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Mainz - Sportvorstand Rouven Schröder spricht über den schwierigen Mainzer Saisonstart, einen möglichen Verkauf von Jean-Philippe Mateta und die Gerüchte um Christian Heidel.

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Spieler-Unruhe, Trainer-Entlassung und erst mickrige fünf Punkte - der FSV Mainz 05 durchlebt einen schwierigen Saisonstart.  (Tabelle der Bundesliga)

Sportvorstand Rouven Schröder redet im SPORT1-Interview vor dem Sonntagsspiel gegen Hoffenheim (Bundesliga: 1.FSV Mainz 05 - TSG Hoffenheim ab 18 Uhr im LIVETICKER) nichts schön. Der 45-Jährige äußert sich über Trainer Jan-Moritz Lichte, einen möglichen Verkauf von Jean-Philippe Mateta und die Gerüchte über eine Rückkehr von Christian Heidel.

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SPORT1: Herr Schröder, gegen Schalke gab es einen Punkt, gegen Freiburg einen Sieg. Ist der Knoten geplatzt? 

Rouven Schröder: Wenn man die letzten Spiele sieht - die erste Hälfte in Augsburg ausgeklammert -, sind wir auf dem richtigen Weg. Trotz allem kannst du den Weg dann auch nur positiv beschreiten, wenn du was Zählbares mitnimmst. Wir haben immer gesagt, wir können von Aufbruch sprechen, dass Spiele zum Teil gut waren, besser waren, wir gute Trainingsleistungen hatten. Aber wenn du nichts Zählbares mitnimmst, klingt das wie Schallplatte, wie Wiederholung. Aber wir sind jetzt trotzdem in der Spur, das heißt jetzt: angreifen. Wir treffen auf Hoffenheim daheim mit dem Anspruch, das Spiel zu gewinnen.

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Schröder: Wir haben in der Vorbereitung nachjustiert

SPORT1: Warum war der Saisonstart so schwach?

Schröder: Wir haben uns aus der Analyse im Sommer andere Dinge erhofft. Wir sind mit 37 Punkten in der Liga geblieben, haben einen energievollen Saisonendspurt geliefert. Trotz allem gab es einiges zu besprechen, was wir intern auch gemacht haben. Wir haben es trotzdem nicht so in die Vorbereitung reinbekommen, haben in der Vorbereitung schon Momente gehabt, wo wir nachjustiert haben, auch was den Tonfall - gerade intern - betrifft. Die Stimmung war nicht gut. Wir haben nach Stuttgart reagiert und uns von Achim Beierlorzer getrennt. Trotz allem haben wir das Gefühl entwickelt, dass wir noch selbstkritischer sein müssen und vor allen Dingen, dass wir in der Bundesliga keine Chance haben, wenn das so in der Form weitergeht.

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SPORT1: Muss ein Verein wie Mainz 05 verkaufen, um gerade in der Corona-Zeit zu überleben und wie sehr verkauft man damit auch die Identität des Vereins?  

Schröder: Es ist ein total schmaler Grat. Jeder Verantwortliche, der den Kader plant, wünscht sich einen Spieler, der seine Leistung bringt und möglichst längerfristig im Verein bleibt, damit die Fans und das Umfeld sagen können, der steht bei Sonne und bei Wind im Trikot und gibt alles für diesen Verein. Auf der anderen Seite ist es so, wenn wir nicht über die letzten Jahre diesen Transferüberschuss erwirtschaftet hätten, ginge es uns jetzt noch mal deutlich schlechter. Wir brauchen Transferüberschüsse, wir brauchen eine gewisse Anzahl an Potenzialspielern, die uns die Möglichkeit geben, diesen Verein zu gesunden. Dann kriegt man halt auch mal Prügel, wenn man über einen eventuellen Abgang spricht oder einen absoluten Leistungsträger gehen lassen muss. Wenn es aber für den gesamten Verein das Thema ist zu überleben, dann ist die Entscheidung zu treffen, auch als Führungskraft zu sagen: 'Das machen wir trotzdem'.

Schröder: "Mateta ist auf einem sehr rasanten Weg"

SPORT1: Heißt das, Mainz muss Jean-Philippe Mateta verkaufen, um überleben zu können?  

Schröder: Wir haben zwei Phasen gehabt, in denen Mateta sehr gute Angebote hatte. Im letzten Winter und im Sommer hatten wir Möglichkeiten, Mateta abzugeben. Das haben wir nicht gemacht. Gleichfalls mit Moussa Niakhaté, ebenfalls ein Beispiel: Robin Quaison. Wir hatten wirklich sehr gute Angebote und trotzdem haben wir gesagt, wir verkaufen diese Spieler nicht unter Wert, weil wir auch die sportliche Komponente sehen. Trotzdem dürfen wir keine Augenwischerei betreiben. Wenn Mateta in der Form ist, in der er aktuell ist, dann ist er unverzichtbar für die Mannschaft, um Tore zu schießen für den Klassenerhalt. Auf der anderen Seite werden wir auch wissen, dass er auf einem unglaublich rasanten Weg ist, wenn er so weiter macht. Er hat zehn Tore in neun Pflichtspielen gemacht.

SPORT1: Das heißt konkret was?

