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München - Borussia Dortmund trennt sich von Trainer Lucien Favre. Was ihm das Team vorwarf, warum die Bosse nicht mehr an ihn glaubten - das sind die Hintergründe.

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Der Favre-Knall in Dortmund!

Nach zweieinhalb Jahren hat der BVB die Reißleine gezogen und sich vorzeitig von seinem Trainer getrennt. Der Pott-Klub machte das am Sonntag in einer Pressemitteilung öffentlich. Nach SPORT1-Informationen stand die Entscheidung allerdings schon deutlich früher fest. (Die Tabelle der Bundesliga)

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SPORT1 erklärt die Hintergründe der Trennung von Lucien Favre.

Um 15.08 Uhr fuhr Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke am Sonntag auf dem Trainingsgelände in Dortmund-Brackel vor. Sportchef Michael Zorc und Lizenzspielerchef Sebastian Kehl kamen sieben Minuten früher an.

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Watzke sprach rund zehn Minuten vor der versammelten Mannschaft und teilte dem Team den Chef-Entschluss mit. Er bedankte sich auch für Favres Arbeit.

"Wir alle sind Lucien Favre dankbar für seine hervorragende Arbeit in den vergangenen zweieinhalb Jahren, in denen er mit seinem Team zwei Vizemeisterschaften errungen hat", wird Watzke in der BVB-Pressemitteilung zitiert. "Als Fachmann und als Mensch ist Lucien Favre über jeden Zweifel erhaben."

Zorc erklärt BVB-Trennung von Favre

Um 15.34 Uhr düste Watzke dann in seiner silbernen Mercedes-Limousine davon.

"Es fällt uns schwer, diesen Schritt zu gehen", findet Sportchef Michael Zorc. "Gleichwohl sind wir der Meinung, dass das Erreichen unserer Saisonziele aufgrund der zuletzt negativen Entwicklung in der gegenwärtigen Konstellation stark gefährdet ist und wir deshalb handeln müssen."

Zur Wahrheit gehört auch: Selten waren die Bosse in der Vergangenheit von einer Trainer-Entlassung derart überzeugt. Der Entschluss, sich vorzeitig von Favre zu trennen, stand nach SPORT1-Informationen bereits am Samstagabend nach der 1:5-Klatsche gegen den VfB Stuttgart fest. Bis zweieinhalb Stunden nach Abpfiff saßen die Vereinsoberen in einer Loge und fassten den Entschluss. Watzke fuhr erst um 19.54 Uhr nach Hause und sprach von einem "schwarzen Tag".

Noch am Abend kontaktierten die Dortmunder Favres Berater Reza Fazeli. Der Agent fuhr zu seinem Klienten nach Hause und übernahm federführend die telefonischen Gespräche mit den BVB-Bossen.

"Ich finde es sehr schade, dass sich unsere Wege hier trennen", sagte Favre selbst am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur: "Wir hatten zwei sehr erfolgreiche Jahre und haben eine Mannschaft, die auch in diesem Jahr am Ende eine erfolgreiche Saison gespielt hätte. Davon bin ich nach wie vor überzeugt."

Aussagen von Marco Reus sprechen Bände

Aber: Das Favre-Aus hatte sich abgezeichnet. Die Mannschaft hatte kein Vertrauen mehr in ihren Trainer. Dass es keine Basis mehr für eine erfolgreiche Zusammenarbeit gab, spiegelt sich auch in den jüngsten Ergebnissen mit drei sieglosen Heimspielen in Folge wider. (Ergebnisse und Spielplan der Bundesliga)

Kapitän Marco Reus sagte nach der Klatsche gegen Stuttgart zerknirscht: "Wir sind keine Mannschaft, die gut verteidigen kann. Das muss man ganz klar so sagen."

Die Klub-Bosse führten in den vergangenen Wochen viele Gespräche mit der Mannschaft. Darin verfestigte sich der Eindruck, dass Favre das Team nicht mehr erreicht.

Favre stolperte auch über Moukoko

Hauptvorwurf der Mannschaft: Vor allem gegen nominell schwächere Teams soll der Schweizer ihr keinen richtigen Matchplan an die Hand gegeben haben. Darüber hinaus vermissten einige Führungsspieler von Favre den nötigen Mut. Der BVB habe auf dem Platz viel zu abwartend agiert. Nicht wenigen Spielern im Team missfiel außerdem, dass der freundlich-distanzierte Taktiker stets die gegnerischen Mannschaften stark redete, anstatt auf die Qualitäten der eigenen Truppe hinzuweisen.

Unverständnis für Favres Tun herrschte in der Klubführung vor allem mit Blick auf die Personalie Youssoufa Moukoko. Dass Favre das Mega-Talent trotz des verletzungsbedingten Ausfalls von Erling Haaland in den vergangenen Spielen nicht von Anfang an brachte, sorgte bei den Vereinsoberen für Kopfschütteln. Die Führungsriege ist von den Qualitäten des erst 16 Jahre jungen Wunderstürmers nämlich überzeugt, traut ihm zu, der Profi-Mannschaft auf Anhieb zu helfen.

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Favre und der BVB - die ohnehin schwierige Liaison ist seit Sonntag Geschichte. Von der Mannschaft konnte sich der 63-Jährige persönlich nicht mehr verabschieden. Auch Co-Trainer Manfred Stefes, mit dem Favre schon in Mönchengladbach zusammengearbeitet hatte, wurde entlassen.

Terzic übernimmt - BVB will große Trainer-Lösung

In Edin Terzic setzt der BVB nun auf eine interne Lösung. Der 38 Jahre alte bisherige Co-Trainer wird vorerst aufsteigen und soll bis zum Saisonende die Mannschaft leiten. Am Montag um 13.15 Uhr wird sich der gebürtige Sauerländer auf einer Pressekonferenz vorstellen. Die BVB-Verantwortlichen sind davon überzeugt, dass der junge Coach das Team vor allem emotional packen kann. Das hatte unter Favre zuletzt völlig gefehlt.

Nach SPORT1-Informationen soll Terzic allerdings nur bis 30. Juni als Haupttrainer arbeiten und danach wieder ins zweite Glied rücken. Die BVB-Bosse streben mit aller Kraft nach einer großen Lösung.

Wunschkandidaten: Marco Rose, der bei Borussia Mönchengladbach noch einen Vertrag bis 2022, im Sommer nach SPORT1-Informationen allerdings eine Ausstiegsklausel hat - und Julian Nagelsmann (RB Leipzig, Vertrag bis 2023).