Lesedauer: 5 Minuten

Ein ehemaliger Co-Trainer übernimmt den BVB als Cheftrainer? Da war doch was! Und zwar etwas sehr Erfolgreiches. Die SPORT1-Kolumne von Ben Redelings.

Anzeige

Vor 20 Jahren beförderte Borussia Dortmund schon einmal seinen Co-Trainer zum Chefcoach, ähnlich wie zuletzt mit Edin Terzic als Nachfolger von Lucien Favre - und sollte diese Entscheidung nicht bereuen. Denn bereits zwei Jahre nach seiner Beförderung hielt der seitdem jüngste Meistertrainer der Bundesliga die legendäre Salatschüssel für seinen Klub in die Höhe.

Alles begann damit, dass der BVB kurz vor Ende der Spielzeit 1999/2000 in akute Abstiegsgefahr geraten war. In dieser absoluten Not-Situation kamen die Dortmunder auf eine originelle Idee und verpflichteten als letzte Lösung den alten Startrainer Udo Lattek.

Anzeige

Tippkönig der Königsklasse gesucht! Jetzt zum SPORT1 Tippspiel anmelden

Lattek: "Ob jetzt ein neuer Trainerwechsel etwas hilft?"

Noch eine Woche zuvor hatte dieser in seiner Kolumne die Frage aufgeworfen: "Ob jetzt ein neuer Trainerwechsel etwas hilft? Eigentlich bin ich dagegen. Und es ist auch eine Frage der Alternativen. Wer ist auf dem Markt?" Offensichtlich hatten sich genau das auch die BVB-Verantwortlichen gefragt - und waren, vielleicht sogar genau wegen dieses Artikels, auf diesen abenteuerlichen Plan mit Lattek gekommen.

Zusammen mit seinem neuen Co-Trainer Matthias Sammer sollte Lattek nun also in den letzten fünf Spielen helfen, die Borussia vor dem Abstieg zu bewahren. Wer Lattek nicht mehr so vor Augen hat: Der Mann hatte im September 1991 auf die Frage, wer aktuell der beste Coach im Weltfußball sei, gewohnt nüchtern und bescheiden geantwortet: "Der Lattek, als er noch Trainer war."

Auch interessant
  • Fussball / Bundesliga
    1
    Fussball / Bundesliga
    Die Transfer-Baustellen der Bayern
  • Fussball / Transfermarkt
    2
    Fussball / Transfermarkt
    Transferticker: Türkische Topklubs buhlen offenbar um Costa
  • Int. Fussball / Championship
    3
    Int. Fussball / Championship
    Der Abstieg von Klopps Musterschüler
  • Fußball / Bundesliga
    4
    Fußball / Bundesliga
    Bittere Story eines BVB-Transfers
  • Boulevard
    5
    Boulevard
    Der Porno-Absturz der Surf-Coffeys

Lattek bekommt zwei Millionen Euro und einen Mercedes 500

Nun kehrte er im Jahr 2000 zu einer seiner früheren Stationen im Revier zurück. Ein echtes Himmelfahrtskommando. Doch bevor Lattek Dortmund überhaupt retten konnte, musste man sich erst einmal in allen Geldangelegenheiten einig werden. Stolz erzählte Lattek später, es wäre schlussendlich nicht die kolportierte eine Million gewesen, die Dortmund für diese fünf Spiele zahlte, sondern deren zwei.

Und zusätzlich soll es einen neuen Mercedes 500 ("Wir sind uns ja quasi einig über die Finanzen. Aber so einen Wagen hätte ich auch gerne") gegeben haben, da Lattek gesehen hatte, dass Gerd Niebaum solch ein ebenso schönes wie seltenes Auto bereits fuhr.

"Du Hund", habe der Präsident bei dieser Forderung gerufen, aber schließlich doch eingeschlagen. "Den bin ich aber nie gefahren - zu lange Lieferzeit. Also habe ich ihn mir auszahlen lassen", erinnerte sich Lattek später einmal grinsend im Doppelpass.

