Tasmania Berlin musste den Ball in der Bundesliga oftmals aus dem eigenen Tor holen © Imago
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München - Tasmania Berlin ging als schlechteste Mannschaft in die Geschichte der Bundesliga ein. Der FC Schalke 04 kommt einigen Negativ-Rekorden aktuell immer näher.

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Sie spielten nur eine einzige Bundesligasaison und die liegt nun schon 55 Jahre zurück.

Doch immer noch fällt der Name dieses Klubs; immer dann, wenn irgendeine Mannschaft an einer "Horrorserie" strickt, wird an Tasmania Berlin erinnert. Die betreffende Mannschaft befindet sich dann, so die am häufigsten gewählte Floskel, "auf Tasmanias Spuren". Also auf einem Pfad, den keiner gehen will. Auch die Schalker nicht, die derzeit 24 Spiele ohne Sieg sind, denn er führt in den Abgrund und schon weit vorher in die Lächerlichkeit.

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Was hat es auf sich mit der größten Lachnummer der Bundesligageschichte?

Der FC Schalke 04 auf den Spuren von Tasmania Berlin

Der SC Tasmania 1900 Berlin war, wie der Name schon zeigt, ein traditionsreicher Berliner Fußballklub aus dem Westberliner Stadtteil Rixdorf (heute Neukölln), der schon 1910 an der Endrunde zur Deutschen Meisterschaft teilnahm, mehrmals Berliner Meister wurde, ab und zu Fahrstuhl fuhr, 1958 als erster Berliner Klub nach dem Krieg das DFB-Pokalhalbfinale erreichte, 1962 sogar Europapokal spielte (Messe-Cup) und 1964 den Aufstieg in die Bundesliga um nur vier Minuten verpasste. Wenigstens hatten sie den Bayern, schon damals mit Maier und Beckenbauer, durch ein furioses 3:0 den Aufstieg vermasselt. So schlecht konnten sie also eigentlich nicht sein.

Die Bundesliga aber startete 1963 ohne "Tas", dafür mit Hertha BSC. Als die 1965 wegen erwiesener Schummeleien bei Handgeldern und Gehältern, deren Obergrenze damals noch vorgeschrieben waren, zwangsweise absteigen musste, beschloss der DFB aus politischen Gründen, eine andere Mannschaft aus der Inselstadt nachrücken zu lassen.

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Der Berliner Meister 1965, Tennis Borussia Berlin, war in der Aufstiegsrunde gescheitert und deshalb aus dem Spiel, eine etwas seltsame Logik. Vizemeister Spandauer SV verzichtete dankend, wohl auch weil er ahnte was einer Mannschaft passieren kann, die erst zwei Wochen vor Saisonstart von ihrem Glück erfährt. Diese Mannschaft war der Dritte der Berliner Stadtliga, Tasmania 1900, die nicht ganz so unvorbereitet war wie es immer heißt – schließlich hatte sich der Verein offiziell um den freien Platz beworben.

Aber als es dann am 31. Juli 1965 auf dem DFB-Bundestag beschlossen wurde, hatten sie nicht mehr wirklich damit gerechnet. Nach der überraschenden Zusage riefen sie die Spieler über Radio Luxemburg und den ADAC Fernruf von den Urlaubsstränden zurück. Die Vorbereitung auf die Bundesliga betrug also nur zwei Wochen, das war auch in der damaligen Zeit viel zu wenig. Die Chancen waren von vorneherein gering, daran änderte die Verpflichtung von Nationalspieler Horst Syzmaniak aus Italien (FC Varese) nichts.

Erster Bundesliga-Tabellenplatz von Tasmania? Zweiter!

Natürlich, der Start war traumhaft. Zum Auftakt kamen 81.400 Neugierige ins Olympiastadion, die einen 2:0-Sieg gegen den Karlsruher SC sehen durften. Erster Tabellenplatz von Tasmania in der Bundesliga: Zweiter!

Doch schon mit dem Gastspiel bei Mitaufsteiger Borussia Mönchengladbach begann die fatalste Serie der Ligahistorie von 31 sieglosen Spielen. Doppelschläge von Jupp Heynckes und Günter Netzer sorgten für eine harte Landung auf dem Boden der Realität, am Ende hieß es 0:5. Schnell wurde deutlich: Diese Mannschaft hat keine Bundesligareife. Auf den Startsieg folgten sechs Niederlagen (Rekord: 2:7 in Nürnberg), ehe es ausgerechnet auf dem Kaiserslauterer Betzenberg den ersten und einzigen Auswärtspunkt gab (0:0). Der verhalf Tas für eine Woche zum Sprung auf den 17. Platz, danach nistete es sich wieder auf dem letzten Platz ein.

Den Humor verloren sie nicht. Horst Szymaniak sagte "alles wunderbar, wir peitschen doch die gesamte Bundesliga vor uns her." Verteidiger Herbert Finken gab gern den Poeten: "Mein Name ist Finken und du wirst gleich hinken", stellte er sich zuweilen vor. Auch sein erster Trainer reimte sich auf hinken, doch Fritz Linken hatte weniger Sinn für Humor und keinen Grund zum Lachen.

Nach einem 0:5 in Bremen wurde er Anfang November entlassen, was ihm nicht der Vorstand, sondern der Kapitän Hans-Günter Becker per Hausbesuch mitteilte. Linken grollte und klagte auf 36.000 DM für Gehälter und Urlaubsgeld sowie und 25.000 DM Schadenersatz.