Schröder: Aufgrund der Vertragssituation können wir aber immer den Riegel vorschieben und frei handeln. Wir wissen aber auch, dass es im nächsten Sommer sein kann, dass der Spieler wieder so nachgefragt wird, dass wir ins Überlegen kommen. Dann müssen wir Sorge dafür tragen, dass wir einen guten Ersatz finden. Ein Schattenteam bauen wir sowieso auf, aber noch ist Mateta da. Wir freuen uns, dass er da ist und dass er sich so toll entwickelt. Mainz hatte immer verrückte Spieler und Mateta gehört dazu, gerade wenn man seine Entwicklung auch abseits des Platzes sieht. Er hatte sicherlich das eine andere Problemchen, hat das aber von sich aus aufgearbeitet. Das ist die beste Sprache, die du sprechen kannst: mit Toren, mit Leistung, auch mal in einer beschwerlichen Zeit zu lachen.

Schröder: "Winter-Wechsel finde ich problematisch"

SPORT1: Wir reden aber damit konkret auf keinen Fall über einen Transfer von Mateta im Winter, sondern wenn, dann im Sommer? 

Schröder: Winter-Wechsel finde ich immer problematisch, auch für den Spieler. Wir hatten letztes Jahr im Winter das Thema mit dem SSC Neapel. Natürlich ist es für einen Spieler reizvoll, wenn du Champions League bei Neapel spielen kannst. Auf der anderen Seiten haben wir jetzt gar keine Winterpause. Dann einen Wechsel anzustreben, finde ich total problematisch, auch weil er mit 23 Jahren spielen muss. Das kann er in Mainz, er hat hier seinen Status, er geht hier vorweg, er kann hier vielleicht auch mal ein schwächeres Spiel machen und bleibt gesetzt. Das kann er bei größeren Vereinen, wo er vielleicht deutlich mehr im Geldbeutel hat, nicht so ohne Weiteres.

"Lichte hat viel von Schwarz und Beierlorzer gelernt"

SPORT1: Bleibt Jan-Moritz Lichte Übergangstrainer, kann er mit dem Abstiegskampf umgehen?

Schröder: Die Anfangszeit hat schon alles gezeigt. Ich habe nicht mit einem anderen Trainer gesprochen, auch nicht ansatzweise den Gedanken gehabt, mich mit einem zu treffen. Moritz war der Cheftrainer, ist der Cheftrainer! Bei einem neuen Trainer sprichst du immer von dem Effekt. Es ist eine neue Ansprache da, die Spieler sind ganz begeistert - und dann spielst du gegen Union Berlin und verlierst 0:4. Moritz war immer klar analytisch, sachlich, mit Höhen und auch mit Tiefen in der Wortwahl und die Jungs haben darauf reagiert. Das ist für mich das Zeichen, bei dem klar war, dass Moritz der richtige Trainer ist. Jetzt hat es zum Glück auch mit Punkten geklappt, womit man es nachweislich auf dem Papier jedem einzelnen mitteilen kann, dass er auch Abstiegskampf kann, dass er auch Spiele gewinnen kann - und das nicht nur dreckig, sondern mit einem überzeugenden Sieg. Das gilt es jetzt auszubauen. Natürlich ist es ein Pluspunkt, dass er Co-Trainer von Sandro Schwarz war. Er hat viel von ihm gelernt. Auch von Achim Beierlorzer hat er viele Dingen mitgenommen.

SPORT1Sandro Schwarz hat in einem Interview gesagt, dass nicht nur Trainer, sondern auch Sportdirektoren deutlich weniger Schüsse haben. Ist das so? 

Schröder: Das stimmt, da hat Sandro absolut recht. Früher war es immer der Trainer. Jetzt ist so, dass auch ein Sportdirektor, auch ein Manager komplett von Anfang an in der Verantwortung ist. So habe ich meinen Job aber auch immer gesehen. Trotz allem bin ich jetzt in der fünften Saison in Mainz. Von daher ist die Halbwertszeit bei mir immer noch außergewöhnlich.

SPORT1: Wie nehmen Sie die Diskussionen im Netz über eine mögliche Rückkehr von Christian Heidel wahr? 

Schröder: Christian Heidel war für mich noch nie ein Thema, bei dem ich gesagt habe: 'Da hast du Sorge, ob Christian zurückkommt und deinen Posten will'. Diese Frage habe ich mir von Anfang an nie gestellt, weil das Verhältnis zu Christian gut ist. Er hat mich damals zusammen mit Harald Strutz nach Mainz geholt. Ohne Christian würde es diesen Verein in der Form nicht geben. Wenn Christian Heidel gehandelt wird, dann weil man auf bessere Zeiten hofft, die viele mit Christian verbinden. Christian ist einer, der Mainz 05 immer gut zu Gesicht steht, davor hab ich mich nie verschlossen. Wenn er gehandelt wird, ist es für mich nie eine Art Bedrohung, sondern da ist jemand, der eventuell dem Verein einfach etwas Gutes tun kann. Ich sehe das absolut positiv. Wenn man Sorge hat um seinen Job, dann sollte man dementsprechend die Schüssel nehmen, diese abgeben und sagen 'ich mach lieber was anderes'.