelohnt und Hütter wird vom Umfeld vorgeworfen, dass er nicht das Optimale aus dem Duo herausgekitzelt hat.

Doch eine Generalkritik daran, zu wenige Profis weiterentwickelt zu haben, geht deutlich am Ziel vorbei. Unter seiner Federführung explodierten die Marktwerte von Luka Jovic und Sébastien Haller, die den Klub für 110 Millionen Euro in Richtung Real Madrid und West Ham United verließen. 

Filip Kostic hat sich zu einem der besten Linksaußen der Bundesliga gemausert, Daichi Kamada steht inzwischen bei 27 Scorerpunkten in 63 Pflichtspielen, André Silva ist vollständig integriert und auf dem Weg zum Top-Torjäger - und mit Aymen Barkok befindet sich ein Eigengewächs in der richtigen Spur.

Auch in der Verteidigung gab es eine deutliche Steigerung: Der für rund fünf Millionen Euro verpflichtete Evan N'Dicka hat seinen Wert vervielfachen können. Freilich bekam der Coach ein gutes Fundament übergeben, doch er hat nachgewiesen, Profis fördern zu können. 

Kritikpunkt 5: Der fehlende Mut 

Hütter wehrte sich schon vor einigen Wochen gegen den Kritikpunkt der Mutlosigkeit und verwies auf das im Normalfall praktizierte System mit zwei Stürmern und Spielmacher Kamada.

Doch der Eintracht fehlt die Courage, die Unbekümmertheit im Spiel nach vorne, dieser Hauch einer positiven Naivität. Frühe Wechsel nimmt Hütter nur verletzungsbedingt, aus Angst vor einem Platzverweis oder aber dann vor, wenn ein Spieler weit unter Normalniveau agiert. Tritt keine dieser Komponenten ein, dauert es zumeist bis zur 60. Minute, ehe sich etwas auf der Eintracht-Bank bewegt.

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Deutlich wird: Hütter wird von der Anhängerschaft inzwischen schnell angezählt. Der 50-Jährige konnte zwar schon drei schwierige Phasen meistern. Dafür gab es zu Recht Applaus, doch auch die Forderung, dass sich diese nicht so schnell wiederholen dürften.

Ein weiteres Problem, welches sich allerdings Sportvorstand Fredi Bobic ankreiden lassen muss: Hütter wird es schwer gemacht, in der Offensive für neue Impulse zu sorgen. Neuzugang Ajdin Hrustic ist (zu) weit weg vom Team, Ragnar Ache verletzt und Amin Younes nach zwei Jahren ohne Spielpraxis und nach Corona-Infektion offenbar noch keine ernsthafte Alternative für die Startelf. Somit sind kaum Optionen zum Nachlegen vorhanden.

Während im hinteren Bereich viel getauscht werden kann, wird es vorne schnell eng. Hütter sind die Hände oftmals gebunden, Ausfälle wie der von André Silva am Freitag gegen Wolfsburg sind kaum zu verkraften.  

Fazit 

Spieler und Trainer haben vor der Saison hohe Erwartungen geweckt: Das Wörtchen Europapokal wurde in den Mund genommen, der Kader hat keinen Leistungsträger verloren und die vielen Englischen Wochen fielen mit Blick auf eine ganz harte Saison weg.

Der Druck auf Hütter und die Mannschaft ist daher groß, zwei Siege nach elf Partien sind eine Enttäuschung. Das Vertrauen im Umfeld bröckelt, die Niederlage in Wolfsburg wirkt da wie ein Brandbeschleuniger.

So hart einzelne Vorwürfe auch wirken: Hütter muss nach nur 13 Zählern aus elf Partien schnellstmöglich die richtigen Schlüsse ziehen. Eine Saison im grauen Mittelmaß oder in der Nähe der Kellerregion ist nach den markigen Worten im Sommer nur schwer zu verkaufen.