Damit griff er einem nackten Mann in die Tasche, denn mit dem Misserfolg gingen auch die Zuschauerzahlen zurück, ein in Berlin besonders oft zu beobachtendes Phänomen. Tasmania hatte nicht annähernd so viele Fans wie Neugierige angelockt und auf diese überforderte Mannschaft war schon bald keiner mehr neugierig in West-Berlin.

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Der neue Trainer Heinz-Ludwig Schmidt übernahm das Himmelfahrtskommando dennoch voller Zuversicht, ihn "reizt diese Aufgabe ungemein". Die Hauptstadtpresse hatte etwas zu witzeln, hatte er doch zuvor mit "schwer erziehbaren Jugendlichen" gearbeitet. Die gab es auch bei Tasmania, das in seiner Katastrophensaison damals ungeheuerliche 24 Spieler einsetzte, darunter drei Torhüter. Wohlgemerkt in Zeiten da noch nicht ausgewechselt werden durfte.

Tasmania Berlin sammelt Negativ-Rekorde

Schon früh verloren einige Kicker die Lust, es kam zu mehreren Suspendierungen wegen geschwänztem Training. Im Wettkampf blieben sie brav. In der Presse wurde ihr Fairplay gelobt, "trotz der immer neuen sportlichen Misshandlungen durch allzu überlegene Gegner ist noch keiner von ihnen aus der Rolle gefallen", strich der Kurier nach einem 0:4 in Frankfurt heraus. Da lautete das Eckenverhältnis 20:1 für die Gastgeber. Die Hinrunde beendete Tasmania mit 3:31 Punkten, Schmidt hatte mit einer Serie von fünf Niederlagen (1:16 Tore) nicht gerade den Start eines Feuerwehrmanns.

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Die Niederlagen sorgen für finanzielle Probleme, die Zuschauer blieben aus, am Saisonende war der Schnitt auf 19.400 gesunken. Im Januar forderte der Verein die Spieler auf, auf 50 Prozent der Bezüge zu verzichten, sie lehnten ab. Nach Hannover fuhren sie, um zu sparen, mit sechs Pkw. Der DFB zahlte im März 1966 sogar 175.000 DM Überbrückungsgeld aus einem Solidar-Fonds der Liga, damit Gehälter gezahlt werden konnten und der Lizenzentzug vermieden wurde.

Schon zur Jahreswende stand Tasmania als Absteiger quasi fest, in den alle zwei Monate erscheinenden "Klubnachrichten" hieß es im März: "Bleiben wir Realisten. Für die Tasmanen ist die Geschichte der Bundesliga geschrieben. Sie haben zu wenig Zeit gehabt, die Tiefschläge zu verdauen, die von Freund und Feind kamen. Wären wir im Boxsport, hätte man eben doch das Handtuch werfen müssen." Am 28. Spieltag, man schrieb den 2. April 1966, war durch ein 0:4 in Köln auch der letzte theoretische Strohhalm gebrochen. So früh stieg keiner ab, nie mehr.

Nun ging es nur noch um Rekorde, die keiner haben wollte. Aber sie prasselten auf den Klub herein wie ein Hagelschauer. Rekorde für die Ewigkeit sind: die wenigsten Tore (15), die meisten Gegentore (108), die wenigsten Punkte (8:60), die wenigsten Siege (zwei), die längste Serie ohne Sieg (31 Spiele), die längste Niederlagenserie (zehnmal, später mehrmals eingestellt), die höchste Heimniederlage (0:9 gegen MSV Duisburg), die wenigsten Zuschauer vor Corona (827 am 15. Januar 1966 gegen Gladbach) - und das größte Mitleid.

Tasmania kommt nie mehr zurück

"Es tut weh, wenn man sieht, wie eine Mannschaft auseinander fällt", sagte Hannovers Trainer Helmut "Fiffi" Kronsbein nach dem 5:0 (und 39 Torschüssen). 28 der 34 Spiele verlor diese Mannschaft, da verdienen die Ausnahmen direkt Erwähnung. In der Rückrunde gab es noch fünf Punkte - 0:0 gegen Mönchengladbach, 1:1 gegen Kaiserslautern, das sich als einziger Klub dafür schämen muss, Tas nie geschlagen zu haben, 1:1 gegen Werder Bremen und am 33. Spieltag ein 2:1 gegen Borussia Neunkirchen. Damit riss an jenem 21. Mai 1966 die längste Horrorserie der Bundesliga, obwohl die Gäste noch einen Bestechungsversuch unternommen hatten.

In der Halbzeit, berichtete Torwart Heinz Rohloff noch Jahrzehnte später, sei jedem Spieler 1000 Mark von Neunkirchen geboten worden, wenn sie das Spiel verlieren würden. Rohloff und Co. lehnten ab. "Da muss mehr kommen", hätten sie damals gesagt. "Dazu waren die Neunkirchner aber nicht bereit. Also haben wir das Spiel gewonnen und sie mit hinunter in die zweite Liga genommen."

Neunkirchen kam noch einmal wieder, Tasmania nie mehr.

Aber in den Schlagzeilen stehen die Lucky Loser der Ligahistorie, die ihre Rekorde gar nicht mehr loswerden wollen, bis heute. Noch 2017 sagte Kapitän Becker: "Wir haben so lange ausgehalten, jetzt kann es auch noch ein bisschen weitergehen." Voller Stolz darüber, "dass immer noch über uns berichtet wird."

Wenn also Schalke eins der nächsten sieben Spiele gewinnen sollte, erlöst es nicht nur seine eigenen Fans...