Genau dort plauderte Jahre später auch sein früherer Co-Trainer Matthias Sammer einmal aus dem Nähkästchen über die gemeinsame Zeit mit Lattek.

Lattek rettet den BVB vor dem Abstieg

Über die Sitzung vor dem entscheidenden Spiel gegen den Abstieg beim VfB Stuttgart erzählte Sammer, mit welchen Worten Lattek die Mannschaft damals beschworen hatte: "Ich erzähle euch jetzt mal eine Geschichte. Ihr sitzt zu Hause, ganz gemütlich im Wohnzimmer, habt die Beine hoch gelegt und guckt gemeinsam mit eurer Frau einen schönen Film im Fernsehen. Glas Rotwein dabei.

Und plötzlich hört ihr es krachen und schwarz vermummte Einbrecher stehen bei euch im Haus. 'Mensch, was macht ihr da?', fragte Udo Lattek den 'Kokser' und brachialen Manndecker Jürgen Kohler. Insgeheim rechnete er natürlich damit, dass dieser sich erregen, aufspringen und lautstark tönen würde: 'Trainer, ganz klar. Die musst du umhauen!'

DAZN gratis testen und die Bundesliga live & auf Abruf erleben | ANZEIGE

Doch Kohler lehnte sich entspannt zurück und sagte: 'Trainer, in so einer Situation muss man ganz ruhig bleiben!' Und Udo Lattek, der alte Fuchs, hielt nur für einen Moment inne und meinte dann: 'Ganz genau. Ganz ruhig bleibt man. Und so müsst ihr heute spielen. Mit viel Ruhe und Augenmaß, dann haut das schon hin!'"

Dortmund befördert Sammer zum Cheftrainer - und wird Meister

Und tatsächlich rettete sich der BVB mit dieser Partie vor dem Abstieg. Anschließend hatte Udo Lattek endgültig genug vom Profifußball und verabschiedete sich nach diesen fünf aufregenden Spielen in den verdienten Ruhestand. Den damaligen Co-Trainer Matthias Sammer allerdings beförderten die Dortmunder zu ihrem Chefcoach.

Und siehe da: Der gebürtige Dresdner und Europameister mit der deutschen Nationalmannschaft von 1996 machte seine Sache richtig gut - bei seiner allerersten Station als verantwortlicher Übungsleiter überhaupt. Denn erst kurz zuvor hatte Sammer seine Trainerlizenz bei einem verkürzten DFB-Sonderlehrgang für ehemalige Nationalspieler erworben.

Der CHECK24 Doppelpass mit Karl-Heinz Rummenigge am Sonntag ab 11 Uhr im TV auf SPORT1 

Nach einem guten dritten Platz in der Premierensaison holte der ehemalige Co-Trainer in der Saison 2001/02 am Ende sogar die Meisterschaft. In einem dramatischen Finale schoss Ewerthon im letzten Spiel der Saison gegen Werder Bremen in der 74. Minute die entscheidende Führung für den BVB heraus. Und so gewann die Borussia zusammen mit ihrem noch sehr jungen Coach Matthias Sammer nach einer packenden Aufholjagd den Meistertitel.

Wie man sieht: Es ist nicht immer ganz schlecht, wenn man seinem Co-Trainer das Vertrauen schenkt. Schließlich haben die Bayern in jüngster Vergangenheit da auch so ihre (positiven) Erfahrungen sammeln können.

Ben Redelings wurde 1975 im Flutlichtschatten des Bochumer Ruhrstadions geboren und ist Experte für die unterhaltsamen Momente des Fußballs. Sein aktueller Bestseller „Das neue Buch der Fußballsprüche“ verkauft sich sprichwörtlich wie das gut gekühlte Stadionbier. Als SPORT1-Kolumnist schreibt Ben regelmäßig über die „Legenden des Fußballs“ und „Best of Bundesliga“.