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Christian Gross wird als neuer Trainer des FC Schalke mit Skepsis empfangen. Es gibt aber durchaus Gründe anzunehmen, dass er die passende Lösung sein kann.

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Christian Gross hat schon einmal dazu beigetragen, den FC Schalke 04 in die Zweite Liga zu befördern.

Am 9. Mai 1981 war es, der damals 26 Jahre alte Schweizer war Mittelfeldspieler beim VfL Bochum, als der die Königsblauen mit Norbert Nigbur, Klaus Fischer und Einwechselspieler Norbert Elgert am 30. Spieltag der Saison mit 6:0 vom Platz fegte.

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Am Ende war Schalke Tabellen-17. und abgestiegen - genau das Szenario, das Gross als Nachfolger des entlassenen Trainers Manuel Baum nun verhindern soll. Und aus Gross' Schweizer Heimat ertönen Stimmen, die ihm genau das auch zutrauen.

Christian Gross als Spieler des VfL Bochum
Christian Gross als Spieler des VfL Bochum © Imago

"Es ist eine Herkules-Aufgabe. Aber wenn es einer schafft, Schalke zu retten, dann Gross. Er hat genau die Qualitäten, die jetzt gebraucht werden", schrieb Blick-Fußballchef Andreas Böni. Wie kommt der langjährige Beobachter der Karriere des Übungsleiters zu dieser Einschätzung?

Christian Gross hatte Europa den Rücken gekehrt

Der 66 Jahre Gross wird auf Schalke nicht nur mit Vorschusslorbeeren empfangen. Auf Skepsis stößt vor allem ein Umstand: Seine letzte Station als Trainer in Europa liegt schon eine ganze Weile zurück.

Bis April 2012 war er bei den Young Boys aus Bern tätig. Anschließend kehrte er Europa den Rücken und heuerte in Saudi-Arabien und Ägypten an. Mit Al-Ahli wurde er zwar 2016 saudischer Meister, mit Zamalek Kairo holte er 2019 den Titel im Confederation Cup - dem afrikanischen Pendant zur Europa League. Aufschlüsse, wie es Gross bei der Rückkehr in den Bundesliga-Hochbetrieb ergehen wird, geben diese Errungenschaften aber nur sehr bedingt.

Hinzu kommt: Gross hatte eigentlich schon das Ende seiner Trainerlaufbahn erklärt, was er beim Amtsantritt in Gelsenkirchen nun aber als Missverständnis darstellte: "So ganz stimmt das nicht, dass ich meine Karriere beendet habe. Ich habe einen anderen Berufsweg in Betracht gezogen. Aber ich habe mir immer die Möglichkeit offen gelassen, bei etwas Interessantem wie Schalke als Coach zurückzukommen." (So will Gross Schalke retten)

Vor Schalke gemischte Bilanz beim VfB Stuttgart

S04 ist für Gross die zweite Trainer-Station in der Bundesliga, obwohl er in den vergangenen Jahrzehnten weit öfter bei deutschen Klubs im Gespräch war.

Die Empfehlung, die ihm vorausgeeilt war: Gross hatte in der Schweiz zahlreiche Trophäen gesammelt, er gewann 15 Titel mit den Grashopper Zürich und dem FC Basel, ist somit der erfolgreichste Vereinscoach seiner Heimat. Insgesamt neun Mal wurde er zum Schweizer Trainer des Jahres gewählt - ein einsamer Rekord.

Ergeben hat sich in Deutschland letztlich nur ein Engagement, das mit einer gemischten Bilanz geendet war: Vor elf Jahren beerbte er beim VfB Stuttgart Markus Babbel und führte ihn mit einem beeindruckenden Schnitt von 2,26 Punkten pro Spiel von Platz 15 noch in den Europapokal. Nachdem Gross aber in der folgenden Saison von den ersten sieben Spielen sechs verlor, musste er den Klub wieder verlassen.

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Der damalige Sportchef Fredi Bobic sah von Gross in der damaligen Krise "keine Lösungsansätze" und ersetzte ihn durch Jens Keller, der bekanntlich später auch mal auf Schalke landen sollte.

Jochen Schneider hat Gross in guter Erinnerung

Schalke-Vorstand Jochen Schneider war seinerzeit beim VfB im Management aktiv und hat Gross trotzdem in guter Erinnerung: "Wir haben bereits zusammengearbeitet. Ich kann deshalb genau einordnen, wie er arbeitet und wirkt. Das hat mich dazu bewogen, ihn vorzuschlagen."

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Schneiders Hoffnung ist die, dass Gross mit Schalke das wiederholt, was ihm in seiner ersten Stuttgarter Saison gelungen war: neue Kräfte im Abstiegskampf freizusetzen.

"Er ist sehr akribisch, ehrgeizig, bereitet uns auf jeden gegnerischen Spieler speziell vor. Und er vermittelt Spaß am Fußball, trotzdem mit Ernsthaftigkeit und Disziplin", beschrieb der spätere Weltmeister Sami Khedira damals Gross' Wirken in Stuttgart.

Eine Anekdote, die Gross' Akribie verdeutlicht: Als Basel-Coach ließ er 2003 den deutlich schwächeren FC Aarau gleich sechsmal beobachten, reiste als Spion selbst in die Provinz - um ein Trainingsspiel Aaraus gegen dessen eigene Reserve zu sehen.

Auch Ehrlichkeit und Direktheit gelten als Stärken von Gross, was sich unter anderem in seiner Weigerung ausdrückt, mit Journalisten Hintergrundgespräche zu führen, die nicht für die Veröffentlichung bestimmt sind. Was er sage, könne man schreiben, findet Gross. Eine Geradlinigkeit, die gerade im Ruhrpott gut ankommen dürfte.

Einer wie Felix Magath? Gross relativiert

Disziplin ist ein Leitbild des Fußball-Lehrers, der als Sohn eines Polizisten in Zürich-Höngg geboren wurde und vom Spiegel einst nur halb bewundernd als "Alpen-Magath" bezeichnet wurde.

Gross gilt wie der mittlerweile aus dem Trainergeschäft zurückgezogene Felix Magath als harter Hund - wobei er bei seiner Vorstellung in Gelsenkirchen dem Eindruck entgegentrat, dass Schinderei bei ihm über alles geht: "Ich werde die Mannschaft nicht übertrainieren. Sie muss geistig und körperlich frisch sein. Aber sie muss mir zeigen, dass sie ehrgeizig ist."

Und mit Blick auf seinen alten Spitznamen legte Gross auch Wert auf die Feststellung, dass "ich nicht in den Alpen aufgewachsen bin".